BR Volleys-Manager Kaweh Niroomand und Klub-Maskottchen Charly.
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BerlinVor sechs Jahren ist es ein Scherz gewesen, als  Kaweh Niroomand sagte: „Wenn das so weitergeht mit der deutschen Volleyball-Liga, muss ich mich in der polnischen Liga anmelden.“ Jetzt ist aus dem Scherz Ernst geworden. Die vergangenen Corona-Wochen haben dem Manager der BR Volleys deutlich gemacht: „Wir können in der deutschen Liga nicht mehr weiter wachsen. Wir brauchen eine Umgebung, in der die anderen Vereine auf einem Niveau sind, was Marketing, Vertrieb, Event und Infrastruktur angeht.“ 

Für die kommende Bundesligasaison, von der noch keiner weiß, wann und wie sie beginnt, haben die BR Volleys zwar fristgerecht eine Lizenz für die Deutsche Volleyball Liga (VBL) beantragt. Allerdings vor allem deshalb, weil es für einen Wechsel ins Volleyball-Land des Weltmeisters Polen rechtlicher Klärungen  sowie der Zustimmung des Europäischen Verbandes bedarf und die Lage bei der Grenzöffnung ungewiss ist.

Schaut man zurück in den März 2014, wird klar, weshalb Niroomand und Mitgeschäftsführer Matthias Klee auf der Suche nach einer Perspektive außerhalb der VBL sind. Damals war Erstligist Bottrop die Lizenz entzogen worden, Haching und Moers standen vor dem Aus. Die Liga war eine Pleiteliga mit nur zehn Klubs, außer Berlin und Friedrichshafen gab es keine Titelkandidaten.

Schon damals monierte Niroomand, der Ligaverband müsse einen Ligasponsor besorgen, einen millionenschweren, und die Klubs an ihren Standorten prosperieren – sonst gingen den BR Volleys die Gegner aus. Nun ist die VBL wieder an so einem Punkt. Der VC Eltmann scheiterte: Insolvenz. Die Alpenvolleys Tirol-Haching beendeten ihr deutsch-österreichisches Projekt. Rottenburg zog sein Team   aus Geldmangel  zurück. Wieder sind nur zehn Erstligisten übrig.  Einen Ligasponsor wie etwa im Basketball gibt es trotz Fernsehvertrag mit dem Sender Sport 1 noch immer nicht. Ausnahmegenehmigungen für kleine, niedrige Hallen wie in Herrsching oder Lüneburg gelten länger als geplant.

Und während sich die BR Volleys einem Budget von drei Millionen Euro annähern, schaffen es die meisten Erstligaklubs längst nicht mal zur Million. Jahrelang haben sich die BR Volleys als Lokomotive im deutschen Volleyball verstanden, die Konkurrenz mit Konzepten, Arbeitspapieren, Rat unterstützt. Der Masterplan der Liga sah eine schrittweise Professionalisierung aller Klubs vor. „Aber das alles setzt voraus, dass die Waggons mitkommen“, sagt Niroomand.

In dieser Saison, die im März vor dem vorletzten Hauptrundenspiel abgebrochen wurde,  gewannen die BR Volleys von 22 Spielen auf nationaler Ebene 22. Weil beide Diagonalangreifer verletzt waren, traten sie im Dezember 2019 in Friedrichshafen ohne Hauptangreifer an – und siegten trotzdem. Meister wurden sie nicht. Niroomand piekt die VBL-Entscheidung, keinen Titel zu vergeben, und die Art der Verbandskommunikation darüber noch immer.

Wer soll den BR Volleys künftig Paroli bieten, wenn sie ihren Champions-League-Kader  behalten? Ob Dauerrivale VfB Friedrichshafen Niveau und Budget wahren kann, ist fraglich. Ob Frankfurts Mäzen Jörg Krick weiter Summen wie bisher in die United Volleys steckt, nachdem sein Sohn Tobias nach Italien wechselt, ist offen. „Wir haben die Wahl, uns zurückzuentwickeln, wieder in die Sömmeringhalle zu gehen, drei Mitarbeiter aus der Geschäftsstelle zu entlassen oder neue Perspektiven zu schaffen“, sagt Niroomand.  

Kürzlich hat er sich daher mit Liga-Verantwortlichen in Polen ausgetauscht. Dort  war man offen für Berlins Anschlussidee. „Wir hätten jedes Wochenende ein Topspiel und die Stars der Welt hier“, meint Niroomand, der in Berlin eine Community von mehr als 100.000 Polen  weiß und eine starke Liga als Argument für Spieler und deren Berater braucht. US-Mittelblocker Jeff Jendryk etwa wäre gern geblieben, weil er sich in der Stadt und der Mannschaft  wohlfühlte. Nun  wechselt er nach Polen, um sich zu entwickeln.  

Nach Ligaspielen gegen Bühl oder Rottenburg hatten alle zuletzt in den Champions-League-Duellen mit Russlands Topteams gemerkt, dass dort mehr Ballhöhe, Schlagstärke und Geschwindigkeit   erforderlich ist.

Schon vor sechs Jahren hatte Niroomand die Etablierung in Europas Spitze als Ziel der BR Volleys genannt. An dieser Mission hat sich seither nichts geändert, nur  wird die Lokomotive aus Berlin wohl demnächst auf anderen Schienen fahren.