Wenn Roland Virkus in Mönchengladbach oder Uwe Harttgen in Bremen Besucher durch die Internate führen, sind die beiden Leiter der Nachwuchsleistungszentren der Borussia und von Werder erkennbar stolz auf die modernen Bedingungen, die sie ihren Toptalenten anbieten können.

In beiden Klubs wohnen und schlafen die Jugendlichen, die von auswärts gelockt wurden, bestens betreut in Einzel- oder Doppelzimmern direkt im Stadion.

In Bremen prangt ein Poster jedes Spielers an dessen Tür; in Mönchengladbach motivieren im Kabinengang große, gerahmte Actionfotos ehemaliger Bewohner, die es ganz nach oben geschafft haben.

500 Kriterien für die Bewertung

Gerade erst waren in Bremen, bei Eintracht Frankfurt und bei Bayern München die Experten der von der Deutschen Fußball Liga (DFL) beauftragten Firma Double Pass zu Gast, um die Nachwuchsleistungszentren zu zertifizieren. Das geschieht bei allen 36 Erst- und Zweitligaklubs seit 2007 alle drei Jahre, es kostet die DFL pro Durchgang mehr als 300.000 Euro.

Offiziell werden die Ergebnisse nicht bekanntgegeben. DFL-Geschäftsführer Holger Hieronymus: „Die Vereine wollen keine offizielle Sterne-Hitparade.“ Die Recherche gestaltet sich somit mitunter schwierig. Denn über Schwächen redet nicht jeder gerne.

Die eigene Recherche über die Zertifizierung der Nachwuchsleistungzentren der 18 Bundesligisten kommt zu folgenden Ergebnissen:

Die Schwächen werden jedem Verein in einem 40-seitigen Dossier sehr genau aufgeschlüsselt. Bewertet werden zum Beispiel Infrastruktur, Personalmanagement und Durchlässigkeit zum Profibereich. Insgesamt gibt es inzwischen rund 500 Kriterien, doppelt so viele wie bei der ersten Zertifizierung 2007. Als Abschlussnote erhalten die Klubs null bis maximal drei Sterne.

Kluft geht weit auseinander

Eine ganze Woche lang informieren sich dazu zwei Double-Pass-Mitarbeiter vor Ort, führen Interviews, sichten Berge von Papieren, beobachten Trainingseinheiten und sind sogar in der Kabine bei den Mannschaftsbesprechungen der Jugendtrainer mit dabei.

Armin Kraaz, Nachwuchschef bei Drei-Sterne-Klub Eintracht Frankfurt, erklärt: „Personal wird relativ hoch bewertet. Man kann sich die Punkte auch dazukaufen, indem man einen Physiotherapeuten oder einen Psychologen hauptamtlich einstellt.“

Dabei geht die Kluft weit auseinander. Aufsteiger Augsburg investiert weniger als eine Million in seine Talentschmiede, die TSG Hoffenheim kann jährlich rund sechs Millionen Euro bereitstellen. Aus Sicht von Bayern Münchens Nachwuchsleiter Werner Kern ist die Zertifizierung aber grundsätzlich fragwürdig.

Die Mitarbeiter von Double Pass kämen „mit Dingen daher, mit denen kein Mensch was anfangen kann.“ Es gehe viel zu sehr „um Spitzfindigkeiten: Wir haben einen Punktabzug bekommen, weil wir unsere Plätze mit den Platznummern nicht beschildert haben. Das muss man sich mal vorstellen.“

Kern ist sauer, dass die Bayern nur zwei Sterne zugeteilt bekommen haben. Er fragt: „Wo gibt es in Deutschland eine Bundesliga-Mannschaft, wo fünf Mann aus der eigenen Jugend kommen, und wenn sie den Hummels noch dazu nehmen, sind es sechs Nationalspieler? Was, bitte schön, haben wir denn da verkehrt gemacht?“