"Das hat so viel Bock gemacht": Nina Meinke bei ihrer Titelverteidigung.
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BerlinNina Meinke sagt, sie mag diese Atmosphäre. Sie hat sich in der Spandauer Bruno-Gehrke-Halle zusammen mit Sven Ottke an einen Stehtisch gestellt. Um sie herum: Boxer und Boxer-Kumpel, Testosteron unter Kapuzenpullis und Caps, ein unglaublicher Geräuschpegel. Alle warten  auf ihren Einsatz beim 40. Juliusturm Pokalturnier in Berlin. Und viele hoffen, später von den beiden   Boxprofis eine Medaille oder gar einen Pokal überreicht zu bekommen.

Ottke, Nina Meinkes  Patenonkel, hat viele Stunden seiner Jugend in den Trainingsräumen im Untergeschoss der Halle verbracht. Seine Mutter führte damals die Kantine, sein  Vater arbeitete als Hallenmeister. Und oben unter dem Dach lebten die Ottkes in der Dienstwohnung. „Ich konnte trainieren, wann ich wollte. Sonnabend, Sonntag, das war total genial“, sagt Ottke.  Er ist nach langer Zeit mal wieder in Berlin, auch um die Meinkes zu besuchen.

Erste deutsche EBU-Europameisterin

Denn Nina Meinkes Vater Christian  ist einer von Ottkes besten Freunden. Daher war Nina  als Kind oft mit in Ottkes Kabine. Sie erlebte seine Anspannung mit, trank  Tee mit dem Berliner Boxer, der zwischen 1998 und 2004 Weltmeister im Supermittelgewicht war. Nina Meinke liebte schon damals die  Atmosphäre bei Kämpfen. Jetzt ist sie selbst Boxerin: elf Profikämpfe, zwei Niederlagen, ein Titel.

Nina Meinke ist Europameisterin im Federgewicht. Als erste Deutsche hat sich die 26-Jährige vor etwa einem Jahr in Dessau den Gürtel der European Boxing Union (EBU) mit einem Punktsieg über die Tschechin Lucie Sedlackova erkämpft. Diese Chance genutzt zu haben, war wichtig für ihre Karriere, die beim Spandauer Box-Club begann. Denn zuvor hatte sie im Kampf um den WM-Gürtel eine Niederlage gegen Elina Tissen einstecken müssen. „Das ist mental so eine Sache. Als ich das Angebot bekam, um die EM zu boxen, habe ich mich tierisch gefreut, wow.“

Gleichzeitig zweifelte Meinke: „Kann ich das?“ Sie machte sich Druck nach der Niederlage, kam aber zu dem Schluss: „Wenn ich nach oben will, muss ich alles mitnehmen.“ Im Training bei Kay Huste hatte sie viel umgestellt.  „Wir waren viel im defensiven Boxen, im Rückwärtsgang.“ Ein Stil wie Sven Ottke. „Wie Svennie, genau, das war aber nichts für mich“, sagt Meinke.

Im Vorprogramm von Klitschko

Sie ist eine Boxerin mit schnellen Beinen, die gern Gegenangriffe einbaut. Sie arbeitete am Deckungsverhalten. „Als ich gemerkt habe, dass es im Kampf anschlägt, hat es auf einmal so viel Bock gemacht. Pro Runde. Ich habe nicht gedacht: Wann geht es vorbei. Ich habe mich auf jede Runde gefreut.“ Meinke hat sich dort, wo Kaffee und Brötchen verkauft werden, wo früher Sven Ottkes Mutter Buletten und Brause in die Durchreiche stellte, auf einen Tisch gesetzt.  

Nach der Niederlage war der EM-Titel für Meinke doppelt so viel wert. Sie habe viel über sich gelernt, sei kritischer geworden, sagt Meinke. Auch aus ihrer ersten Niederlage 2017 als Vorkämpferin des WM-Duells zwischen Wladimir Klitschko und Anthony Joshua vor 80 000 Zuschauern im Wembley-Stadion    gegen  Katie Taylor habe sie gelernt. Viele sagten damals, der Kampf gegen die gnadenlose Irin käme zu früh. „Das mag sein. Aber ganz ehrlich, wenn ich immer auf den richtigen Moment warte, woher weiß ich, ob der dann noch mal kommt?“, fragt Meinke.

"Wertschätzung für den Schweiß und das Blut"

Die Offensivhaltung liegt ihr.   Aber sie merkte, wie wichtig das Team an ihrer Seite war. Ihr Freund Serdar Sahin, selbst Profiboxer, ihr Vater,  der sie managt, die Mutter, ihr Trainer. „Wichtig war, dass ich mich fallenlassen konnte und aufgefangen wurde“, sagt sie. Immer wieder hat sie Hürden gemeistert. Mit 16 ging sie nach England, um dort Abitur zu machen und zu boxen. 2015 brach sie sich den Mittelhandknochen. Sie biss sich durch, wurde Europameisterin, verteidigte den Titel im April dieses Jahres gegen Helene Lascombe aus Frankreich – und brach sich nun wieder die linke Hand. Im Urlaub. Sie rutschte auf der Hoteltreppe aus – wieder alles anders.  Jetzt trainiert Meinke  mit Therabändern. Kraft, Kondition, Führhand.    

Sie will es zum WM-Kampf bringen. Dass sie zum ersten Mal für die Wahl zu Berlins Sportlerin des Jahres nominiert ist, hat sie unglaublich gefreut: „Das ist für mich Wertschätzung für den Schweiß und das Blut, das man im Training gelassen hat.“ Bei der Gala ist sie schon öfter gewesen. „Früher bin ich immer mit Svennie und meinem Vater hin. Das war cool, weil ich den Ball toll finde“, sagt Meinke. „Aber ich hätte nie damit gerechnet, dass ich   vielleicht da stehen könnte“ – an einem Stehtisch in ganz  anderer Atmosphäre als in der Bruno-Gehrke-Halle.

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