Zeitweilig peitschender Wind, Regenschauer reichlich. So müssen The Open sein, sagen Golf-Enthusiasten auf den Inseln, garstig und ungemütlich. Am sonntäglichen Finaltag bei der 148. Auflage des ältesten Major-Turniers war es zeitweise so an der nordirischen Nordküste auf dem Platz des Royal Portrush Golf Club. Die Zuschauer kuschelten sich lachend unter Schirme-Landschaften. Viele Bälle streuten durch die Gegend, hinein in die nassen Gräserwälder und dichten Ginsterbüsche.

Zwei Männer waren, deutlich in Führung liegend, gemeinsam auf die Schlussrunde gegangen, die vom Anschein her kaum unterschiedlicher sein konnten: Shane Lowry, 32, ein imposanter Trumm von einem Mann, groß, leicht x-beinig, gut zwei Zentner schwer, mit rötlichem Modebart. Und Tommy Fleetwood, 28, wallende 60er-Jahre-Mähne, zauseliger Seemannsbart, ein sehr dünnes Hemd von Kerl, dem man kaum die Dynamik eines Golfprofis zutrauen möchte. Wenn sie nebeneinander stehen, kommen einem unwillkürlich Laurel und Hardy in den Sinn.

Schreie ins Gesicht

Der Ire aus Dublin also und der englische Arbeitersohn. Dem Ausländer. Also Lowry. Jubelschreie der entzückten Massen jedes Mal, wenn er den Ball zielsicher aufs Grün schoss und ihn sanftpfotig versenkte. „Die Leute stehen ja kaum einen Meter entfernt“, staunte Lowry später, „und ehrlich, immer wenn ich vom Grün zum nächsten Abschlag gehe, schreien sie mir direkt ins Gesicht, so laut sie können.“

Shane Lowry hatte am Sonnabend die Grundlage gelegt: 63 Schläge, acht unter Standard, nur ein Schlag über dem Allzeitrekord für ein Major-Turnier. 40 000 mehrheitlich Nordiren tobten vor Begeisterung. Kann man sich vorstellen, dass belgische Flamen einen Holländer so feiern, Österreicher einen Ungarn?

Der hässlichste Pokal der Welt

Lowry ist halt einer der Iren, aus dem Nachbarland, das es seit 98 Jahren politisch ist. Das Sympathie-Manifest war nicht nur Sport-Folklore. Es liegt nahe, an eine Wiedervereinigung Irlands zu denken. Zumindest zeigen die Jubelstürme tiefsitzende Wünsche vieler. Und eine politisch einheitliche Grüne Insel hätte auch Brexit-Folgen. Aber hier ging es darum, wer besser locht und erstmals ein Major gewinnt. Das war eben Lowry vor Fleetwood. Der wetterfeste Ire, im Sturmgebraus lange der einzige in kurzen Ärmeln, hatte am Ende sechs Schläge Vorsprung. Eine sehr seltene Marge an Dominanz. „Was für ein Tag“, sagte er überwältigt, „es fühlt sich an wie eine außerkörperliche Erfahrung.“

Der englische Guardian schrieb von „Lowrys Prozession zum Claret Jug“. Als er diesen Claret Jug, den wohl hässlichsten Pokal der Sportwelt, in den Pranken hielt, versagte dem Iren in Nordirland die Stimme. Im Hintergrund sangen Fans irische Lieder. Die Irish Times zitierte einen irischen Fan, der „atemlos erregt“ jubelte: „Es ist, als sei er nach Hause gekommen. Was will man mehr?“ Ein Nordire meinte: „Wir haben Shane einfach adoptiert.“ Und zwei junge protestantische Nordiren fanden, es sei „schon ärgerlich, die irischen Fahnen hier zu sehen“, aber es gebe „absolut keine Aggressionen mehr und nichts mehr auseinanderzudividieren. Schön für Lowry.“

Golf haben Katholiken und Protestanten aller Schichten auf der irischen Insel immer miteinander gespielt. Ansonsten bleibt es ein komplexes Stück Welt: Selbst Einheimische gerieten sich im Blog von BBC online nachher zu Hunderten in die Haare, ob Nordirland nun Irland sei (geografisch ja), zu Großbritannien gehöre (nein, keine Briten) oder nur zum Vereinigten Königreich (ja). Klarheit gab es wenigstens beim Siegerscheck: Die 1,5 Millionen gibt es in britischen, nicht irischen Pfund.
Der Guardian notierte, Lowry sei „ohne Zweifel das neueste Symbol für einen kollektiven Willen in Irland. Der vornehme Golfsport nahm Formen eines Tribunals an.“ Es gibt die Idee, dass Rory McIlroy, der Nordire, und Lowry bei Olympia 2020 gemeinsam starten – für Irland. McIlroy erklärte schon seine Bereitschaft.