Andy Ruiz Jr.  und Anthony Joshua beim Wiegen in Riad.
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BerlinDer Promoter Eddie Hearn stand bei einem seiner vielen Fernsehinterviews der vergangenen Tage irgendwo auf einem Balkon in    Dirija, einem Vorort der saudi-arabischen Hauptstadt Riad.  Es war schon  dunkel. Übermächtig ragte die neue Boxarena hinter Schultern und Kopf des Briten ins Bild. Ein rechteckiger Kasten im Stil eines venezianischen Palastes, angestrahlt in den Farben Lila, Grün, Rot und Gelb.

Diese Open-Air-Arena mit 15.000 Sitzplätzen wurde innerhalb von sechs Wochen im Auftrag der   saudi-arabischen Sportbehörde unter Anleitung der Londoner Arena Events Group gebaut, die auch Wimbledon Tennis, den Ryder Cup und die PGA European Tour der Golfspieler als Kunden betreut. Hearn deutete auf die erleuchtete Fassade: „Das könnte in Rom sein, es könnte The Venetian in Las Vegas sein“, sagte er mit strahlender Miene ins Mikrofon des Online-Boxsenders IFL TV, „aber wir sind hier. Bereit, dass es losgeht.“

Losgehen wird diesen Samstag (23 Uhr, DAZN) das Ringspektakel Clash on the Dunes, Zusammenstoß auf den Dünen. Sportlich geht es bei dieser Kollision um den Rückkampf zweier Schwergewichtsboxer. Der im Madison Square Garden überraschend entthronte Brite Anthony Joshua  versucht, Weltmeister Andy Ruiz jr. aus den USA die Gürtel der Boxverbände WBO, IBF und IBO sowie den des WBA-Superchampions wieder zu entreißen.

Ich bin kein Freund dieses Austragungsortes. Man kann Profitmaximierung nicht in einem Unrechtsstaat anstreben.

Bernd Bönte, früherer Klitschko-Manager

„Dadurch, dass es im ersten Kampf eine Riesensensation war, dass dieser schwabbelige Ruiz den Mann besiegte, der die Klitschko-Ära beendet hat, ist beim zweiten Kampf jetzt die ganze Welt gespannt“, sagt der frühere deutsche Schwergewichtsboxer Axel Schulz.

Aber durch den Schauplatz in Saudi-Arabien, einem Staat, der Menschenrechte verletzt,    Krieg im Jemen führt, Oppositionelle und Frauenrechtlerinnen unterdrückt, Andersgläubige diskriminiert und zuletzt mit der grauenhaften Ermordung des regierungskritischen Journalisten Jamal Khashoggi   weltweit geächtet wurde, geht es um mehr: um Provokation, Polarisierung, PR und Profit.

Der neue Don King?

Aber darüber spricht Hearn, dieser   smarte Chef von Matchroom Boxing, als Promoter von Joshua natürlich nicht.   Stattdessen versucht der 40-Jährige den Clash of the Dunes in eine Reihe zu rücken mit dem Thrilla in Manila und dem Rumble in the Jungle. „Wir haben es geschafft, dass die ganze Welt einem der größten Schwergewichtskämpfe aller  Zeiten zusieht“, jubiliert er. „Es wird ein massiver Moment fürs Boxen.“

Die Börse für Joshua soll 85 Millionen Dollar betragen, die für Ruiz bei 13 Millionen Dollar liegen. „Und natürlich ist das Finanzielle ein beträchtlicher Faktor, wenn du eine Entscheidung triffst“, sagt Hearn.

Ist der Mann aus Essex also der neue Don King, der Mitte der 70er Jahre den Thrilla in Manila organisierte und beim Rumble in Kinshasa mit Diktator Mobutu kooperierte? „Matchroom ist neben Al Haymon und Top Rank extrem einflussreich im Boxen. Sie haben das Glück, dass sie mit Joshua den am besten zu vermarktenden Boxer im Schwergewicht haben. Ich bin kein Freund dieses Austragungsortes. Man kann Profitmaximierung nicht in einem Unrechtsstaat anstreben“, sagt der frühere Klitschko-Manager Bernd Bönte. „Aber Eddie Hearn kann man trotzdem nicht mit Don King vergleichen. Der hat sein ganzes Leben lang versucht, Sportler, Manager und andere Promoter über den Tisch zu ziehen. Eddie Hearn hingegen ist ein seriöser, gerader Businesspartner.“

Er hatte, so erzählt der Brite jedenfalls, den Rückkampf schon in Cardiff organisiert. Aber dann habe ihn Prinz Khalid bin Salman Al Saud angerufen, ihn bekniet, diese WM in Saudi-Arabien stattfinden zu lassen. In Dirija, einem Ort, der exemplarisch  für den religiösen Fanatismus des Wüstenstaates steht. Hier verbündete sich einst der Stamm der Saud mit dem Prediger Mohammed Bin Abd al-Wahhab, der alles, was von seiner Koran-Auslegung abwich, zu Teufelszeug erklärte.    Musik hören etwa. Seine ultrakonservative Lehre gilt in Saudi-Arabien als Staatsdoktrin. Neuerungen verurteilt sie.

Eine Erneuerung und damit eine Provokation der Wahabisten strebt jedoch Kronprinz Mohammed bin Salman Al Saud an. Der bärtige Königssproß, der mit der Tötung des Journalisten Khasoggi in Verbindung gebracht wird, einerseits Frauen endlich das Autofahren erlaubte, andererseits Frauenrechtlerinnen foltern lässt,  will sein Land  neu ausrichten.   Seine Vision 2030 ist ein Billionen-Projekt. Darin sieht er vor, sein Land langfristig vom Öl unabhängig zu machen. Tourismus könnte ein neuer  Wirtschaftsfaktor werden.

Imagekorrektur auf Sportwashing

Wie zuvor Nachbarstaat Katar setzt Saudi-Arabien zur Imagekorrektur auf Sportwashing, wie es Amnesty International nennt:  So findet der spanische Supercup der Fußballer ab 2020 für drei Jahre in der saudi-arabischen Küstenstadt Dschidda statt. Gerade war die Formel E in Dirija zu Gast, erstmals führt die Rallye Dakar im Januar 2020 durch die saudische Wüste, das Land bewirbt sich um einen Formel-1-Grand-Prix. Dazu wird demnächst das Fest des Pferdesports in Dirija gefeiert, im Dezember steigt das erste Profi-Tennisturnier in der neuen Dirija-Arena.

Und die Sportler? Machen mit. Andy Ruiz jr. drohte anfänglich zwar, er werde aus moralischen Gründen nicht in Riad kämpfen. Jetzt steht er aber parat. „Die haben bestimmt Geld draufgelegt und gesagt, beweg deinen Arsch, du bist Berufssportler“, mutmaßt Axel Schulz.

Wobei der Kampf ohnehin auf den europäischen Markt ausgerichtet ist. Dank eines Milliarden-Deals über acht Jahre mit dem Streamingdienst DAZN und eines Fernsehvertrages mit Sky Sports malt sich Eddie Hearn den Sonnabend in britischen Wohnzimmern so aus: „Wir glänzen im Rücken der Partie zwischen Manchester United und Manchester City.“ Nach Schlusspfiff steuere man über die Vorkämpfe  auf den Showdown in der Wüste zu. In den USA ist es da erst früher Nachmittag – und bei der Veranstaltung von Eddie Hearn stellt Don King lediglich einen Boxer für die Undercard.