So, wie man ihn in der Ringecke kennt: der Berliner Boxtrainer Ulli Wegner.
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BerlinUlli Wegner hatte den dunkelblauen Anzug an; die Krawatte in changierendem Blau. Blau, wie die Veilchen, die das Boxen oft fordert. Der Gala-Abend zur Verleihung der Herqul German Boxing Awards unter der Stuckdecke des Besenbinderhofs in Hamburg sollte ja auch sein Abend werden: der Abend des Berliner Boxtrainers Ulli Wegner. Das Veilchen folgte erst tags darauf.

Das Fest aber, das Hamburger Eventexperten kürzlich für 200 geladene Gäste aus Sport, Politik, Wirtschaft und Fernsehen organisiert hatten, verlief perfekt für ihn und seine Frau Margret: roter Teppich, Autogramme, Blitzlichtgewitter, Vier-Gänge-Menü, große Worte bei der Laudatio von Hamburgs Innensenator Andy Grote. Und Wegner, 77, den Grote „eine der herausragendsten Persönlichkeiten“ nannte, „die wir im Boxsport haben“, nahm auf der Bühne den Oscar-ähnlich modellierten Herqul für sein Lebenswerk entgegen.

Ehrung für Wegners Lebenswerk

Eine Fachjury hatte den Mann mit der stockheiseren Stimme, die klingt, als würde er mit Stahldübeln gurgeln, für die Auszeichnung in der Kategorie Lebenswerk erwählt. Wegner war gerührt. Wieder so ein Beweis, dass er richtig abgebogen war auf seinem Weg, der als Traktorenschlosser in Penkun in Vorpommern begonnen hatte und ihm als Boxer 1970 den Titel als DDR-Mannschaftsmeister mit Wismut Gera brachte. Als Amateur- und Profitrainer formte er Welt- und Europameister, machte Sven Ottke, Markus Beyer, Arthur Abraham und Marco Huck zu Weltmeistern für die Sauerland Event GmbH.

In Hamburg applaudierten die Gäste dem resoluten Senior, den die Menschen mit einem Handtuch um den Hals, einer Kappe auf dem schütteren Scheitel und markigen Worten in den Rundenpausen kennen.

Kündigung am nächsten Morgen

Im Saal saß auch eine Sauerland-Mitarbeiterin. Sie hatte ein Schreiben dabei, das sie Wegner am nächsten Morgen überreichen sollte: Seine Kündigung – nach 23 Jahren als Trainer von Team Sauerland. Es war nicht Firmengründer Wilfried Sauerland, 79, der seinem Weggefährten das Schreiben übergab. Auch nicht Sauerlands Söhne Kalle oder Nisse, die seit einiger Zeit als Macher auftreten, ließen sich den Empfang der Kündigung quittieren, sondern irgendeine Mitarbeiterin. „Es ist jämmerlich und geschmacklos wie man das überreicht hat“, sagt Wegner.

Eigentlich sagen das alle in der Boxszene. „Wie bescheuert kann man sein, jemanden so zu verabschieden? Ulli ist Kult. Er ist eine Legende“, findet der Magdeburger Boxpromoter Ulf Steinforth. „Ich war traurig, als ich von der Kündigung gehört habe, denn ich liebe meinen Trainer. Und er liebt das Boxen“, sagt der frühere Weltmeister Arthur Abraham.

Ende des Gyms in Berlin

Tölpelhafter kann man ein Firmenimage tatsächlich kaum beschädigen. Aber der Vorgang ist wohl bezeichnend für die Unternehmenskultur bei Sauerland Event, das dieser Tage offenkundig dem Ende entgegen zu trudeln scheint. Nicht nur Wegner wurde zum 31. Dezember dieses Jahres gekündigt. Auch den Nutzungsvertrag für das Gym im Berliner Olympiapark hat Sauerland zum Jahresende aufgelöst.

Der Boxstall, der in den 90er Jahren mit Hymne, Lasershow, Stars und Sternchen bei RTL populär geworden ist, wurde nach dem Engagement der ARD weitergereicht. Schon damals sank das Niveau der Kämpfe, Sat 1 übernahm 2015, seit 2018 ist Sport1 der Fernsehpartner. Dort soll der Vertrag, der bis Ende 2020 läuft, nun vorzeitig enden. Im Sommer kommenden Jahres wird wohl der letzte Sauerland-Abend bei Sport1 gezeigt. So lange läuft der Vertrag von Wegners Assistenzcoach Georg Bramowski mit Sauerland noch. Oder ist gar schon der Abend am 2. November in Koblenz, bei dem sich Leon Bunn und Enrico Kölling unter dem Motto „Fighting for Future“ duellieren, der letzte?

Vor dem Aus bei Sport1

„Gerade bei langlaufenden Verträgen können während der Vertragslaufzeit Anpassungen notwendig werden. Dies gilt natürlich auch für den Vertrag mit dem Boxpromoter Sauerland. Zu Einzelheiten der Lizenzvereinbarungen werden wir uns aber öffentlich nicht äußern“, formuliert Daniel von Busse, Chief Operation Officer TV und Mitglied der Geschäftsleitung der Sport1 GmbH. Ein Dementi klingt anders.

