Bob Hanning will bei der Handball-EM mit der Nationalmannschaft nach Stockholm.
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BerlinGerade aus dem Urlaub zurückgekommen, hat Bob Hanning der Berufsalltag bereits wieder fest im Griff. Am vergangenen Sonnabend war er bereits mit der A-Jugend der Füchse Berlin beim Silvestercup in Kaltenburg aktiv, weilte dann nur einen Tag in der Hauptstadt, um die deutsche Nationalmannschaft schließlich zum letzten Test vor der am Donnerstag beginnenden EM nach Wien zu begleiten.

„Wir haben überlegt, ob wir das Spiel machen sollen“, sagt der DHB-Vizepräsident und Füchse-Geschäftsführer bezüglich der Reisestrapazen, „doch dann waren wir schon mal in dem Hotel und in der Halle.“ Denn wenn die Vorrunde im norwegischen Trondheim erfolgreich bestritten wird – und davon geht Hanning aus – gastieren die Deutschen bereits in sieben Tagen erneut in der Österreichischen Hauptstadt. Um dort hinzukommen, benötigt das Team allerdings einen guten Start in das Turnier. Nach dem 33:25 gegen Island vor 10 000 Zuschauern in Mannheim konnte die Mannschaft von Bundestrainer Christian Prokop jedenfalls auch die Begegnung gegen Österreich positiv beschließen (28:32) und letzte taktische Feinheiten im Spielbetrieb erproben.

Pekeler als Kernspieler

In der Vorrunde im norwegischen Trondheim ist die Herausforderung zunächst überschaubar. Mit den Niederlanden, Lettland und Spanien als bevorstehende Gegner ist die zugeteilte Gruppe vergleichsweise einfach, betrachtet man zudem den Fakt, dass sich die ersten Zwei für die Hauptrunde qualifizieren. „Ohne Frage müssen wir die Niederlande und Lettland schlagen. Die wollen wir auch nicht größer reden, als sie sind“, erklärt Hanning. „Wenn ich mir über die Niederlande Gedanken mache, ist unser Anspruch falsch. Ich würde keinen unserer Spieler gegen einen der ihren tauschen. Nicht im Tor, im Rückraum oder auf einer anderen Position.“

Die Kader-Nominierung des Bundestrainers sieht der 51-Jährige ohnehin positiv. Mit Charakterspielern wie Tobias Reichmann und Uwe Gensheimer sei für Persönlichkeit gesorgt, der Rückraum gut aufgestellt und im Tor bilden Andreas Wolff und Johannes Bitter ein funktionierendes und erfahrenes Gespann. „Wenn wir eine Chance haben wollen, brauchen wir eine überragende Abwehr mit überragenden Torhütern“, sagt Hanning und verweist auf Hendrik Pekeler: „Er ist für mich der Kernspieler.“

Aus dem Rückraum muss etwas kommen. Da sind wir nicht Weltspitze besetzt.

Bob Hanning

Der 28 Jahre alte Kieler hat in der Bundesliga sowie in den letzten internationalen Turnieren bewiesen, dass er in der Defensive eine fundamentale Stütze sein kann und im Zusammenspiel mit seinem Vereinskollegen Patrick Wiencek das Abwehrzentrum zu organisieren weiß. Darüber hinaus ist der Kreisläufer im Angriff abschlusssicher und vielseitig anspielbar. Ihn dort zu finden, wird vor allem die Aufgabe des Berliners Paul Drux werden, der als eine Alternative für die Spielmacher-Position gesetzt ist. „Rein inhaltlich traue ich das Paul auf der Mitte zu, dafür müssen aber unsere Halben funktionieren. Aus dem Rückraum muss etwas kommen. Da sind wir nicht Weltspitze besetzt“, gibt Hanning zu bedenken.

Dennoch überwiegt der Optimismus. Die Mischung aus Erfahrung, Charakter und jugendlicher Frechheit kann seiner Meinung nach die Absagen von verletzten Akteuren wie Fabian Wiede, Martin Strobel und Steffen Weinhold kompensieren. „Die Ausfälle sind bitter, aber nicht zu ändern. Bei der gewonnenen Europameisterschaft war das schließlich auch kein Thema“, merkt der gebürtige Essener an.

