Am Mittwoch ist es ein bisschen schwierig gewesen, Pierre Pujol zu erreichen. Man kann sich vorstellen, wie er zwischen Koffern und Kleiderschrank, Bad, Waschmaschine und Sporttasche hin- und hergewuselt ist. „Ich packe gerade meine Sachen“, hat Pierre Pujol gesagt. „Können wir später noch mal telefonieren?“ Aus später wurde – noch ein bisschen später.

Aber auf einen wie Pujol, der sich in seiner ersten Saison bei den BR Volleys mit seiner frischen französischen Art gleich in die Herzen der Berliner Volleyball-Anhänger gespielt hat, kann man ein bisschen warten.

Markt sondiert

Auch bei der Kaderplanung war ja zunächst mal Warten angesagt. Beim deutschen Meister haben sie den Markt lange sondiert und eigentlich hatten sie sich schon für einen anderen Zuspieler hinter dem Russen Sergej Grankin entschieden: für den australischen Nationalspieler Harrison Peacock. Aber der verletzte sich so schwer, dass er längere Zeit nicht zur Verfügung stehen kann. Daher planten Manager Kaweh Niroomand und Trainer Cedric Enard um.

„Wir haben danach geschaut, wer hinter Sergej unserem Team weiterhilft“, sagt Niroomand. Zu Pujol, 35, den er im November 2017 zum ersten Mal in schwieriger Lage nachverpflichtet hatte, nahm er schon vor einer Weile Kontakt auf. In dieser Woche kam der Vertrag mit dem 1,85 großen Schlitzohr zustande. Am Donnerstagnachmittag landet Pujol in Berlin.

Berlin als erste Wahl

Nach einem Jahr beim korsischen Team GFC Ajaccio, das er in der französischen Liga ins Play-off-Halbfinale führte, kehrt der erfahrene Zuspieler mit dem feinen Händchen und der großen Abwehrstärke zu den BR Volleys zurück. Er habe nichts Spezielles in seinen Koffer gepackt, sagte Pujol. Keinen aufblasbaren Weihnachtsbaum wie Angreifer Kyle Russell und keine Designer-Sneakers wie einst Steven Marshall. „Ich kann in jeder Art Turnschuh spielen“, sagt Pujol. Er ist ein unkomplizierter Charakter. „Ich kenne Pierre lange und gut. Er bringt einfach alles mit, ist ehrgeizig, erfahren und ein wirklicher Teamplayer“, meint Trainer Enard.

Pujol sagt, er habe auch andere Angebote gehabt. Aus Polen, aus Russland, aber „Berlin ist meine erste Wahl gewesen. Ich habe mein erstes Jahr in Berlin wirklich genossen. Ich wusste, das Training wird gut sein, die Organisation ist gut, meine Frau fühlt sich wohl – und an die unglaubliche Atmosphäre in der Max-Schmeling-Halle vor 4 000, 5 000 Zuschauern habe beste Erinnerungen.“

Der Trainer entscheidet

Auf der Zuspielerposition sind die Berliner kommende Saison nun mit dem russischen Olympiasieger Grankin und dem französischen Europameister Pujol so gut besetzt wie vielleicht noch nie. Die Erfahrung der beiden Dirigenten wird dem ansonsten recht jungen Team, in dem vorige Saison lange ein Anführer fehlte, helfen. „Sergej ist der erste Zuspieler. Aber wir haben eine Menge Spiele in drei Wettbewerben und wir haben eine Menge Reisen vor uns“, sagt Pujol. „Ich werde im Training 100 Prozent geben. Ich habe keine Rückenschmerzen mehr, ich habe in meinem ganzen Körper überhaupt keine Schmerzen, und am Ende wird der Trainer entscheiden, wie ich der Mannschaft weiterhelfen kann.“

Aus dem Berliner Team, mit dem Pujol 2018 Meister wurde, ist nur noch Mittelblocker Georg Klein im Kader. Aber mit Samuel Tuia und Nicolas Le Goff hat Pujol schon in Cannes und im Nationalteam zusammengespielt. Ob es vielleicht ein Vorteil in Auszeiten ist, dass der Trainer mit ihm Französisch sprechen, Hinweise geben kann, die der Gegner nicht versteht? „Nein, nein“, sagt Pujol. „Ich spreche mit Cedric lieber Englisch, denn unser Team soll ja verstehen, was los ist.“ Dann gluckst der Kerl mit dem Wuschelhaar. Man kann sich sein verschmitztes Gesicht zwischen all den Koffern und Klamotten vorstellen. „Kann aber sein“, fügt er an, „dass unser Englisch mit dem französischen Akzent am Ende auch niemand versteht.“