Frankfurt am Main - Mal angenommen, die Deutsche Fußball-Liga (DFL) hätte es gewagt, nicht den Europa-League-Teilnehmer VfL Wolfsburg, sondern den Europapokalstarter Eintracht Frankfurt für das erste Montagsspiel der Saison zu verpflichten: Das mal wieder sehr unterhaltsame Aufeinandertreffen mit Borussia Dortmund (2:2) wäre dann nicht an einem lauen Spätsommerabend, sondern an einem verregneten Frühherbsttag gespielt und garantiert von geharnischten Fanprotesten beider Lager begleitet worden. Aber auf so eine geballte Ladung Wut hatte niemand Lust.

Dass sich dann doch vor dem Jahreszeitenwechsel im Frankfurter Stadtwald eine explosive Mischung Unmut entlud wie bei einem unvermeidlichen Sommergewitter, hatte mit BVB-Kapitän Marco Reus und einem wiederkehrenden schwarz-gelben Verhaltensmuster zu tun. Wie der selbst ernannte Titelfavorit die  Adlerträger in der ersten Halbzeit im Spiel hielt und letztlich zweimal seinen durch Axel Witsel (11.) und Jadon Sancho (66.) herausgespielten Vorsprung hergab, erinnerte fatal an die Versäumnisse der Vorsaison. Mangelnde Konsequenz, fehlender Killerinstinkt auf Wiedervorlage.

Marco Reus kontert derb

Doch Reus schien die erneute Mentalitätsfrage so lästig wie ein heimtückischer Wespenstich beim letzten Tag im Freibad. „Das geht mir so auf die Eier. Das 2:2 war ein Mentalitätsproblem? Wir haben uns dumm angestellt beim 2:2, auf jeden Fall. Aber kommt mir jetzt nicht mit eurem Mentalitätsscheiß. Jede Woche immer dieselbe Kacke“ , giftete der 31-Jährige, der eigentlich auch deshalb zu „Deutschland Fußballer des Jahres“ gekürt wurde, weil bei ihm ein erstaunlicher Reifeprozess mit hoher Selbstreflexion zu besichtigen war.

Insofern überraschte die kurze Zündschnur des Anführers, der dann auch noch zur Dopingprobe musste. Immerhin hatte der erneut recht glücklos agierende Angreifer eingeräumt, dass sich fehlende Abgebrühtheit „wie ein roter Faden“ durch die jüngere Vergangenheit ziehe.

Derweil legte Sportdirektor Michael Zorc den Finger in die Wunde. „Wir sind nicht fokussiert aufs zweite Tor gegangen, wir haben ein bisschen rumgedaddelt“, rüffelte Zorc und schob nach: „Das war leichtfertig. So spielt keine Spitzenmannschaft.“ Die Mentalitätsfrage umschiffte der Manager vorsorglich.  „Das könnt ihr euch selbst beantworten“, sagte der 57-Jährige, um auf dem Absatz umzudrehen. Verbesserungsbedarf besteht offenbar genauso wie Redebedarf.

„Es gibt nie eine Phase im Spiel, in der wir richtig Kontrolle haben“, sagte Thomas Delaney, dessen unglückliches Eigentor am Ende einer Fehlerkette stand (88.). Vor den Augen von Bundestrainer Joachim Löw hatte sich Mats Hummels zu diesem Zeitpunkt wegen Rückenproblemen bereits auswechseln lassen müssen, aber der 30-Jährige wirkte auch längst nicht so souverän wie zuletzt in der Champions League.  Im Glauben an  die unbestrittene  individuelle Klasse lässt das Team die Zügel immer wieder schleifen: Schon in den Auswärtsspielen beim 1. FC Köln (3:1) und bei Union Berlin (1:3) war eine unpassende Laissez-faire-Haltung zu besichtigen.

Gift der Selbstüberschätzung

Das Spiel in Frankfurt erinnerte fatal an das merkwürdige 2:2 bei Werder Bremen, als die Westfalen am 32. Spieltag ihre prächtige Ausgangsposition im Titelrennen endgültig aufgaben. Im Sommer wurde der nächste Anlauf auf die Schale proklamiert, weil Zugänge wie Hummels, Julian Brandt, Thorgan Hazard oder Nico Schulz nicht nur als fußballerische Bereicherung gelten. Offenbar ist das schleichende Gift der Selbstüberschätzung aber nicht besiegt.

Insofern ist es erstaunlich, dass Cheftrainer Lucien Favre als Gegenrezept noch mehr Ballkontrolle will. „Viel Ballverluste für nichts“, lautete seine Erklärung fürs Systemversagen. „Wir haben nicht schlecht gespielt, aber nicht optimal, um einen Sieg zu erreichen.“  Der Schweizer wird seinen fachlichen Ansatz kaum verraten, aber zu einer Anpassung muss auch der  Taktiktüftler bereit sein, will der 61-Jährige  mittelfristig sein Tun im emotionalen BVB-Konstrukt nicht gefährden.

Ein Sieg gegen Werder?

Der Wetterumschwung könnte zumindest helfen, damit sich die erhitzten Gemüter wieder abkühlen. Um dann allerdings einen stürmischen Herbst zu verhindern, braucht es am Samstagabend im Heimspiel gegen den personell gebeutelten SV Werder einen Sieg. Vermutlich wird dafür die Qualität schon wieder ausreichen.