SevillaWenn sich Joachim Löw am Mittwoch nach dem schauerlichen 0:6 gegen Spanien für vier Monate von seinen Nationalspielern verabschiedet, tut er das nicht nur wegen des Ergebnisses mit einem mulmigen Gefühl. Die irrwitzige Terminhatz endet auch nach dem letzten Fußball-Länderspiel des Jahres in Spanien nicht. Mit Blick auf die EM im kommenden Sommer wachsen auch hier die Sorgen des Bundestrainers.

„Wenn wir Trainer jetzt nicht die höchste Vorsicht walten lassen, bekommen wir im Sommer Schwierigkeiten. Wir bekommen Riesenprobleme“, mahnte Löw schon vor dem Nations-League-Abschluss in Sevilla am Dienstagabend. Die Profis würden „ständig getrieben“, vieles würde „auf dem Rücken der Spieler ausgetragen“.

Die Forderung des 60-Jährigen, dass der „zu volle Terminkalender“ entzerrt wird, wird sich so schnell allerdings nicht erfüllen. Auf die Bayern-Profis um Kapitän Manuel Neuer warten nach ihrer München-Rückkehr ab Sonnabend bis zum 19. Dezember in der Bundesliga und Champions League neun Spiele. „So eine Saison hat es noch nie gegeben und wird es hoffentlich auch nie wieder geben“, sagte Neuer zuletzt dem Sportbuzzer.

Zeit, um die Akkus wieder aufzuladen, bleibt kaum. Die Folge: Die Zahl der Verletzungen nahm in den vergangenen Wochen zu. Bei der DFB-Auswahl war Joshua Kimmich das prominenteste Opfer. „Die Kommunikation untereinander ist jetzt umso wichtiger – mit den Trainern, den Ärzten und Physios und den Spielern“, sagte Neuer.

Auch wenn er selbst durch die jüngste Kritik unter Erfolgsdruck stand, verschaffte Löw einigen seiner Stars zumindest eine kleine Ruhepause. Davon wird es bis zur Europameisterschaft nicht viele geben. Die Winterpause fällt nach dem verspäteten Saisonbeginn aufgrund der Corona-Pandemie weg. Dennoch finden alle Wettbewerbe im gewohnten Umfang statt, im März steht wieder ein Länderspiel-Dreierpack an.

Er habe die Hoffnung gehabt, „dass man sich nach dem ersten Corona-Schock im Frühjahr konkrete Gedanken darüber macht, wie man den Terminplan modifizieren kann, um die Anzahl der Spiele zu verringern“, sagte DFB-Direktor Oliver Bierhoff im „FAZ“-Interview: „Aber danach sieht es leider nicht aus.“

„Gewisse Trainingsinhalte sind momentan gar nicht mehr möglich“

Es fehle derzeit noch immer an der Bereitschaft, „das Rad zurückzudrehen. Jede Partei fürchtet, wenn sie zurücksteckt, dass die anderen zugreifen und man selbst zurückfällt“, sagte der 52-Jährige.

Unter der hohen Belastung könnte mit zunehmender Saisondauer auch die Qualität der Spiele leiden. „Gewisse Trainingsinhalte sind momentan gar nicht mehr möglich. Es gibt Regeneration nach dem Spiel, dann ein bisschen Taktik, Abschlusstraining, und dann steht schon die nächste Partie an. Kleine Turniere oder Spielformen oder Zweikampftraining – das findet gar nicht mehr statt“, klagte Neuer.

Dass seine Spieler bei der EM in körperlicher und mentaler Topverfassung sind, davon könnte auch Löws Zukunft abhängen. Spätestens nach dem Turnier werden die Verantwortlichen sich zusammensetzen und wie gewohnt eine Analyse vornehmen.

Ob Löw seinen Vertrag bis zur WM 2022 in Katar erfüllt, wird dabei weniger von der historischen Niederlage in Sevilla und mehr vom EM-Verlauf abhängen. „Am Ende des Tages müssen wir alle uns an Ergebnissen messen lassen. Das weiß Jogi auch“, sagte Bierhoff.