Braunschweig: Romantische Rotation

Torwarttausch von Woche zu Woche? Leistungs-Check Monat für Monat unter der Latte? Was bei Eintracht Braunschweig vom Trainerteam um Torsten Lieberknecht gerade zwischen Marjan Petkovic und Daniel Davari ausgerufen wird, ist so revolutionär in der Fußball-Bundesliga gar nicht. Als Erfinder kann ein gewisser Helmut „Fiffi“ Kronsbein durchgehen, der für eine ziemlich lange Dekade, immerhin von 1966 bis 1974, bei Hertha BSC das Sagen hatte.

Das Tor hütete alsbald ein groß gewachsener Mann mit fast kahlem Haar, Volkmar Groß, gebürtiger Berliner. Doch seine ersten Jahre bei Hertha sind auch deshalb Lehrjahre gewesen, weil nach einer Verletzung Gernot Fraydl, Österreichs Nationaltorwart, verpflichtet wurde. Groß hat einmal erzählt, wie eine damals eigentümliche Lösung, das Rotationsprinzip, erfunden wurde: „Da wir beide gut in Form waren, war es schwer für Kronsbein, einen auf die Bank zu setzen. Deshalb kamen wir auf die Idee, dass wir alle zwei Spiele rotieren. Das hat auch gut geklappt.“ Tatsächlich tat die Arbeitsteilung niemandem weh, und als Fraydl Berlin verließ, wirkte Groß stärker als zuvor. Nur hielt er halt nie ganz so gut wie der damals stilprägende Bayern-Schlussmann Sepp Maier.

Erlebnis für beide

So schlecht muss es also nicht sein, was sie nun analog für die aktuelle Spielzeit im östlichen Niedersachsen ausgeheckt haben. Beide dürfen spielen: Sowohl Davari der jüngere, torwarttechnisch sicherlich besser ausgebildete Ballfänger als auch Petkovic, der ältere, mental vielleicht einen Tick robustere Torhüter. Beide haben ihre Stärken und Schwächen, aber die Unterschiede sind zu gering, als dass Lieberknecht einem von beiden das Erlebnis Erste Liga verweigern will.

Das ist das Bemerkenswerte am einträchtigen Braunschweiger Kompromiss in der Keeper-Frage: der idealistisch, fast schon romantische Ansatz. Das Abenteuer Bundesliga als Belohnung zu betrachten, ohne die Herausforderung hintenan zu stellen. Und bitteschön soll erst recht niemand auf der Strecke bleiben, der viel dafür getan hat, um von der Dritten Liga in die Beletage durchzumarschieren.

Deshalb wohnt dem Jobsharing ein gewisser Charme inne, der prima zu diesem unangepassten, unverbrauchten Standort passt, an dem Werte wie Treue, Respekt und Aufrichtigkeit keine hohle Phrasen sind. Der Verein und das Umfeld in Braunschweig begreifen die Bundesliga als Geschenk; und wenn der Cheftrainer diese Prämisse mit solchen Entschlüssen nach draußen trägt, kann es nur der Eintracht dienen. Insofern birgt Trainer Lieberknechts Antwort auf die T-Frage allemal weit mehr Chancen als Risiken.