Berlin-Köpenick - Das Berliner Stadtderby zwischen dem 1. FC Union und Hertha BSC war nur in der ersten Hälfte das, was man sich von diesem Duell zwischen Ost und West erhofft hatte, also ein rassiges Fußballspiel mit Torraumszenen, hitzigen Zweikämpfen und so fort. Ansonsten war da in der Alten Försterei am Ostersonntag nicht allzu viel Aufregendes und Spektakuläres zu beobachten, wenngleich die Eisernen beim 1:1 (1:1) gegen den Rivalen vom Schenckendorffplatz dem Sieg doch einen Tick näher waren. Aber was soll’s: Remis ist Remis, da mag der eine oder andere von einem gewonnenen Punkt oder von verlorenen Punkten sprechen. Und es bleibt dabei: Union hat als Tabellensiebter mit 39 Punkten 14 Punkte Vorsprung auf den Tabellenvierzehnten Hertha BSC.

Rune Jarstein positiv auf Sars-CoV-2 getestet

„Wir nehmen mit, was wir heute erarbeitet haben. Aber ich habe meine Mannschaft heute nicht wiedererkannt, wir haben nicht vorwärts verteidigt, waren phasenweise wie gelähmt. In der zweiten Hälfte sind wir nur hinterhergelaufen. Heute war das nicht okay, da müssen wir in der kommenden Woche sehr viel reden“, erklärte der offensichtlich schwer enttäuschte Hertha-Coach Pal Dardai. Unions Mittelfeldspieler Christian Gentner wiederum kam zu folgendem Schluss: „Wir waren die bessere Mannschaft, haben gut verteidigt, müssen uns aber den Vorwurf gefallen lassen, dass wir nach unserer starken Anfangsphase den Faden verloren haben. Das Spiel hatten wir dennoch jederzeit im Griff.“

Wie gerne hätte man für diesen Fußballnachmittag einfach mal das Thema Corona ausgeklammert. Aber wie soll das gehen, wenn so eine besondere Partie aufgrund der dritten Pandemie-Welle ohne Zuschauer stattzufinden hat? Wenn das Drumherum, wie Dardai kurz vor dem Anpfiff noch einmal passend bemerkte, suggeriert, dass es sich die Stimmung im Stadion nicht wie Bundesliga-, sondern Nachwuchsfußball anfühlt?

Hinzu kam, dass Rune Jarstein, Herthas aktuelle Nummer eins, nach seiner Länderspielreise mit der norwegischen Nationalmannschaft positiv auf das Virus getestet und am Sonnabend sogleich in Quarantäne geschickt worden war. Für den isolierten Norweger kam Alexander Schwolow zum Einsatz, für den leicht angeschlagenen Trainer-Sohn Marton Dardai stand wiederum Jordan Torunarigha als linker Mann in einer Dreier-Abwehrkette in der Startelf der Blau-Weißen.

Auch Union-Coach Urs Fischer sah sich zu personellen Veränderungen veranlasst. Das allerdings nicht wegen irgendwelcher Krankheitsfälle, sondern einzig und allein aus sportlichen Gründen. So ersetzte der erfahrene Gentner den nicht ganz so erfahrenen Marcus Ingvartsen, und der laut Fischer so formstarke Petar Musa ersetzte im Angriff den nicht ganz so formstarken Joel Pohjanpalo.

Was zu Beginn der Partie im Mittelpunkt stand, hatte allerdings nichts mit taktischen Erwägungen oder mit den Akteuren zu tun. Nein, ein paar bis dato nicht identifizierte Knallköpfe bestimmten mit dem Feuerwerk, das sie vor dem Stadion pünktlich zum Anpfiff gezündet hatten, das Geschehen. Alle waren vom Lärm genervt, alle fragten sich: Herrje, was soll das? Dass dabei eine Imbiss-Bude im Stadion in Brand gesetzt wurde, spricht Bände und ist ein eindeutiger Hinweis auf die Torheit der Brandstifter.

