Eine Lektion hat Julian Hohn mit seinen 17 Jahren bereits gelernt: Wenn er etwas Neues im Leben beginnt, sollte er vorsichtig an die Sache herangehen. Denn das kann schon mal in die Hosen gehen. Fürs Erste zumindest. Er war gerade mal acht Jahre alt, als ihm sein Vater zu Weihnachten ein Wakeboard schenkte.

Im Sommer hatte der Sohnemann bei einer Geburtstagsfeier am See erstmals auf Wasserskiern gestanden und war – wie sein Vater sogleich erkannte – begeistert und talentiert zugleich. Im April des nächsten Jahres wurde das Geschenk erstmals zu Wasser gelassen. „Die Freude damals hielt sich bei mir aber in Grenzen“, berichtet Julian. Es war saukalt, der Junge hat so gebibbert, dass er selbst unter dem neuen Neoprenanzug Gänsehaut bekam. „Nach einer halben Stunde war ich wieder runter vom See.“

Doch das ist bis heute eine Ausnahme geblieben Als es wärmer wurde, hatten Julians Eltern ein ganz anderes Problem: Sie bekamen ihren Sohn nicht mehr aus dem Wasser. „Mir hat das Wakeboarden von da an unheimlich Spaß gemacht, und ich wollte so schnell wie möglich alles lernen, was man dafür braucht.“ Julian Hohn lernte schnell. Schon ein Jahr später bestritt er seinen ersten Wettkampf in der jüngsten Klasse, die es beim Wakeboarden gibt – bei den Mini-Boys.

Das Brett war seinerzeit nicht viel kleiner als der Junge selbst, aber er beherrschte es gut. Der Lohn: Platz drei bei den Deutschen Meisterschaften. Der Coup: Der Neuling hatte sich damit sogleich für die Weltmeisterschaften qualifiziert, die in jenem Jahr in Neubrandenburg stattfanden. Bei seinem zweiten Wettkampf kamen die Gegner plötzlich aus Thailand, Australien und anderen Ländern, von denen er teils nicht einmal wusste, wo die eigentlich liegen. Egal. Julian surfte los – und belegte am Ende Platz vier!

Training auf dem Templiner See

„Da war ich überglücklich und mich hat das Fieber an dem Sport von da an noch mehr gepackt“, sagt er. An der Begeisterung hat sich bis heute nichts geändert. Meistens trainiert Julian mit seinem Wakeboard auf dem Templiner See, der nur wenige Kilometer entfernt von seinem Zuhause in Teltow liegt, oder in Bad Saarow.

„Ich bin oft bis zu acht Stunden lang auf dem Brett“, berichtet Julian. Müde wird er dabei nicht. „Mir macht das einfach Spaß, selbst wenn ich schon einige Stunden auf dem Brett gestanden und 60 Sprünge in den Beinen habe.“ Im Winter hält sich Julian Hohn mit Snowboarden in den Alpen und Surfen in Marokko, Südfrankreich, Spanien oder Dänemark fit. Keine schlechte Alternative, wie er festgestellt hat.

Doch das Wakeboarden ist ihm das Liebste. Diese Mischung aus Snowboarden, Wellenreiten und Wasserski. Mit dem etwa 1,50 langen und 50 Zentimeter breiten Brett kann man sich von einem Boot oder am Seil eines Liftes über einen See ziehen lassen und dabei Sprünge, Drehungen, Figuren und andere Tricks machen. „Es ist ein unglaublich schönes Gefühl“, schwärmt Julian. „Wenn ich auf dem Wakeboard stehe und mal einfach nur so dahingleite, denke ich manchmal: Krass, was wir Menschen alles können – sogar übers Wasser laufen.“

Viel Zeit, darüber zu sinnieren, nimmt er sich aber nicht. Denn einfach nur so gleiten, das reicht einem wie Julian Hohn nicht. Nebenbei passiert er während der Fahrt noch einige Hindernisse, dreht Pirouetten oder springt über eine Schanze bis zu gut vier Meter hoch hinaus. Natürlich nicht, ohne einen Salto oder andere Extras einzubauen. Julians Spezialsprung: Rückwärtssalto mit eineinhalb Drehungen.

