BerlinWenn ein Trainer seine Position durch eine Niederlage verbessern kann, muss es schon ziemlich schlimm stehen um den betreffenden Bundesligaklub. Erneut verloren, weiter null Punkte, aber wenigstens mal wieder aufs Tor geschossen, hieß es am Wochenende für Jan-Moritz Lichte und Mainz 05.  Zuvor hatte die Mannschaft den Ball in zwei Spielen kein einziges Mal auf das gegnerische Gehäuse befördern können und damit einen unrühmlichen vier Jahre alten Rekord des Hamburger SV eingestellt. Diesmal gab es gegen Borussia Mönchengladbach sogar sieben Versuche, zwei davon wurden für den Treffer zum 1:1 von Jean-Philippe Mateta gebraucht, der nach Robin Quaisons Pfostenschuss per Abstauber traf, ein weiterer für Matetas 2:1. Zum Punktgewinn reichte das trotzdem nicht, da Gladbach in der letzten Viertelstunde wegen eines für Mainz unglücklichen Handelfmeters und eines beim Eckball unbewachten Matthias Ginter noch 3:2 gewann. Lichte fand den Auftritt dennoch ermutigend, und auch wilde Diskussionen mit erbosten Zuschauern blieben ihm diesmal erspart, weil gar keine Zuschauer zugelassen waren.

Jan-Moritz Lichte ist einer jener berühmten Jahrgangsbesten vom Trainerlehrgang, früher sagte man Streber, die darauf brennen, ihre theoretische Brillanz endlich einem Praxistest unterziehen zu dürfen. Lichte brannte schon sehr lange, seit 2011, als er nach dem zweiten Spieltag den entlassenen Achim Beierlorzer ersetzen durfte, dem er bis dahin als Assistent diente. Er sei kein Interimstrainer, behauptet er hartnäckig, ist aber offenbar auch nicht mit einem längerfristigen Vertrag ausgestattet. Also eine Art provisorischer Chef, dessen Punktausbeute nach drei Partien identisch ist mit der von Beierlorzer, nämlich null. Das Problem für die hochbegabten Aspiranten aus der zweiten Reihe ist eben, dass sie meist erst auf sehr zügig sinkende Schiffe gerufen werden.

In Mainz trauert man immer noch Jürgen Klopp nach

Mainz 05 indes hat gute Erfahrungen gemacht mit der Binnenrekrutierung. Ein gewisser Thomas Tuchel wechselte 2009 aus dem Jugendbereich, nachdem Aufstiegstrainer Jörn Andersen noch früher entlassen worden war als Beierlorzer, nämlich vor dem ersten Spieltag. Und Jürgen Klopp kam im Frühjahr 2001 gar direkt aus der Mannschaft, als Mainz in der zweiten Liga auf einen Abstiegsplatz gerutscht war. Gerade hatte er noch als Verteidiger die Gegner weggeholzt, ein paar Tage später saß er schon auf der Trainerbank und holte, da kann Lichte nur staunen, aus den nächsten fünf Partien 13 Punkte. Seine erste Amtshandlung war, dass er einen bestimmten Spieler nicht mehr aufstellte – sich selbst. Seither rätselt die Fachwelt, ob der folgende Höhenflug nun zustandekam, weil Klopp jetzt Trainer war oder weil er nicht mehr mitspielte.

Mit dem berühmten Kollegen mag sich Jan-Moritz Lichte nicht vergleichen, dennoch musste er bei seiner Vorstellung dauernd über ihn reden. Ein paar von Klopps Eigenschaften würde er schon gern entwickeln, sagte er hoffnungsfroh. Die könnte er auch gebrauchen, zumal er sich, vorsichtig ausgedrückt, in einem disharmonischen Umfeld bewegt. Ein vom Aufsichtsrat angezettelter Zwist mit den Profis über coronabedingt gestundete Gehälter sorgte erst für Unruhe, dann die Ausmusterung des Wortführers Adam Szalai sowie einen Trainingsstreik der Spieler, schließlich folgte der Rauswurf von Beierlorzer. Eine unglückliche Figur machte dabei Sportvorstand Rouven Schröder, der sich nun mit Gerüchten über eine Rückkehr des beliebten Christian Heidel herumschlagen muss, dem Architekten einstiger Mainzer Bundesligaglorie mit Bruchweg-Boys und Humba-Seligkeit. Dem Aufsichtsrat drohte an diesem Dienstag eigentlich die Abwahl, doch die im Stadion angesetzte Hauptversammlung wurde aus Pandemiegründen abgesagt. In der Klubführung soll man darüber nicht unglücklich sein, eine virtuelle Ersatzveranstaltung für das laut Satzung im Oktober fällige Treffen wurde nicht vorbereitet.

Die Leistungssteigerung gegen Gladbach hat allen Verantwortlichen inklusive Lichte nun erstmal Luft verschafft, wiewohl sie auch als Warnung dienen könnte. Schließlich zeichnen sich Absteiger gerade dadurch aus, dass sie nicht nur die schlechten Spiele verlieren, sondern auch jene, die sie eigentlich gewinnen müssten.