Hertha BSC, der Klub, der zum Leidwesen seiner Fans sein wiederholtes Scheitern zu einer Art Markenzeichen hat werden lassen, kann auch anders. Ja, die Blau-Weißen bleiben tatsächlich in der Bundesliga, während der Hamburger SV ein weiteres Jahr Zweite Liga vor sich hat. Das ist die Konsequenz aus dem Relegationsspiel zur höchsten deutschen Spielklasse, das am Montagabend vor 55.000 Zuschauern im Hamburger Volksparkstadion ausgetragen wurde. 2:0 (Hinspiel: 0:1) hieß es nach 90 Minuten aus Sicht der Herthaner, die an diesem Abend Erstaunliches zu Wege brachten. Die Elf von Felix Magath zeigte jedenfalls Charakter, brachte all das, was es für so ein Alles-oder-Nichts-Spiel braucht, auch ein. So konnte diese Mannschaft, die eine so fürchterliche Saison gespielt und Schmähungen zuhauf erfahren hatte, doch noch für den Klub den siebten Abstieg aus der Bundesliga abwenden.

„Die Mannschaft hat lange gebraucht, um sich zu finden. Heute, auf dem letzten Drücker, war das aber der Fall. Ich hatte oben auf der Tribüne immer ein gutes Gefühl, weil die Mannschaft kompakt stand, leidenschaftlich gespielt hat“, sagte Manager Fredi Bobic unmittelbar nach der Partie, um schließlich Magath für seine Arbeit zu danken: „Er hat etwas Außergewöhnliches, etwas Großes geleistet. Dafür sind wir ihm dankbar. Er hat die Jungs immer wieder aufgebaut, die richtigen Schlüsse gezogen, die Mannschaft, die er heute aufgeboten hat, war top.“ Mittelfeldspieler Kevin-Prince Boateng kam wiederum zu folgendem Schluss: „Ich bin so stolz auf die Jungs, wir haben alles reingehauen. Das ist wie der Meistertitel. Wir wurden so hart kritisiert in dieser Saison, aber Totgesagte leben länger.“

Magath hatte in Absprache mit Boateng, wie Boateng im Sieger-Interview zu verstehen gab, die Startelf ausgewählt. Mit Santi Ascacíbar als zentralen Mittelfeldspieler, was Magath wohl auch ohne Boatengs Zutun getan hätte. Im Hinspiel hatte der Argentinier ja noch gefehlt, was Magath als einen der Gründe für die 0:1-Niederlage vorgebracht hatte. Zudem durften im Gegensatz zur Partie vom Donnerstag (auf Rat von Boateng) auch Boateng und Stevan Jovetic anstelle von Maximilian Mittelstädt und Luca Wollschläger von Beginn an ran. Die Routiniers waren also gefragt und gefordert. Tim Walter, der Coach der Hamburger, hatte hingegen nichts an seiner Startelf geändert. Warum auch? Nicht einer seiner Jungs hatte vier Tage zuvor im Berliner Olympiastadion wirklich viel falsch gemacht.

Und plötzlich klappt fast alles

Mit allerlei Zuversicht ging Walter also in sein bis dato größtes Spiel als Trainer, wurde aber nach nur vier Minuten Spielzeit um diese Zuversicht gebracht, weil Hertha infolge eines mutigen Auftakts gleich mal zu einem Eckstoß und durch diesen Eckstoß in der vierten Minute auch zur Führung kam. Marvin Plattenhardt hatte den Ball von links mit links vors Tor geschlagen. Und endlich war da mal einer zur Stelle, um daraus was zu machen, nämlich Abwehrchef Dedryck Boyata, der erstaunlich freistehend mit einem Kopfstoß aus fünf Metern sich selbst und die Berliner Entourage in Ekstase versetzte.

Die Berliner setzten auch in der Folge die überraschten Hanseaten mächtig unter Druck. Ja, was da nicht plötzlich alles klappen wollte: Tricks, Ballstafetten, cooler Spielaufbau und so fort. Das war wirklich gut anzuschauen. Und man fragte sich: Waren das wirklich die Spieler, die in den vergangenen Monaten ihre Fans wiederholt so bitter enttäuscht hatten?

Dank Biss und gutem Positionsspiel ließen sie nichts zu, sodass der letztlich fehlerlose Keeper Oliver Christensen, der erneut für Marcel Lotka zum Einsatz gekommen war, nur ein paar Basis-Übungen zu verrichten hatte. Hier eine Flanke, da mal ein Rückpass. Das war's. Der HSV wurde zur Harmlosigkeit gezwungen.

Tousart gerät in Schief- und Rücklage

Christensens Pendant, Daniel Heuer Fernandes, sah sich hingegen nach etwas mehr als einer halben Stunde nach einem Schuss von Lucas Tousart aus etwa 18 Metern zu einer Flugeinlage gezwungen. In der 39. Minute kam Tousart nach Vorarbeit von Ishak Belfodil erneut in aussichtsreicher Position an den Ball, geriet beim Abschluss aber in Schief- und Rücklage. Der Ball? Ein Fall für die Balljungen!

Mit Wiederanpfiff kamen die Herthaner zwar öfter in Bedrängnis als in Hälfte eins, hatten auch die eine oder andere Strafraumsituation zu klären, und doch war ihr Spiel in einem 4-4-2-System noch immer von einer guten Ordnung, von einem leidenschaftlichen Miteinander getragen. Boyata klärte wiederholt im Stile eines Könners, Ascacibar zerstörte im Zentrum wie gewünscht und Plattenhardt avancierte letztlich zum Matchwinner.

In der 63. Minute wechselte er nach einem Foul an Belfodil die Seiten, von links nach rechts, um von dort den fälligen Freistoß zu treten. Der frühere Nationalspieler nahm ein paar Schritte Anlauf, jagte den Ball so geschickt Richtung Tor, dass Heuer Fernandes nicht so recht wusste, ob das eine Flanke oder ein Torschuss sein soll. Vergeblich streckte er sich, Plattenhardt jubelte, erstaunlich gefasst. Er wusste, dass das noch eine zittrige Schlussphase werden konnte. Dass dem HSV nach Aufhebung der Auswärtstorregel ein Tor zur Verlängerung reichen würde.

Aber da kam nicht mehr viel. Ein Schuss von Josha Vagnoman, den der omnipräsente Suat Serdar blocken konnte (79.). Noch die eine oder andere Flanke. Der Epilog war eine Party in Blau und Weiß, in den Farben von Hertha BSC.