Wer es so weit bringen will, der muss wie Julian Hohn schon besessen von der Sportart sein, jahrelang üben – und Schmerz ertragen können. Wakeboarden beansprucht vor allem die Gelenke, Schultern und Hüfte, weiß Julian zu berichten. „Drei Mal habe ich mir bei Stürzen die rechte Schulter ausgekugelt“, sagt er, „zwei Mal die linke – und einmal alle beide zusammen.“ Ist er mal nicht auf dem Wasser, erledigt er deshalb in der Regel seine Wege mit dem Fahrrad, egal wohin es geht. „Das stärkt die Muskeln und schont dadurch die Gelenke.“

Seinen rasanten Aufstieg in die Wakeboarder-Elite hat er aber auch einer Zufallsbekanntschaft zu verdanken. Am See lernte Julian vor einigen Jahren einen Mann kennen, der mit dem Wakeboard die tollsten Sprünge und Figuren machte. „Können Sie mir das auch beibringen?“ fragte Julian bescheiden an. Ja, er konnte.

Und wie. Was Julian damals nicht wusste: Der Mann heißt Janick Otto und ist 2013 Wakeboard-Weltmeister geworden. „Janick habe ich sehr viel zu verdanken“, sagt Julian. „Er hat mich damals unter seine Fittiche genommen und mir alles gezeigt, was ich heute kann.“

Längst sind sie Teamkollegen im Wakeclub Deutschland. Auch wenn das auf Umwegen geschah. Schuld daran war wieder das so verflixte erste Mal. Julian heuerte zuvor bei einem anderen Wakeboardverein an, flog aber nach kurzer Zeit wieder raus. „Ich hatte in zwei Monaten gleich drei Boards beim Training demoliert und bekam Stress mit meinem Teamchef.“ Schließlich kostet so ein Brett rund 650 Euro.

Wake-Masters auf der Boot & Fun

Doch der Wechsel hat sich für Julian gelohnt. Mit seinen 17 Jahren gehört er zu den talentiertesten und erfolgreichsten Nachwuchs-Boardern. Drei Mal war er in den Nachwuchs-Wettbewerben bereits Deutscher Meister. Seinen größten Erfolg errang er 2014 bei der Europameisterschaft in Ravenna, wo er in der Altersklasse U15 den zweiten Platz belegte. In dieser Woche will Julian Hohn zum Saisonende noch einen weiteren Titel einheimsen.

Auf der Berliner Messe Boot & Fun trifft sich vom 23. bis 26. November die Wakeboard-Elite. In einem extra dafür errichteten 20 mal 50 Meter großen Pool mit Seilzuganlage werden sie zum siebten Mal auf der Messe das Finale der Wake-Masters austragen. Julian will seinen Titel aus dem Vorjahr verteidigen. „Die Chancen stehen gut“, glaubt er, denn das erste Rennen der Masters in Hamburg hat der Teltower bereits gewonnen.

Allerdings könnte es seine Chancen schmälern, sollte es vor den Masters keine der zünftigen Partys geben, für die Wakeboarder angeblich berühmt sind. „Ich fahre am liebsten, wenn ich wenig geschlafen und zuvor gut gefeiert habe. Dann bin ich locker und nicht so aufgeregt.“

Ein Ziel für die nahe Zukunft hat er auch schon: Einmal Deutscher Meister bei den Großen werden. Möglich, dass es noch etwas dauert, bis er sich diesen Wunsch erfüllt. Denn gerade hat er eine Orthopädie-Schuhtechniker-Lehre begonnen. „Darauf will ich mich jetzt konzentrieren.“ Was nicht heißen soll, dass er künftig auf seine Leidenschaft verzichten will. Das käme ohnehin nur unter einer Bedingung zustande, sagt er: „Wenn mir jemand ein Haus auf Hawaii schenken würde. Ein Surfbrett inklusive.“