Am ersten Novemberwochenende wird in Berlin einmal mehr Geschichte geschrieben. Zum ersten Mal werden ein Verein aus dem Osten der Stadt und ein Verein aus dem Westen der Stadt ein Derby in der Fußball-Bundesliga austragen. Hertha BSC reist dafür eine Woche früher als erhofft nach Köpenick, die Charlottenburger hätten lieber marketingwirksam am 9. November, dem Tag des Mauerfalls, gegen den 1. FC Union gespielt.

Dass jedoch Wünsche in der Spielplan-Bastelei der Deutschen Fußball-Liga (DFL) so gar keine Rolle spielen, mussten die Eisernen ihrerseits auf unangenehme Weise erfahren. So gastiert mit RB Leipzig der Klub im Stadion An der Alten Försterei, den die Unioner von allen 17 Bundesliga-Konkurrenten als einzigen explizit nicht zum Auftakt empfangen wollten.

Hertha BSC traf es noch schwerer. Das Team um den neuen Trainer Ante Covic eröffnet die Saison mit einem Besuch beim amtierenden Meister in München.

Für den Aufsteiger aus dem Südosten Berlins ist RB Leipzig als Tabellendritter der vergangenen Bundesliga-Saison rein sportlich gesehen gar nicht mal unattraktiv und − viel wichtiger − unter der Führung des neuen Trainers Julian Nagelsmann, womöglich schlagbarer, als es rundumverstärkte Spitzenteams wie Borussia Dortmund, Bayer 04 Leverkusen oder eben der FC Bayern gewesen wären. Nagelsmann selbst hat sogar schon richtig Lust auf den Auftakt: „Wir freuen uns auf den Start bei Union – einem Aufsteiger mit viel Euphorie und entsprechender Atmosphäre in einem tollen Stadion“

Dennoch wurmt die Eisernen, die Ansetzung. Weil sie an einem so historischen Tag für den Verein, dem allerersten Bundesliga-Spieltag in der Geschichte des Klubs, „ganz andere Dinge in den Vordergrund treten“ lässt, wie es Oliver Ruhnert in einem Gespräch mit der Sportbild vor einigen Tagen bereits anmahnte.

Denn kein Verein im Weltfußball ist den Fans und Verantwortlichen in Köpenick so fremd wie RB. Erst kürzlich hatte Präsident Dirk Zingler bekräftigt, dass ein potenzieller Transfer von Leipziger Spielern zu Union nicht mit den Werten des Klubs vereinbar wäre. Für so manchen Union-Anhänger stellt sich vor dem ersten Spieltag nun die Frage: Feiert man den Bundesliga-Auftakt wie geplant, oder protestiert man gegen das moderne Fußball-Marketing-Konstrukt aus Sachsens Trend-Stadt.

Selbstbewusste Herthaner

Mit derlei Problemen hat Hertha BSC indes nicht zu kämpfen. Die Charlottenburger wissen um die Vorzeichen zum Auftaktspiel beim amtierenden Meister in der bayrischen Landeshauptstadt und versuchen die positiven Aspekte aus der herausfordernden Ansetzung zu ziehen.

Immerhin wartet auf die Herthaner, die nicht erst seit dem Einstieg von Investor Lars Windhorst sehr an der Maximierung ihrer medialen Reichweite interessiert sind, mit dem Auftaktspiel die ganz große Bühne, live im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, zur besten Sendezeit. Darüber hinaus ist Hertha so etwas wie der Mini-Angstgegner der Münchner, die von den vergangenen fünf Ligaspielen gegen die Blau-Weißen nur eines gewinnen konnten. Zusätzlich gewannen die Herthaner in den viereinhalb Jahren unter dem eheamligen Trainer Pal Dardai stets ihr Auftaktspiel. Umso selbstbewusster zeigte sich auch dessen Nachfolger Ante Covic. Eine „spannende erste Aufgabe“ sei das Match gegen den Meister, erklärte der gebürtige Berliner und legte mit breiter Brust nach: „Langfristig wollen wir ohnehin die Mannschaft sein, gegen die niemand gerne spielt.“

Ein solches Selbstbewusstsein würde Union auch gerne an den Tag legen, doch stattdessen nervt die Diskussion um den Auftaktgegner schon jetzt. Viel wichtiger wäre eine Konzentration aufs Sportliche, gepaart mit der Euphorie des Aufstiegs, die schon so manchen Bundesliga-Neuling beflügelt hat. Und Flügel können die Eisernen, auf die, nach einem Gastspiel in Augsburg, Heimspiele gegen Dortmund und Bremen warten, wirklich gebrauchen. Nur eben nicht aus einer blauen Dose.