BerlinPlötzlich stand der alte Kapitän wieder in der Trainingshalle des Horst-Korber-Zentrums. Nicht nur als Zuschauer. Nicht nur zur Aufnahme des Klub-Podcasts: Sebastian Kühner kam in schwarzem Trainingsshirt, schwarzer Trainingshose und Turnschuhen durch die Tür. Beinahe mit seinem früheren Wettkampfgewicht, körperlich fit, um mitzutrainieren. Seit er im Mai vor eineinhalb Jahren bei den BR Volleys seine Karriere beendete, erzählt der Zuspieler, „habe ich keinen Ball mehr angefasst“.

Aber das Gefühl für den Ball kam schnell wieder. Für das Bundesligaduell beim VfB Friedrichshafen an diesem Sonnabend (14 Uhr, Sport 1) steht der 33 Jahre alte Berliner plötzlich wieder im Aufgebot des deutschen Pokalsiegers und Meisters. Spielerlizenz und Trikot hat er schon, dazu einen ziemlichen Muskelkater aus den vergangenen Tagen. Es ist eine Art Notfall-Einsatz für den 2,03-Meter-Mann aus Hohenschönhausen, ein Comeback auf Zeit.

Vormittags widmete sich Kühner die ganze Woche lang im Homeoffice seinem Job als Projekt-Koordinator in der Neubau-Abteilung einer Berliner Wohnungsbaugesellschaft. In der Mittagspause fuhr er zum Olympiagelände, um im Volleys-Büro weiter zu koordinieren und später einen Stock tiefer beim Teamtraining dafür zu sorgen, „dass die Jungs nach der Verletzung von Sergej Grankin sechs gegen sechs trainieren können“, sagt Kühner.

Am Sonnabend hatte sich Grankin, der aktuelle Kapitän, vor dem Heimspiel gegen Giesen beim Aufwärmen einen Muskelfaserriss in der Wade zugezogen. Kühner war als Co-Kommentator in der Halle. Trainer Cedric Enard und Manager Kaweh Niroomand baten ihn sofort, einzuspringen. Denn der russische Olympiasieger fällt erst mal aus. 

Neun Stunden im Bus nach Friedrichshafen

Am Montag legte Kühner los. „Es ist gut, seine Energie dabeizuhaben. Er ist ein Kommunikator, immer fröhlich, immer optimistisch“, sagt Angreifer Benjamin Patch. Kühner hatte sich fit gehalten in den vergangenen eineinhalb Jahren, aber nicht auf Leistungssportniveau. Seine Pässe flogen dennoch genau. „Es hat einigermaßen geklappt, das Tempo zu finden. Die Angreifer müssen halt ein bisschen flexibel sein. Man springt nicht so hoch, wie man es kennt. Man ist nicht so schnell, wie man es kennt“, sagt Kühner. Kondition und Kraft fehlen ihm. Aber Pierre Pujol, der zweite Zuspieler, der BR Volleys, der Grankin ersetzt, hat im Training auf der anderen Netzseite ein Pendant. 

Nun fährt Kühner mit zum großen Rivalen VfB Friedrichshafen, neun Stunden im Bus. „Es ist toll, dass er mitkommt. Das letzte Mal, als ich dort mit ihm war, haben wir zusammen die Bundesliga gewonnen“, sagt Angreifer Patch. Das war im Mai 2019 in der ZF-Arena. Die ist mittlerweile wegen Einsturzgefahr geschlossen. 

Das erfuhr der VfB Friedrichshafen drei Wochen vor Saisonstart aus heiterem Himmel. Wegen Korrosionsspuren an einigen der 106 Stahlseile, die das Betondach stützen, wurde die Halle von heute auf morgen gesperrt. So verlor der VfB nicht nur seine Trainings- und Spielstätte, sondern auch die Büroräume der Geschäftsstelle, den Kraftraum sowie den Aufenthaltsraum mit Küche, wo die Spieler oft kochten und aßen. 

Nachdem das Team in verschiedenen Schulturnhallen der Gegend trainierte, hat der VfB seit Montag auf dem neuen Friedrichshafener Messegelände eine Heimat: die Zeppelin-Cat-Halle A1. Das Duell der alten Rivalen auf neuem Terrain also. „Es wird sicher komisch, wieder in einem Trikot einzulaufen, nachdem man mit dem Kapitel abgeschlossen hat. Aber ohne Zuschauer hat man sowieso nicht so dieses Wettkampfgefühl. Mit Zuschauern würde es ganz andere Emotionen hervorrufen“, glaubt Sebastian Kühner. Er wird nur im absoluten Notfall zum Einsatz kommen. Und er hofft vor allem eines: „Dass sich Pierre Pujol nicht auch noch verletzt.“