BR Volleys-Trainer Cedric Enard (r.) und seine Spieler  können nicht nur Bälle anschneiden, sondern zur Freude des Stadtmission-Kochs auch Gemüse.
Markus Wächter

Berlin - "So, und jetzt alle mal herhören“, sagt Klaus zu den großen athletischen Männern mit den schwarzen Poloshirts. Klaus, 53, ist der Chef in der Küche, auch wenn er zum weißen Kochhemd und der blau-weiß-gestreiften Schürze keine Kochmütze, sondern ein weißes Basecap trägt. „Als erstes: Hände desinfizieren und mit Seife waschen. Da hinten sind Schürzen und Handschuhe. Oder hat jemand eine Latex-Allergie?“ Die großen Männer sind die Volleyballprofis des deutschen Meisters und Pokalsiegers BR Volleys. Auch Trainer Cedric Enard ist mitgekommen in die Logistikküche der Berliner Stadtmission zum Social Day seines Vereins. 

Hier an der Lehrter Straße unweit des Berliner Hauptbahnhofes werden täglich rund 400 Essensportionen für drei Notübernachtungshäuser in der Stadt zubereitet. Libero Julian Zenger übersetzt für Angreifer Benjamin Patch die Frage nach der Latex-Allergie in englische Sprache. Die Spieler grinsen. Sie freuen sich auf ihren Einsatz, mal nicht am Netz, nicht auf dem Volleyballfeld. Es geht nicht um Punkte oder Titel, sondern darum, zu helfen, Essen für Obdachlose zuzubereiten. „Ich glaube, der wahre Sinn des Lebens ist die Liebe“, sagt Patch, „und Liebe bedeutet, Menschen zu helfen, Verantwortung zu übernehmen – und vor allem, wenn man in einer privilegierten Position ist, für diejenigen da zu sein, die einen schwierigeren Weg haben.“

Warum es dem Berliner Mittelblocker wichtig ist, zu helfen...

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Patch ist der Erste am Waschbecken. Und auch der Erste am weißen Schneidebrett. Er hat sich die Lauchstangen zurechtgelegt. Zenger und Trainer Enard vierteln die Weißkohlköpfe mit großen Messern. Mittelblocker Jeff Jendryk, Cody Kessel und Samuel Tuia schälen und schnippeln die Karotten klein. „Mir ist es sehr wichtig, dass wir den Leuten in Berlin helfen, denen es nicht so gut geht wie wir es haben“, sagt Mittelblocker Georg Klein, der mit Volleys-Kapitän Moritz Reichert abgepackte Hühnercurry-Portionen aufschneidet, um den Inhalt in große weiße Behälter zu leeren.

Neben der Kooperation mit der Hartmut-Spittler-Fachklinik und dem Deutschen Herzzentrum haben die BR Volleys ihr soziales Engagement seit Beginn der Vorsaison auf die Stadtmission erweitert. „Der Sport besitzt eine Vorbildfunktion und genau deshalb muss sich der Sport gesellschaftlich engagieren und soziale Verantwortung übernehmen“, erläutert Manager Kaweh Niroomand den Grund, weshalb sich der Verein nicht nur für Spitzensport und Nachwuchsförderung, sondern auch karitativ einsetzt. „Gerade in einer verstärkt polarisierenden Gesellschaft, in einer Zeit, in der die Ränder  mehr Zulauf haben als die Mitte, ist es wichtig, dass Sportler und Vereine ihre Werte in der Öffentlichkeit aktiv vertreten. Dazu gehören: Respekt, Gleichberechtigung und die Unterstützung sozial Schwacher.“

Obdachlosigkeit hat sich in Berlin zunehmend zu einer Herausforderung entwickelt. Die Gebrechen der Menschen, die auf der Straße leben, nehmen zu. Viele von ihnen haben  eine psychische Erkrankung, etliche sind suchtkrank. Zuletzt nahm die Zahl von Obdachlosen aus osteuropäischen Ländern stark zu. Vor einem Monat zogen rund 3 700 Freiwillige in 500 Teams in der „Nacht der Solidarität“ durch Berlin, um zu zählen, wie viele Menschen unter freiem Himmel leben. Eine endgültige Zahl kam nicht heraus, Schätzungen gehen von 6 000 Menschen aus, Tendenz steigend.