Der Verweis zielt auf das Jahr 2016 ab, als der deutschen Nationalmannschaft der Coup schlechthin gelang. Der damalige Bundestrainer Dagur Sigurdsson musste auf zahlreiche Leistungsträger wie zum Beispiel Wiencek und Gensheimer verzichten, schaffte es aber aus zusammengewürfelten, jungen Spielern eine Mannschaft zu formen, die bei der EM in Polen durch Kampfgeist, Emotion und pure Entschlossenheit den Titel gewinnen konnte.

Die Erinnerung stimmt Hanning optimistisch: „Ich habe trotz der personellen Situation ein gutes Gefühl. Da ist schon im letzten Jahr etwas zusammengewachsen, was zusammen gehört.“ Schon im letzten Jahr, damit verweist Hanning auf die Weltmeisterschaft in Deutschland und Dänemark, die das Team von Christian Prokop als Vierter beschloss, nachdem das Spiel um Platz drei gegen Frankreich denkbar knapp mit 25:26 verloren ging. Wenngleich in dem Moment der Niederlage das Gefühl einer verlorenen Medaille überwog, kann das Turnier mittlerweile als Erfolg bewertet werden. Nicht nur, weil das gesteckte Ziel mit dem Halbfinale erreicht wurde, Deutschland wurde für drei Wochen mit dem Handball-Fieber infiziert. Mit dem Resultat, dass 11,9 Millionen Menschen das Halbfinale gegen Norwegen verfolgten und damit den TV-Quoten-Höchstwert im Sport auf- und selbst den König Fußball in den Schatten stellten.

Dass eine derartige Euphorie in diesem Jahr wieder ausgelöst werden kann, ist eher unwahrscheinlich. Auch weil die EM in diesem Jahr nur schwer zu verorten ist und für die Akteure, aber auch für die Anhänger mit den Spielorten Trondheim, Wien und Stockholm zur Europareise wird. „Ich bin persönlich kein Freund davon. Jeder hat ein bisschen, keiner hat alles“, erklärt Hanning seine Einstellung zu der Drei-Länder-EM und führt weiter aus: „Meiner Ansicht nach ist die Reise das grundsätzliche Problem, nicht die Belastung durch die Spiele.“ Aus persönlicher Sicht ist er jedoch froh, eine Woche in Wien zu sein. Hier kann man auf die Unterstützung der österreichischen – und vielleicht auch deutschen – Fans hoffen.

Hanning schaut auf Drux

Als Manager der Füchse gilt sein Augenmerk in den kommenden Wochen natürlich im Besonderen Paul Drux. Gerade bei einem seiner Lieblingsspieler wird das Belastungsmanagement entscheidend sein. Denn durch seine dynamische Spielweise ist der Kraftverbrauch bei dem 24-Jährigen hoch, besonders wenn er zusätzlich in der Abwehr spielt. Es wird zu den taktischen Aufgaben des Bundestrainers gehören, diesbezüglich ein gutes Gespür zu entwickeln. Dahingehend könnte die Vorrundengruppe einen Vorteil in sich bergen und viele Schon- und Wechselphasen erlauben. „Paul braucht Pausen“, weiß Hanning auch aus der Erfahrung als Klubmanager.

Paul Drux soll im deutschen Angriff die Fäden ziehen.
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In der Nationalmannschaft sind die Anforderungen an den Füchse-Spieler sogar noch höher. Während Drux im Angriff die Fäden ziehen soll, wird er in der Defensive zusätzlich im Mittelblock eingesetzt, um Wechsel zu vermeiden und das Tempo hochzuhalten. Das kostet nicht nur Energie, sondern kann gleichermaßen die Verletzungsgefahr erhöhen. Und einen weiteren Ausfall kann sich weder die DHB-Auswahl noch  die Füchse erlauben. Von den deutschen Nationalspielern mussten sich schließlich bereits Wiede, Simon Ernst und Silvio Heinevetter verletzungsbedingt abmelden. Ein unumgängliches Übel findet Hanning: „Da leidet man natürlich mit, aber Verletzungen gehören in unserem Job nun mal dazu.“

Genauso wie das Reisen. Und wenn es für die deutsche Auswahl schließlich noch nach Stockholm geht, ist sicherlich niemand traurig. Auch nicht Bob Hanning, der in diesem Fall sicher gerne etwas länger aus dem Koffer lebt.