Robert Andrich hatte was gutzumachen

Nachdem sich der Krach gelegt hatte, wurde endlich Fußball gespielt – und das zunächst auch mit der erhofften Intensität. Wobei die Eisernen zunächst einen Tick munterer, einen Tick entschlossener wirkten, allen voran Max Kruse und Robert Andrich. Erstgenannter erweiterte Schwolows Aufwärmprogramm um einen Schuss aus 25 Metern, den der Keeper mit einer oft geübten Parade abwehren konnte (7. Spielminute). Und Andrich?

Nun, der gebürtige Potsdamer und ehemalige Herthaner hatte etwas gutzumachen, nach dem Hinspiel, bei dem er sein Team mit einem frühen Platzverweis in eine letztlich unlösbare Verlegenheit gebracht hatte. Gepusht von dieser Absicht schaltete er sich in der zehnten Minute mit in einen Angriff seiner Mannschaft ein, erkannte nach einer Flanke von Christopher Trimmel und einer Kopfballablage von Musa ganz schnell, was zu tun ist, nahm den Ball als Halbvolley mit vollem Risiko und jagte diesen über den Innenpfosten zum 1:0 für die Gastgeber ins Netz. 

Überschwang einerseits, Verwirrung andererseits war die Folge. Und aus dieser Gemengelage eröffnete sich für Union nur 120 Sekunden später die Chance zum 2:0. Niklas Stark, Herthas Abwehrchef, geriet ins Taumeln, Deyovaisio Zeefuik klärte nach einer weiteren Trimmel-Flanke unsauber, sodass Unions Julian Ryerson plötzlich Zeit für einen Schlenzer hatte. Der Schlenzer war gut platziert, klatschte allerdings gegen die Querlatte. Und Musa war einfach nicht cool genug, um den Nachschuss zu verwerten.

Warum die einen von Europa träumen dürfen, die anderen seit Wochen mit Abstiegskampf beschäftigt sind, ließ sich im Anschluss an die wilde Auftaktphase beobachten. Die einen sind nämlich eine gut funktionierende Mannschaft, während die anderen eigentlich nur über einen mitunter nicht allzu zuverlässigen Erfolgsfaktor verfügen, nämlich die individuelle Klasse. Das Spiel der Unioner folgt also eher Automatismen, während im Spiel der Hertha doch allzu viel Improvisation auszumachen ist.

Kaum noch Nennenswertes in der zweiten Hälfte

Dardai tigerte jedenfalls über Minuten hinweg unruhig durch seine Coaching-Zone, sah, wie sein Team wiederholt viel zu schnell den Ball verlor, sah, wie ein Kopfball von Torunarigha auf die Querlatte des Union-Tores tropfte (19.), sah, wie Matteo Guendouzi bei einer Auseinandersetzung mit Gentner dem Platzverweis nahe war (28.), dann aber auf clevere Art und Weise einen Elfmeter herausholte.

Der Franzose hatte jedenfalls so eine Ahnung, dass Marvin Friedrich ihm gleich mit einem Kontakt einen Gefallen tun könnte, als er sich in der 32. Minute nach einem Zuspiel den Ball mit der Hacke vorlegte. Dodi Lukebakio schnappte sich den Ball, legte ihn auf den Punkt, was Matheus Cunha nicht wirklich begeisterte, denn der Brasilianer hätte wohl auch gern den Vollstrecker gegeben. Aber Lukebakio traf sicher zum Ausgleich.

Wie schon in die erste Hälfte starteten die Unioner auch in die zweite furios. Ryersons Flanke mutierte zur Bogenlampe, die von Schwolow entschärft wurde (48.). Musa schlampte im Strafraum beim ersten Ballkontakt, brachte sich dadurch um die Chance zum erfolgreichen Abschluss (50.).

Der Rest war Bemühen. Wobei den Eisernen in der Offensive die zündende Idee und die Durchschlagskraft zum Siegtreffer fehlten, die Herthaner wiederum einzig und allein auf die Absicherung des Unentschiedens konzentriert waren. Nennenswerte Begebenheiten: Fehlanzeige.