Erling Haland erzielt das 1:0 für Borussia Dortmund gegen Schalke 04.
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DortmundDie Bilder von den Dortmunder Spielern, die am Sonnabendabend um kurz vor halb sechs vor der Südtribüne herumhüpften, sind um die Welt gegangen. Dort feierte eine Gruppe Fußballer, auf der Suche nach den intensiven Gefühlen, die so sehr dazugehören zu einem Revierderby – eine Suche, die vergeblich blieb. Es gibt wohl keine Szene dieses Bundesligaspieltages, die mehr über die Fußballereignisse des Wochenendes erzählt. Er sei „erleichtert“, sagte Dortmunds Sportdirektor Michael Zorc, während Sebastian Kehl, der Leiter der Lizenzspielerabteilung, sein emotionales Befinden mit dem Begriff „zufrieden“ beschrieb.

Das waren reichlich merkwürdige Worte angesichts des höchsten Dortmunder Derbysieges in der Bundesliga seit 1966, der eigentlich eine ordentliche Portion Euphorie hätte auslösen sollen. Zumal zur Genugtuung über den Erfolg und eine starke Leistung auch noch die bloße Freude über die gelungene Rückkehr in den Wettkampfbetrieb kam. Das Spiel funktioniert auch ohne Zuschauer, zumindest irgendwie, was fehlt ist der Generator der großen Emotionen: das Publikum. Und so wurde der Festakt vor der leeren Süd zu einem erfolglosen Versuch, das zu finden, was einen Derbysieger normalerweise erfüllt: das maximal intensive Glück. Ein Erfolg des BVB gegen Schalke sei „immer ein Festtag“, sagte Julian Brandt, aber eigentlich „möchte man Feste auch mit mehreren Menschen feiern, und nicht nur über einen Monitor, sondern auch in unmittelbarer Nähe.“

Der Wettkampf an sich hatte gleichwohl kein schlechtes Niveau gehabt, zumindest aus Sicht der Dortmunder. „Ich fand, dass wir ein richtig gutes Spiel gemacht haben nach dieser langen Pause und unter diesen besonderen Umständen“, sagte Zorc. „Ich kann der Mannschaft nur ein Kompliment machen, dass sie das umgesetzt hat.“ Sportlich setzte der BVB tatsächlich nahtlos das fort, was das Team im Januar, Februar und März begonnen hatte. Der BVB sei „spielerisch, technisch überlegen“ gewesen, sagte der Schalker Trainer David Wagner, dessen Team körperlich seltsam matt und leblos aufgetreten war.

Erling Haaland (29.), Raphael Guerreiro (45., 63.) und Thorgan Hazard (48.) trafen zu ziemlich günstigen Zeitpunkten für den BVB, woraufhin sich eine These aufdrängte, die sich in den kommenden Wochen womöglich erhärten lässt: Teams, die einen technischen und von individueller Qualität geprägten Fußball spielen, kommen in den leeren Stadien womöglich besser klar als Mannschaften, deren Spielweise stark von Emotionen, von Kampfkraft und einer hohen Intensität abhängt.

Ob die deutliche Schalker Unterlegenheit, „damit zu tun hatte, dass die Fanemotionen nicht da waren, das weiß ich nicht“, erklärte Wagner zwar, aber sein Kollege Lucien Favre sagte zum Auftritt beider Teams: „Ich hatte das Gefühl, das war nicht so engagiert, wie geplant.“ Wobei der Dortmunder Trainer einräumte, dass dieser Eindruck auch täuschen könne, weil die Verstärkung des Gesamterlebnisses durch ein volles Stadion gefehlt habe.

In jedem Fall kamen die technisch versierten Fußballer mit Talent für spielerisch anspruchsvolle Aktionen eindeutig besser mit der ungewohnten Atmosphäre klar als Kämpfer und Arbeiter. Der Auftritt Raphael Guerreiros war nicht nur aufgrund seiner beiden Treffer beeindruckend. Mahmoud Dahoud machte eines seiner besten Spiele für den BVB überhaupt, der heimliche Held der Partie war aber Brandt, der drei Treffer aufgelegt und zu einem weiteren Tor den vorletzten Pass geliefert hatte. Alle hätten sich „ein bisschen anpassen“ müssen, sagte der Nationalspieler, „am Ende ist Fußball aber Fußball, man versucht Spaß zu haben, den hatten wir teilweise“.

Den Verantwortlichen aus der Klubführung fiel das Empfinden dieser Fußballlust am Sonnabend noch etwas schwerer. Die Last der anstrengenden Wochen, in denen sie um die Fortsetzung der Saison gekämpft hatten, war noch nicht ganz abgefallen. „Ich glaube, es hat alles hervorragend funktioniert“, sagte Kehl, der für die Umsetzung des Hygienekonzeptes verantwortlich ist. „Das waren viele Dinge für die Spieler und den Trainer, die auch neu waren. Aber alle haben sich sehr konsequent an das gehalten, was wir ihnen mitgegeben haben.“

An die vielen neuen Vorschriften werden die Beteiligten sich aber sicher schneller gewöhnen als an die Stille auf den Rängen, die nicht nur die Atmosphäre und den Erlebniswert des Fußballs verändert, sondern auch das Spiel selbst.