Die Rue Doret, nördlich des Flughafens Tegel: Hier, im Norden Berlins, wo einmal die Grande Armee stationiert war, ist zwischen alten Eichbäumen das Boulodrôme zu finden. Gebaut im Jahr 1967 von den französischen Alliierten, um ihren Soldaten ein Stück Heimat in der Ferne zu geben; genutzt an diesem Sonntagmorgen als Austragungsort des ersten Wettkampfes um die Berliner Meisterschaft im Pétanque. Es ist kühl, aber die Sonne scheint. 24 Teams aus zwölf Vereinen treten an. Das Boulodrôme ist belebt wie vergleichbare Plätze in Paris, in Lyon, in Marseille.

Pétanque, eine Form des Boule, ist Nationalsport in Frankreich, und auch hierzulande dürfte es schon jeder einmal gespielt oder zumindest zugesehen haben; ob im Garten mit Freunden oder auf einem Parkweg. Spielen kann man zu zweit, als tête-à-tête, zu viert, als Doublette also, oder zu sechst, als Triplette. Immer dabei sind die zwei oder drei Stahlkugeln, die in Größe, Gewicht und Farbe identisch sind. An die hölzerne Zielkugel, auch Schweinchen genannt, sollten die Stahlkugeln möglichst nah ran rollen.

„Es beginnt immer der Leger, der mit seiner Kugel versucht, so nah wie möglich ans Schweinchen zu kommen“, erläutert Ernst Frey, Zweiter Vorsitzender des Ausrichtervereins Club Bouliste: „Beim Triplette wirft danach der Milieu, der Taktik und Spielablauf bestimmt. Zum Schluss wirft der Schießer, oder auch Tereur genannt, der zusieht, dass er die gegnerische Kugel vom Schweinchen entfernt und seine Teamkugel möglichst nah daran liegen bleibt.“ Den Satz gewonnen hat, wer nach dem Spielen aller Kugeln dem Schweinchen am nächsten kommt.

Die Schmach heißt Fanny

Der Laie gibt sich meist mit dem optischen Entscheid zufrieden. Nicht jedoch bei den Ligaspielen des Landes-Pétanque-Verbandes Berlin. Dort, wo es um einen Meistertitel mit Wanderpokal geht, wird ein Maßband genommen, um auf den Millimeter genau herauszufinden, wessen Kugel näher an der kleinen Kugel liegt. Pro Spiel gibt es insgesamt 13 Sätze.

Unter den gut 200 Teilnehmern auf dem mit 8 250 Quadratmetern großen Boulodrôme mit seinen 56 Bahnen ist auch der Franzose Bruno Gibard. Der 52-jährige Feinkostladenbesitzer aus Zehlendorf, spielt seit der Kindheit, naturellement. „Mein Vater ist 1982 nach Berlin gekommen und hat auch das Boulespielen mitgebracht, bien sûr. Ich habe allerdings erst Rugby gespielt und bin dann, nachdem ich zu alt dafür wurde, erst richtig zum Boulespielen gekommen.“

Es ist ein geselliges Spiel. „In Frankreich ist es Nationalsport, aber es geht um mehr als nur um Sport. Es ist das Freundschaftliche, die Kameradschaft, weswegen es jeder in Frankreich spielt“, sagt Gibard mit seinem französischen Akzent. Zwei Mal die Woche trainiert er mit seinem Team, das nur aus Franzosen besteht, die in Berlin und Brandenburg wohnen.

Gespielt wird in Tegel auf Naturbahnen aus kiesig-sandigen-lehmigem Untergrund, wie man es auch auf Gehwegen einer Parkanlage kennt. „Die Anlage wurde zu Alliiertenzeiten von den Offizieren benutzt. Normale Soldaten durften hier aber nicht spielen, die durften nur die Anlage herrichten“, sagt der Sportwart des Club Bouliste und Spielleiter des Turniers, Burkhard Klein. Heutzutage darf hier jeder spielen, auch Nicht-Mitglieder. Geöffnet ist die Anlage an sieben Tagen in der Woche, immer nachmittags. Falls es regnen sollte, gibt es eine beheizte Halle mit zehn Plätzen.

Dass Boule keine Altherrensportart ist, zeigt, was ein Spieler so wirft. „Die Kugel wiegt rund 700 Gramm. Bei einem Turnier wirft jeder Spieler gut zwei Zentner Stahl und macht gut 150 Kniebeugen“, berichtet Jürgen Reents, vom Landes-Pétanque-Verband Berlin. Trotzdem wird auch beim Ligaauftakt klar, dass der Nachwuchs fehlt. Im Club Bouliste trainieren nur vier Jugendliche.

Allerdings ist ein sehr erfolgreicher darunter. Sebastian Junique, 15, spielt in der Nationalmannschaft. Der Vater ist Franzose und hat ihn zum Boule gebracht. „Ich spiele am liebsten die Tereur-Position“, sagt der blonde Junge. Am Sonntag hat er im ersten Satz zu null verloren, eine Schmach, die im Boule den Namen hat: Fanny. Aber auch das gehört dazu.