Weshalb Sport und Sportler eine besondere gesellschaftliche Verantwortung haben....

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„Diejenigen, die dringend Hilfe benötigen, haben oftmals keine starke Lobby. Aus diesem Grund haben wir uns entschieden, gerade diese Gruppe zu unterstützen“, sagt Niroomand. Die Stadtmission ist froh, über das ehrenamtliche Engagement der Sportler, das dabei hilft, „den Fokus auf unsere Arbeit zu lenken“, erläutert Stadtmission-Sprecherin Barbara Breuer. „Wenn fitte Sportler sich entscheiden, bei uns mitzuhelfen, vermittelt das ein positives Image.“

Klaus, der Koch, um dessen Hals eine Kette mit einem dicken Holzkreuz baumelt, gehört zu den mehr als 1 000 festen Mitarbeitern der Stadtmission. Hinzu kommen noch mal so viele ehrenamtliche Helfer. Klaus zeigt den Volleyballern, in welche Mülltonne sie die Karottenschalen kippen sollen. Er arbeitet seit sechs Jahren in der Küche, Vollzeit. Nach einer Therapie im Maßregelvollzug bringt ihm die Aufgabe Stabilität. Er sagt: „Kochen gibt mir was wieder, ich geb’ was wieder.“

Jetzt bereitet er täglich sechs Stahlwannen voll Fleischsuppe und zweieinhalb   vegetarisch vor; nur Suppe, die wird mit Löffeln gegessen. Auf Messer und Gabeln verzichten sie in den Notübernachtungen in Friedrichshain am Containerbahnhof, in der Kopenhagener Straße in Reinickendorf und in der Lehrter Straße lieber – aus Sicherheitsgründen.

Vorige Saison halfen die BR Volleys an mehreren Nachmittagen bei der Essensausgabe der Bahnhofsmission am Zoo. Sie lernten Helfer und Gäste kennen, unterhielten sich mit ihnen, hörten zu.  Der Verein spendete der Einrichtung einen neuen Tresen für die Essensausgabe. Mitte Januar besuchte die Mannschaft den Textilhafen der Stadtmission an der Storkower Straße, wo Kleider wiederverwertet werden. Die Zuspieler Sergej Grankin und Pierre Pujol fertigten Taschen aus Blaumännern, andere Spieler sortierten Pullover und Hosen.  

Magazinfotos von Angreifer Benjamin Patch

Vorige Woche beim Netzwerkabend des Klubs im Wedding-Theater kamen 15 000 Euro aus Sponsorenkreisen zusammen, die die Volleys mit ihrer Pokalprämie aufstockten und der Stadtmission spendeten. Zu Saisonbeginn brachte der Klub ein Magazin über sein soziales Engagement heraus, in dem  Menschen unterschiedlicher sozialer Hintergründe porträtiert werden. Patch fotografierte sie.

Wie der Angreifer Menschen aus allen sozialen Schichten mit seinen Porträtfotos eine Freude machen will...

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Oft musste er erst Zugang zu ihnen finden. So schloss er seine Kamera in den Spind der Bahnhofsmission  und unterhielt sich mit ihnen. „Es war kalt draußen, aber dadurch wurde es sinnbildlich wärmer. Irgendwann habe ich gefragt, ob ich sie auch fotografieren dürfe und sie waren offenherzig und bereit dafür. Diesen Sinneswandel zu spüren, war verrückt. Das hat mir gezeigt, wie wichtig Vertrauen ist“, sagt Patch.

Trainer Enard ist in der Logistikküche ins Schwitzen gekommen. Zu Hause kocht der Franzose gern, aber dort war er zuletzt wegen der vielen Spiele in drei Wettbewerben selten. „Ich finde es gut, dass wir unsere Zeit auch zum Helfen nutzen. Wir möchten als Volleyballmannschaft jemand sein für diese Stadt. Für die Spieler ist die Erfahrung gut. Sie relativiert Dinge – wenn sie klagen, sich beschweren. Sie zeigt ihnen, wie gut sie es haben.“

Klaus, der Koch, ruft den Volleyballern und ihrem Coach nach mehr als zwei Stunden gemeinsamer Cuisine zum Abschied zu: „Es war toll mit euch. Vielleicht spiel’ ich mal mit euch.“