Berlin - Achtung, Aufschlag! Wie es geht, hat Benjamin Patch am Sonnabend im Spiel bei den Netzhoppers gezeigt, als er die Bälle im vierten Satz reihenweise wuchtig übers Netz katapultierte und die BR Volleys plötzlich sieben Punkte vorne lagen. Wie es nicht geht, hatten der Angreifer und seine Berliner Teamkollegen zuvor beim Heimspiel gegen Lüneburg vorgeführt. Nach der Partie voller Aufs und Abs, auch im Aufschlag, hatte Trainer Cedric Enard geschafft den Kopf geschüttelt und mit Blick auf das Champions-League-Viertelfinale gegen Itas Trentino gesagt: „Wenn wir sie mit unseren Aufschlägen nicht zerstören, haben wir keine Chance.“

Das italienische Topteam aus Trient kommt am Donnerstag (19.30 Uhr, xyzsports.tv) zum Hinspiel in die Max-Schmeling-Halle. „Bei Trentino arbeiten alle mit einem starken Topspin-Service. Sie machen damit enorm Druck, ihre Aufschläge sind sehr präzise“, weiß Enard. Besonders Trentinos niederländischer Angreifer Nimir Abdel-Aziz ist ein Aufschlag-Monster. Sowohl in der Champions-League-Statistik als auch in der holländischen Superliga hat er die meisten Asse serviert: 28 waren es bislang in den zehn Champions-League-Partien, die Trentino samt Qualifikation alle gewann.

„Nimir ist einer der stärksten Aufschläger der Welt mit einem Service von mehr als 120 km/h“, sagt Enard. „Gegen die besten Teams sind zwei Dinge entscheidend: Aufschlag und Annahme. Da müssen wir gewappnet sein, im Aufschlag den gleichen Druck entfachen. Das wird ein Schlüssel zum Sieg.“

Tim Carlé hat den wuchtigsten Aufschlag der Berliner

Am Montag spuckte die Ballmaschine 120-km/h-Geschosse in die Halle. Die Berliner trainierten Annahme. Am Dienstag und Mittwoch lag der Fokus auch auf den Aufschlägen, die im Volleyball viel über das Selbstvertrauen eines Spielers aussagen. „Der Aufschlag ist die einzige Aktion, in der du alleine bist“, sagt Enard. Alleine an der Grundlinie, alleine verantwortlich, die richtige Option, das richtige Ziel zu wählen. Zwischen dem Auftippen des Balls, dem Hochwerfen, Anlauf, Sprung und Schlag kann einem Spieler viel durch den Kopf gehen. 

Tim Carlé hat bei den Berlinern den wuchtigsten Aufschlag. Seine Technik ist herausragend. „Er hat alles, um zu verstecken, dass er einen kurzen Aufschlag wählt“, meint Enard. Aber Carlé kommt schnell ins Zweifeln und Wackeln, wenn ihm ein Fehler unterläuft. „Er braucht eine Grüne Karte“, sagt Enard. Eine Art Versicherung, dass es okay ist, Fehler zu machen. Denn Druck mit dem Aufschlag zu erzeugen, bedeutet gleichzeitig: Risiko wagen.

Benjamin Patch hat sich im Aufschlag sehr verbessert

Auch Mittelblocker Anton Brehme, der wie Carlé knallhart und extrem schnell aufschlagen kann, lässt sich noch oft von missglückten Versuchen verunsichern. Beide Spieler sind jung, wollen oft nach einem perfekten ersten Aufschlag einen noch besseren hinterherschicken. Dann sagt ihnen Enard: „Warum wollt ihr mehr? Euer Aufschlag war perfekt. Lasst den Gegner doch erst mal eine Lösung dafür finden. Wenn ihr das Risiko erhöht und einen Fehler produziert, liefert ihr dem Gegner die Lösung gleich mit. Das macht keinen Sinn.“

Zu denjenigen, die beim Aufschlagen kaum Fehler machen, aber dennoch Druck ausüben, gehören auf Berliner Seite Samuel Tuia mit seinem starken, kurzen und platzierten Service, sowie Sergej Grankin. Eder Carbonera, der den Ball am höchsten anwirft, „ist mit seinem guten Aufschlag zurück“, glaubt Enard, „und Benjamin hat sich in den vergangenen zwei Jahren sehr verbessert. Er muss einfach viele Wiederholungen machen, die Bewegung spüren. Er muss einfach das gute Gefühl aus dem Netzhoppers-Spiel beibehalten.“

Während bei Trentino in Dick Kooy und dem früheren Berliner Mittelblocker Srecko Lisinac zwei weitere Spieler mit je neun Assen in den Top Ten der Champions-League-Aufschlagstatistik notiert sind, taucht Brehme als erster Berliner mit fünf Assen an 34. Stelle auf, wobei Trentino bei deutlich mehr Spielen auch mehr Chancen auf direkte Aufschlagpunkte hatte.

Renan Michelucci, Cody Kessel und Pierre Pujol wählen die Flattervariante, wobei Letzterer von Enard oft am Satzende aufs Feld geschickt wird: „Pierre kann sehr gut in eine bestimmte Zone aufschlagen. Er kennt die Balance zwischen Risiko und Fehler. Außerdem ist er einer unserer besten in der Abwehr. Das kann am Satzende wertvoll sein.“ Jeder Spieler geht mit einem Aufschlagplan ans Werk, mit Spielern oder Zonen im Kopf, die anfällig sind oder den Gegner in ein Muster zwingen. Enard sagt: „Kein Team der Welt kann allein mit einem guten Aufschlag gewinnen. Aber wenn wir gut aufschlagen, können wir auch in Block und Abwehr gut sein. Wichtig ist, dass alle wirklich heiß sind.“