Bob Hanning: Kritik an Verband "ist absolut angebracht"

Das Präsidium des Deutschen Handballbundes ergibt sich dem Druck von Ligaboss Uwe Schwenker. Von ihm ging die Inthronisierung des neuen Coaches Alfred Gislason aus. 

Berlin-Was Hemden und Sakkos anging, demonstrierten die Präsidiumsmitglieder des Deutschen Handballbundes (DHB), in Hannover   Einigkeit. Bis auf den blau-gemusterten Hemdkragen hielt sich auch DHB-Vizepräsident Bob Hanning an diesem offiziellen Termin an die inoffizielle Kleiderordnung, aber vielleicht war diese kleine Kragenabweichung ja auch schon Hinweis genug.  Denn sie saßen ja alle beisammen, um  die  plötzliche Inthronisierung von Alfred Gislason als Handball-Bundestrainer zu erläutern – und damit auch  die Trennung vom bisherigen Coach Christian Prokop. 

Alfred Gislason, umrahmt von einer Funktionärsriege um Bob Hanning.
Alfred Gislason, umrahmt von einer Funktionärsriege um Bob Hanning.

Der Schachzug, soviel wurde schnell deutlich, wurde in Kiel eingeleitet. Dort hatte Ligapräsident Uwe Schwenker Gislason als neuen König  der Taktiktafel aufs Parkett geschoben. Ganz offenbar drängte die Zeit. Jedenfalls wusste der frühere Manager des THW Kiel, dass  der frühere Trainer des THW Kiel mit dem russischen Handballverband über ein Engagement verhandelte. Er machte deutlich: „Ende der Woche steht Gislason nicht mehr zur Verfügung.“ Dieses Druckmittel wirkte.  Auch wenn es, wie Schwenker immerhin selbst bemerkte, „ein Geschmäckle“ hinterlässt.

Gislason als Fels in der Brandung

Schließlich hatte sich die DHB-Spitze in Person von Sportvorstand Axel Kromer noch während der eben zu Ende gegangenen Europameisterschaft in Wien klar für einen Verbleib von Prokop ausgesprochen. „Wir werden natürlich mit Christian Richtung Olympia gehen“, sagte Kromer vor nicht ganz drei Wochen. Und: „Wir sind überzeugt davon, mit Christian einen hervorragenden Weg eingeschlagen zu haben.“

Hanning, der Prokop federführend  2017 installiert und von der DHfK Leipzig losgeeist hatte, hatte sich ähnlich geäußert. Schwenker schaffte es aber in Windeseile, das Gros des Präsidiums davon zu überzeugen, dass ein anderer Weg der bessere ist.

Der Isländer Gislason, 60, stehe für einen Philosophiewechsel, sagte Schwenker. Mit seiner Erfahrung und seiner Souveränität sei Gislason ein „Fels in der Brandung, der an der Außenlinie den Spielern helfen kann“.

Analyse im DHB-Präsidium

Gislason, der bei Magdeburg lebt, sagte, es sein eine Art Traumjob für ihn, als Trainer für Deutschland zu arbeiten. Er sei ja schon lange im Kontakt mit dem DHB und  auch 2014 im Gespräch gewesen, als schließlich Füchse-Coach Dagur Sigurdsson  das Nationalteam übernahm.

Als Prokop bei der EM vor zwei Jahren schon einmal in der Kritik stand, brachte Schwenker Gislason erneut ins Spiel. Aber damals verknüpfte Hanning seinen Verbleib im DHB-Präsidium mit Prokops Weiterbeschäftigung. „Damals war es mir einfach wichtig, dass wir ihm die zweite Chance geben, weil ich davon überzeugt war, dass wir mit ihm Medaillen holen können“, sagte DHB-Vizepräsident und Füchse-Manager Hanning. Und jetzt? „War es so, dass Uwe Schwenker Alfred Gislason ins Gespräch gebracht hat. Dass wir nach der Analyse im Präsidium zu dem Entschluss gekommen sind, diesen Wechsel vorzunehmen“, meint Hanning.  

Hanning: "Eines der beschissendsten Telefonate"

Das sei ein demokratischer Prozess. „Ich habe eine Stimme. Man hat sich anders entschieden und gesagt, man will den Wechsel jetzt, weil die Erfolgswahrscheinlichkeit mit Alfred Gislason größer ist als mit Christian Prokop.“ Man darf also davon ausgehen, dass die Entscheidung unter den zehn Präsidiumsmitgliedern nicht 10:0 ausgegangen ist. Hanning betonte, ihm sei es wichtig gewesen, beim Telefonat mit Prokop dabei zu sein, auch „wenn es eines der beschissensten war“.

Die Rochade hat den Einfluss von Ligaboss Schwenker gestärkt. Ist sie also eine Niederlage für Prokop-Förderer Hanning? „Nee“, antwortete der Berliner, „natürlich hätte ich gern mit Christian die Erfolge gefeiert, die wir mit Dagur gefeiert haben. Ich habe gehofft, dass wir nach drei Jahren mit anderen Ergebnissen dastehen als wir es tun. Es gibt aber auch für vieles eine ehrliche Erklärung.“

Uwe Gensheimer spricht von einem Schock

Spielerverletzungen etwa. Die Mannschaft wurde, anders als nach der EM vor zwei Jahren, nicht zu ihrer Meinung befragt. Damals hatte das Team um Kapitän Uwe Gensheimer eine Trennung von Prokop befürwortet. Hanning und der DHB-Vorstand stützten den Bundestrainer aber. Nun sagte Gensheimer, die Nachricht von Prokops Ablösung sei „ein Schock“.

Der Manager der DHfK Leipzig, Karsten Günther sagte, er schäme sich für die Rolle rückwärts seines Verbandes, „er gibt gerade ein erbärmliches Bild ab“.  Das ist Hanning durchaus bewusst: „Für die Kritik habe ich volles Verständnis, sie ist auch absolut angebracht“, sagte er. „Wir haben das definitiv nicht gut gelöst und haben uns in der Situation ein bisschen dem Druck ergeben, mal durchatmen zu können.“  Nun, Uwe Schwenker ist schon zu seiner Zeit beim THW Kiel als versierter Strippenzieher bekannt gewesen.