Beherzter Abschied: Sebastian Polter verlässt den 1. FC Union zum Saisonende.
Foto: Imago Images/Bernd König

BerlinDu bist ein Volksheld, der Liebling von Jung und Alt, ein inzwischen doch seltener Fall, weil du ein Fußballspieler zum Anfassen bist, der Gegenentwurf zu all den Jungs, die sich nach Spielschluss mit Handy am Ohr und/oder abweisender Geste einen Weg durch die Fanschar beziehungsweise Reportschar bahnen. Du bist auch ein Versprechen, bist nach einem Abenteuer im englischen Fußball zu deinem Herzensklub zurückgekommen, um den Traum der Anhänger, deinen Traum vom Aufstieg in die Bundesliga wahr werden zu lassen. Du bist die Nummer eins in der Kabine, der Alpha-Spieler, die Identifikationsfigur und was nicht alles sonst noch.

Sebastian Polter, Du bist hart gegen Dich selbst

Dann verletzt du dich aber schwer, Riss der Achillessehne, neben einem Riss des Kreuzbandes das wohl Schlimmste, was einem als Fußballspieler passieren kann. Du fällst über Monate hinweg aus, die Mannschaft verliert Spiel auf Spiel. Du fehlst. Immerhin: Klassenerhalt. Du kämpfst dich wieder ran, eisern, hart gegen dich selbst, verlierst aber dann doch irgendwie ein paar Prozent, ja nur ein paar Prozent an Spritzigkeit, an Wucht, an allem. Willst das aber nicht wahrhaben. Du meldest dich mit dem alten Selbstverständnis zurück. Du bist doch ein Spieler mit Bundesligaformat, oder etwa nicht?

Die Fans haben dich nicht vergessen, werden dich nie vergessen. Sie fordern deinen Einsatz, immer öfter, gezwungenermaßen, weil du immer öfter nur zweite Wahl bist. Ein anderer Stürmer ist aus Sicht des neuen Trainers ein besserer Stürmer, etwas flexibler in seinem Spiel, einen Tick effektiver, leichtfüßiger, und er trifft regelmäßig, während du nicht mehr regelmäßig spielst, seit Wochen nicht die Wertschätzung erfährst, die du eigentlich für dich in Anspruch nimmst. Wenngleich du natürlich nach außen hin immer den Verständigen gibst.

Du bist der Musterprofi, der immer das große Ganze im Blick hat, aber eben auch derjenige, der nach jedem Trainingsspiel im Reservistenleibchen, nach jedem Pflichtspiel, das du nur als Ersatzspieler, vielleicht auch nur als Zuschauer von der Haupttribüne aus erlebst, wütend und traurig zugleich ist.

Und dann gelingt tatsächlich der große Coup. Unwirklich. Unfassbar. Dein, der Traum aller wird wahr. Du bist beseelt, obwohl dein Beitrag nicht wesentlich und der andere Stürmer der Aufstiegsheld war. Endlich am Ziel, hast nach einer mehrtägigen Party, bei der du der Zeremonienmeister warst, ein paar großartige Wochen. Die Vorfreude auf die Bundesliga bewegt dich. Endlich da! Endlich dabei! Mit diesem einzigartigen, mit deinem Verein. Welch aufregendes Glück.

Dieser Verein allerdings holt in der Sommerpause noch mehr Stürmer, einen mit ähnlichen Fähigkeiten wie du. Und viele andere, die richtig was draufhaben könnten. Du stellst Dich natürlich dem Konkurrenzkampf. Was bleibt dir anderes übrig. Versuchst, deine Chancen zu nutzen, Dich im Training anzubieten. Es gibt ein paar Tage, an denen dir der Trainer, aber auch du dir selbst ein richtig gutes Gefühl gibst. Im Stadtderby schnappst du dir nach einem Strafstoß sogleich den Ball, übernimmst wenige Minuten vor Spielschluss Verantwortung, wie selbstverständlich. Das ist dein Ding. Du verwandelst, bist außer dir, der Volksheld is back. Aber nicht für lange.

Nur Kurzeinsätze. Oder eben gar kein Einsatz. Der Verein geht in Sachen Vertragsverlängerung nicht auf dich zu, mehr als die Ankündigung eines Gesprächs ist nicht. Du hast da eine Ahnung, bist aufgewühlt, siehst keine Hoffnung mehr, nutzt ein Medium, in diesem Fall die Berliner Morgenpost, um deinen Unmut und deine schmerzliche Entscheidung kundzutun. Du sagst: „Deshalb ist für mich die Zeit gekommen, um zu sagen: Im Sommer ist Schluss mit Union.“ Du sprichst über den Sommer 2020.

Du bist Sebastian Polter, bist 28 Jahre jung, hast in 102 Pflichtspielen für den Bundesligisten aus Berlin-Köpenick bis dato 46 Tore geschossen. So viel Liebe ist da, die dir im Moment nicht weiterhilft. Du brauchst ein neues Glück, einen neuen Verein.