Vor ein paar Jahren hat Michael Ballack gesagt, er bewundere den ehemaligen Mitspieler Marco Bode für dessen „leisen und unaufgeregten Abschied“ von der großen Bühne. Bode hatte im Alter von 32 Jahren im WM-Finale 2002 gegen Brasilien in Yokohama mitgespielt – und dann einfach aufgehört. Am Samstag in Nürnberg wird Ballack im Alter von fünfunddreißigeinhalb Jahren zum 266. und letzten Mal in der Bundesliga spielen.

Er kann nicht mehr leise gehen, wie Bode das geschafft hat. Dazu war es zu laut, seit der hinkende Leitwolf vom Rudel ausgestoßen wurde – 2010 bei der Weltmeisterschaft, und danach im Nationalteam und zwei Jahre lang bei Bayer Leverkusen. Ballack hat das nie verwunden. In seinem letzten großen Interview vergangene Woche im Zeit-Magazin antwortete er auf die Frage, was die bitterste Erkenntnis seiner Laufbahn gewesen sei: „Wie man behandelt wird, wenn man vielleicht nicht mehr so gebraucht wird.“

Lange für unersetzlich gehalten

Ballack war es gewohnt, gebraucht zu werden, wenngleich seine Karriere immer auch mit sportlicher Tragik verbunden sein wird: die Tragik, im Mai 2000 die Meisterschaft mit Bayer Leverkusen durch ein Eigentor in Unterhaching in den letzten 90 Saisonminuten verspielt zu haben; die Tragik, im WM-Endspiel 2002, auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft, wegen einer Gelbsperre zusehen zu müssen; die Tragik, im Champions-League-Finale 2008 mit dem FC Chelsea das Elfmeterschießen zu verlieren; schließlich die Tragik der durch einen Tritt von Kevin Prince Boateng verpassten WM 2010 mit allem, was danach passierte.

Bis dahin hatte Ballack geglaubt, er sei unersetzlich. Als er im Jahr 2007 acht Monate lang am Fuß verletzt gewesen war, hatte er stets die Nähe zum DFB-Team gesucht und dort Geborgenheit gefunden: „Ich brauchte die Aufmunterung, die positiven Anmerkungen und ich wusste, dass ich das bei der Nationalmannschaft bekomme.“ Drei Jahre später hat er nichts mehr bekommen außer einem feuchten Händedruck zum Abschied nach seinem gut gemeinten Besuch im Teamhotel in Südafrika – samt Interview von Philipp Lahm, der unverhohlen Ansprüche aufs Kapitänsamt stellte, ohne dass Löw dem Einhalt gebot. Das hat Ballack viel mehr verletzt als der Tritt von Boateng. „Sie würden doch auch keine Chefansprüche geltend machen, wenn Ihr Chef mal ein paar Wochen krank wäre?“, fragte er in einem seiner zuletzt wenigen Interviews im Dezember 2010 die FR-Reporter, „da können Sie bei der Rückkehr doch auch nicht einfach sagen: ,Nö, du bist jetzt aber nicht mehr im Büro.‘“

Michael Ballack war mit Oliver Kahn der einzige Weltstar, den der deutsche Fußball im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends hervorgebracht hatte. Es gehörte zu seinem Selbstverständnis, nach Länderspielen als Letzter aus der Kabine zur Presse zu kommen mit seinem freundlichen Michael-Ballack-Lächeln. Er war nicht nur DFB-Kapitän, er war eine Art Spielertrainer und lebte das Prinzip der straffen Hierarchien vor. Sein Lieblingsfilm ist „Der Pate“. Als er ganz oben war, beschrieb der damals vor Kraft und Selbstbewusstsein strotzende „Capitano“ den Profifußball als Gladiatorenkampf. Zum Beispiel so: „Ich rücke keinen Zentimeter zur Seite.“ Oder so: „Du musst auf dich aufmerksam machen, sonst frisst dich die Maschine.“ Oder so: „Es ist ein ständiger Fight um Positionen und Rollen.“ Oder so: „Ich war selbst am bissigsten zu mir.“

Jüngere laufen ihm den Rang ab

Am Ende waren andere bissiger, Lahm vor allem oder Lukas Podolski, der zum Verdruss des Kapitäns ungeschoren davonkam, als er Ballack beim Spiel in Wales im April 2009 ins Gesicht schlug. Da erodierte die Macht des Feldherren bereits. Als er dann für die WM ausfiel, hat Bundestrainer Joachim Löw das geschäftsmäßig zur Kenntnis genommen. Eine WM ohne den Anführer hat perfekt hineingepasst in Löws Idee vom Team der flachen Hierarchien. Als es dann dem Ende zuging, hat Ballack zutiefst ernüchtert bilanziert: „Ich erwarte vom Profifußball gar nichts.“ Auch das gehört zu seiner persönlichen Tragik. Denn genau so hatte er den Profifußball ja stets vorgelebt: rau und unerbittlich.

Die Fallhöhe vom Boss zum einfachen Mittelfeldspieler, der nach Verletzungen um den Stammplatz fürchten muss, ist hoch gewesen, zu hoch, als dass sie schmerzfrei hätte überbrückt werden können. „Früher wusste ich, wenn ich verletzt war, wofür ich kämpfe“, das sei „zuletzt anders“ gewesen. Die Bitterkeit ist unüberhörbar. Ballack war im Mai 2010 von Rudi Völler überzeugt worden, zum Jahresgehalt von sechs Millionen Euro eine Aufgabe zu bekommen – als Bandenführer bei Bayer. Schalke 04, der Hamburger SV und der VfL Wolfsburg erhielten Absagen. „Unter sportlichen Gesichtspunkten für mich zum Vergessen“ – so beschreibt Ballack nun die schmerzliche Schlussepisode, die er nie vergessen wird.

Keine Geschenke

Der geschasste Chef hat es aus nachvollziehbaren Gründen abgelehnt, als Maskottchen mit Kapitänsbinde im Frühjahr noch ein 99. Länderspiel gegen Brasilien geschenkt zu bekommen. Er hat Löw sogar ein bisschen verziehen, dass er häppchenweise aussortiert wurde, die Zeit heile Wunden, sagt Ballack tapfer.

Zum Länderspiel im August in Frankfurt gegen Argentinien wird er erstmals eine Einladung für den Club der Nationalspieler erhalten, den Veteranentreff, zu dem der DFB alte Recken bittet. Er könnte, wie Kumpel Torsten Frings, noch in der US-Liga den Ball hochhalten. Eigentlich liebt Ballack den Fußball zu sehr und ist zu ehrgeizig, um schon ganz aufzuhören. Aber er hat drei Söhne, sieben, neun und zehn Jahre alt, die bei der Ehefrau in der Nähe von München leben. Er hat die Jungs viel zu selten gesehen. Es ist eine schwierige Entscheidung. Aber das Gute ist: Michael Ballack kann sie selber treffen.