Dass Sauerland zuletzt einen Boxer nach dem anderen verlor, gilt als Grund für das Aus: Jack Culcay, Tyron Zeuge, Jürgen Brähmer oder Stefan Härtel haben sich umorientiert. Abraham sagt, er habe „so gut wie aufgehört“. 20 Topveranstaltungen pro Jahr, wie vereinbart, kann Sauerland nicht mehr liefern. In diesem Jahr waren es bislang acht. Von jährlich 4 Millionen Euro, etwa 200 000 pro Kampfabend sollen vereinbart sein, ist Sauerland weit entfernt. Außerdem schauten zu wenige Menschen den Box-Übertragungen zu.

Unzuverlässige Zahlungen

Und jetzt hat Sauerland den Motor seines Betriebs abgewürgt. So, als hätte in der eigenen Firma niemand mitbekommen, dass viele Zuschauer nur das Fernsehgerät einschalten, weil sie den Trainer aus Berlin-Tegel mit der Dübelstimme und dem Goldkettchen erleben wollen, der immer weiß, was er wann zu sagen hat. „Wir können es uns einfach nicht mehr leisten, für so wenige Boxer so viel Geld für den Trainer auszugeben“, wird Promoter Wilfried Sauerland in der Bildzeitung zitiert.

Die fetten Jahre sind vorbei. Immer wieder bemängelten Sauerland-Boxer die Zuverlässigkeit ihrer Gagenzahlungen. Nach einem abgesagten Kampfabend in Potsdam wollte der Promoter die Rechnung für stornierte Hotelzimmer nicht begleichen. Zu oft blieben Hallen wie die in Gummersbach an Kampfabenden halb leer. Und das Projekt der World Boxing Super Series (WBSS), in das sich Kalle Sauerland vor vier Jahren stürzte und das mit einem Preisgeld von 50 Millionen Dollar zur Champions League des Sports werden sollte, haut auch nicht hin.

Defizite in Millionenhöhe

Die Schweizer Comosa AG ist Veranstalterin der WBSS, sie gehört mehrheitlich zum Medien- und Entertainment-Konzern Highlight von Bernhard Burgener, dem Präsidenten und Eigentümer des Schweizer Fußballklubs FC Basel. Nach Recherchen der Luzerner Zeitung hat Burgeners Firmengruppe, die 90 Prozent der Comosa hält, nun „weitgehend die Verluste zu tragen, die sich in den ersten zwei Kampfsaisons aufgetürmt haben. Die kumulierten Defizite betragen gemäß publizierten Geschäftsberichten über 50 Millionen Franken.“ Kalle Sauerland ist Leiter des Boxgeschäfts bei Comosa.

Im Juni wurde die überschuldete AG saniert: verrechnete Darlehen, neue Mittel, laut Luzerner Zeitung reichte das Neugeld nicht aus. „Bereits im Mai besorgte sich Burgener 6 Millionen Euro, um Comosa mit einem kurzfristigen Kredit zu versorgen. Er bediente sich bei der Firma Constantin Medien, die ebenfalls zum Konzern gehört.“ Dessen bekanntes Produkt ist Sport 1.

Unterschiedliche Auffassungen

Zwischen der Boxredaktion des Fernsehsenders und Sauerland gab es unterschiedliche Auffassungen, was die Qualität der Kampfabende und den Aufbau von Athleten betrifft. So hätte Sport1 gern auf die Berliner Boxerin Nina Meinke, inzwischen EBU-Europameisterin im Federgewicht, gesetzt. Sie wurde von Sauerland jedoch verprellt. Anfragen ihres Vaters und Managers Christian Meinke blieben unbeantwortet. „Dass Sauerland das Ding an die Wand gefahren hat, wundert mich nicht“, sagt Christian Meinke, der in Berlin ein Ingenieurbüro leitet, „es war die komplette Chaotik. Viel zu viele Ansprechpartner, Freddy Ness (ehemaliger Sauerland-Geschäftsführer, d. Red.), Kalle, Nisse, dann mischt der Vater auch noch mit. Das war nur noch unstrukturiert. Nach meinem Gefühl hat bei Sauerland das Herzblut gefehlt.“

Ulli Wegner ist ein Leben lang mit Herzblut in der Trainingshalle gestanden. Gerade hält er mit Assistent Bramowski und den Boxern Abass Baraou, Bunn und Albon Pervizaj ein Trainingslager in Liechtenstein ab: Ausdauer, Läufe, zwölf Runden am Sandsack. Wegner sagt, die Kündigung sei sozial kein Problem für ihn, er habe andere Angebote. „Aber sie ist ein Problem für meine Jungs, die ich zur Weltspitze führen wollte.“

Der Anwalt ist eingeschaltet

Sein Anwalt Christoph Schickhardt meint: „Es bedarf jetzt einer Gesamtvereinbarung mit Sauerland.“ Über die Zeit beim Boxstall gebe es nichts Negatives zu sagen. Die Art und Weise der Kündigung sei aber sicher nicht „die hohe Schule der Diplomatie“ gewesen „nach so vielen Jahren bei so alten Hasen, die sich sehr viel wechselseitig zu verdanken haben“. Das macht die Sache nicht einfacher.