Neustart auf dem Schirm: Die Fußball-Bundesliga darf in Kürze die im März unterbrochene Saison fortsetzen.
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Berlin Nicht erst seit Angela Merkel mal an einem Oktoberabend 2010 in die verschlungenen Katakomben des Berliner Olympiastadions eilte, um dem jungen Nationalspieler Mesut Özil Worte der Anerkennung auszusprechen und ein Bilddokument von historischem Wert anfertigen zu lassen, ist ein gewisses Interesse der Bundeskanzlerin am Fußball verbürgt. Politiker aller Couleur wissen um die Sogwirkung eines Volkssports, der von hochrangigen Funktionären gerne als letztes Lagerfeuer der Gesellschaft bezeichnet wird. Um das sich in guten wie in schlechten Zeiten alle versammeln. Das nehmen in der Corona-Krise offenbar die Kanzlerin und die Ministerpräsidenten der Länder an, die sich am Mittwoch beim mehr als vierstündigen Politgipfel einstimmig auf einen Neustart in der Bundesliga und 2. Bundesliga in Form der Geisterspiele ab Mitte Mai verständigten. 

„Der Spielbetrieb wird unter den genehmigten Regeln erlaubt“, teilte die CDU-Politikerin Merkel mit, wirkte dabei aber beileibe nicht wie ein Fan, der deswegen Luftsprünge macht. Die Erklärung lieferte Bayerns Ministerpräsident Markus Söder von der CSU: „Der Kompromiss beim Fußball ist absolut vertretbar– auch wenn das Thema kontrovers ist.“ Gerade wegen des skandalösen Erscheinungsbildes aus der Hauptstadtkabine. Zum Fall Salomon Kalou sagte Söder: „Ich kann nur appellieren: Es sollten auch Spieler, die sich unvernünftig verhalten, mit Konsequenzen rechnen müssen. Es war von dem einen Spieler von Hertha BSC schon ein schweres Eigentor.“

Der Ivorer hat mit seinen Inneneinsichten die gesamte Branche in beinahe existenzgefährdenden Verruf gebracht. Die meisten Klubs dürften nun jedoch aufatmen: Mit der politischen Erlaubnis ist der bereits vereinnahmte Geldfluss der Fernsehgelder abgesichert. Mit der Wiederaufnahme des Spielbetriebs können zwar nicht die sämtlichen 770 Millionen Euro vereinnahmt werden, die aus allen Erlösbereichen noch ausstehen, aber weit mehr als die Hälfte.

Von einer guten Nachricht sprach Christian Seifert als Chef der Deutschen Fußball-Liga (DFL): „Spiele ohne Stadion-Zuschauer sind für niemanden eine ideale Lösung. Es ist in einer für einige Klubs existenzbedrohenden Krise allerdings die einzige Möglichkeit, den Fortbestand der Ligen in ihrer jetzigen Form zu bewahren.“ Der Ball liegt jetzt wieder bei der Liga-Organisation, die für diesen Donnerstag eine Video-Mitgliederversammlung angesetzt hat: So akribisch die Task Force unter Leitung von Tim Meyer den Hygiene- und Sicherheitsplan erarbeitet hat, so detailliert dürfte sich der für Fußball-Angelegenheiten zuständige Direktor Ansgar Schwenken Gedanken über die Spielpläne gemacht haben. Als Startdatum hat die DFL am Mittwochabend den 15. Mai festgelegt.

Für die Dritte Liga und Frauen-Bundesliga soll das mehrfach gelobte DFL-Konzept in leicht abgewandelter Form gelten. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) wird gebeten, „für die anderen Ligen tragfähige Zukunftskonzepte zu entwickeln“. Schon am Mittwochmorgen hatte Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU), dem Seifert zu Beginn der Corona-Krise für seine „ständige Erreichbarkeit“ dankte, die Entscheidung „als Perspektive für den Profisport“ angedeutet.

Extrawurst für den Bundesliga-Fußball

Dem Bundesliga-Fußball wird nun sehr wohl jene Extrawurst gebraten, von der die DFL lange nichts wissen wollte: Denn bei den Freizeitsportlern gibt es gleichzeitig strenge Auflagen: Erlaubt ist Sport für die Allgemeinheit beispielsweise ja erst einmal nur, wenn man dabei keine anderen Menschen berühren muss. Außerdem muss der Sport draußen stattfinden. Handballer und Volleyballer, Judoka oder Fechter müssen mit ansehen, wie Profifußballer sich bald wieder am Trikot zerren, in die Beine grätschen oder Tore bejubeln, während sie zur Untätigkeit verdammt sind.

Auch Amateurkicker sind gezwungen, die Füße still zu halten. In der Beschlussvorlage für den Profifußball hieß es, dass die „Fortsetzung des Spielbetriebes und mithin die Begrenzung des ansonsten entstehenden wirtschaftlichen Schadens in der 1. und 2. Fußball-Bundesliga für die dort startberechtigten 36 Vereine auf deren Kosten“ als vertretbar gilt. Einschränkung ist, dass die benötigten Testkapazitäten keinesfalls die Prioritäten des Gesundheitswesens beeinträchtigen dürfen. Bislang besteht diese Gefahr eingedenk vieler nicht genutzter Testkapazitäten nicht.

Berechtigt scheinen Bedenken, dass das Facebook-Fiasko aus Berlin viel Vertrauen zerstört hat. Anja Stahmann (Grüne) als Vorsitzende der für den Fußball nicht unwichtigen Sportministerkonferenz äußerte sich im Inforadio des rbb geschockt. Ihr Gremium hätte das DFL-Konzept zwar durchgewunken, aber „uns haben große Zweifel beschlichen, als wir uns das Video angeschaut haben“.

Und der Sportmediziner Wilhelm Bloch von der Deutschen Sporthochschule Köln warnte neuerdings sogar davor, dass „eine Infektion das Karriereende sein kann“. Dann nämlich, wenn eine hohe Dosis vom Virus in der Luft eingeatmet wird und die Infektion in der Lunge losgeht. Der deutsche Profifußball startet offenbar in vielerlei Hinsicht ein waghalsiges Versuchsprojekt mit immer noch sehr ungewissem Ausgang.