Julian Brandt weiß, was passiert: Er trifft zum 2:1 für Dortmund und schießt den BVB damit ins Achtelfinale.
Witters

DortmundDas große Finale in Champions League-Gruppe F ist doch noch ein denkwürdiger Europapokalkrimi geworden, mit zwei ebenso aufregenden wie knappen Partien in Mailand sowie in Dortmund. Und tatsächlich hat der BVB das Kunststück vollbracht, das Achtelfinale der Königsklasse zu erreichen Der ziemlich glückliche 2:1-Sieg gegen Slavia Prag reichte, weil Inter Mailand zeitgleich nur 1:2 gegen den FC Barcelona verlor. Aber die Italiener und die Dortmunder hatten sich immer wieder abgewechselt auf dem begehrten zweiten Rang im Tableau.

Sancho legt vor

Erstmals waren die Dortmunder in der vorläufigen Tabelle nach zehn Minuten auf dem angestrebten zweiten Platz angekommen. Jadon Sancho hatte einen schönen Angriff nach einem klugen Ball in die Tiefe von Julian Brandt und einem sauberen Querpass von Marco Reus zum 1:0 vollendet. Der BVB war zu Beginn hoch überlegen, hatte früh in der Partie beste Chancen auf weitere Treffer durch Sancho (4.), Mats Hummels (5.) und vor allem Reus (15., 23.), der zwei mal frei vor dem Tor der Tschechen aufgetaucht war.

Wie schon gegen Fortuna Düsseldorf sah das Offensivspiel des Teams im neuen 3-4-4-System zu Beginn sehr gut aus, obwohl Axel Witsel nach seinem häuslichen Unfall ausfiel. Für den Belgier, dem in diesem Konstrukt als einzigem defensiven Mittelfeldspieler eine wichtige Rolle zugefallen war, spielte Julian Weigl. Der „kennt das, er hat diese Position insbesondere unter Thomas Tuchel oft alleine gespielt“, sagte Sportdirektor Michael Zorc vor der Partie. Außerdem war der in der Bundesliga zuletzt gesperrte Hummels ins Team zurückgekehrt, Lukas Piszczek saß dafür auf der Bank.

Allerdings waren die Dortmunder defensiv längst nicht so stabil wie zuletzt. Immer wieder hielt der hervorragend aufgelegte Roman Bürki die knappe Führung mit großartigen Aktionen fest, nach einer halben Stunde hätte es gut auch 3:3 stehen können. Die Tschechen, die weder in Barcelona noch in Mailand verloren haben, waren ein hoch gefährlicher Gegner. „Die laufen 132 Kilomenter pro Spiel, das ist Weltrekord“, hatte BVB-Trainer Favre vor der Partie immer wieder gewarnt, und die vielen Möglichkeiten der Gäste beeindruckten die Dortmunder dann auch irgendwann. Zumal sie wirklich etwas zu verlieren hatten, nachdem der FC Barcelona in Mailand sogar in Führung gegangen war.

Plötzlich sah also alles ganz gut aus, doch statt sich von der günstigen Lage beflügeln zu lassen, wurde das Spiel der Gastgeber immer fehlerhafter. Es war kein Wunder, dass eines der sich häufenden Missgeschicke irgendwann bestraft wurde: In der 43. Minute rutschte Hummels bei einem Klärungsversuch im Mittelfeld aus, der Weltmeister von 2014 fehlte nun hinten in der Abwehr, so dass Milan Skoda viel Platz hatte, den Ball mit der Schulter auf Tomas Soucek weiterzuleiten. Der Mittelfeldspieler traf aus zehn Metern zum mittlerweile verdienten 1:1.

Optimistischer Blick

Das war ein Schock und weil ziemlich genau zur gleichen Zeit auch in Mailand der Ausgleich fiel, waren die Dortmunder doch wieder nur Dritter. Das Spiel war nun deutlich zäher, positiv formuliert griff die Mannschaft von Lucien Favre mit Geduld und ohne zu viel Risiko an, die Schattenseite dieser kontrollierten Spielweise war aber ein deutlicher Chancenschwund. Vor den Toren passierte nicht mehr viel, gefährlich war noch ein Schuss von Brandt (52). Doch die ruhigere Herangehensweise wurde belohnt. Nach einer Stunde fand Sancho eine Lücke in Slavias Defensive, Brandt kam an den Ball und traf aus spitzem Winkel zum 2:1. Aber die Tschechen wehrten sich, immer wieder musste der herausragende Bürki gefährliche Abschlüsse entschärfen, und als der Torhüter doch einmal geschlagen war, köpfte Ondrej Kudela aus zwei Metern am leeren Tor vorbei (74.). Drei Minuten später flog dann auch noch Weigl mit einer gelb-roten Karte vom Platz (77.), doch irgendwie retteten sie den Sieg über die Zeit.

Die gute Phase mit zuletzt zwei wertvollen Siegen in der Bundesliga setzt sich damit also fort für die Dortmunder, die während vieler Herbstwochen so sehr haderten. Das erste der offiziellen Saisonziele hat die Mannschaft trotz komplizierter Ausgangslage tatsächlich noch erreicht, und Lucien Favre wirkt plötzlich gar nicht mehr so sehr wie ein Trainer, dem die Arbeit an der Zukunft wichtiger zu sein scheint als das Hier und Jetzt. Mit Erfolgen in den bevorstehenden Partien in Mainz, gegen Leipzig und in Hoffenheim kann der Klub sich nun doch eine Ausgangsposition verschaffen, die als gute Grundlage für einen optimistischen Blick aufs kommende Jahr taugt.