Ausnahmezustand: Nur auf dem Platz dürfen sich die Spieler nahe kommen.
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Frankfurt am MainDie Feinjustierung auf die Fortsetzung der Fußball-Bundesliga ist in Frankfurt noch nicht ganz geglückt. Vor mehreren Zufahrten und Toren der Arena, wo am Sonnabendabend die Partie Eintracht Frankfurt und Borussia Mönchengladbach stattfindet, hingen zuletzt noch die großformatigen Plakatierungen, die auf das nie zur Austragung gekommene Heimspiel gegen den SC Freiburg am 5. April hinwiesen. Aber warum auch auf ein Duell aufmerksam machen, zu dem ohnehin nur Personen Einlass finden, die in irgendeiner Funktion zur Durchführung oder Produktion eines Fußballspiels gehören?

Maximal 300 Personen werden fein säuberlich verteilt auf drei Zonen. Journalisten und Fotografen können nebenbei in Frankfurt an einem einmaligen Feldversuch teilnehmen: Zum Mund- und Nasenschutz gibt es gleich auch noch einen Sensor, der einen akustisch erinnert, wenn die Abstandsregel nicht eingehalten wird. Der Transponder fürs Pilotprojekt kommt vom Eintracht-Technologiepartner. Damit werden – kein Witz – nun auch die Laufwege der Pressevertreter aufgezeichnet. Damit sie sich in ihren Zonen bewegen und keinem anderen in der Arena zu nahe kommen. Noch ein Spuk beim Geisterspiel.

Welches Trauerspiel unter dem Deckmantel eines Topspiels aufgeführt wird, wissen sie im Frankfurter Stadtwald: Dort hatte am 12. März das letzte Pflichtspiel eines Bundesligisten stattgefunden, das Europa-League-Achtelfinale gegen den FC Basel. Der ansonsten immer bis auf den letzten Platz gefüllte Stimmungstempel, ob der Gegner nun FC Chelsea oder FC Flora Tallinn heißt, war fast menschenleer. Erst sollte mit Publikum, dann ohne gespielt werden. Sars-CoV-2 war den Experten noch fremd, den Fußballern sowieso. Dummerweise mutete auch das Resultat in Frankfurt gespenstisch an. 0:3.

Emotionslos hatten die Hessen gekickt. Trainer Adi Hütter gestand danach: „Es hat jeder eine Familie, den einen oder anderen Bekannten, wo die Gefahr da ist, dass man sich ansteckt.“ Hinterher kam heraus, dass etliche Akteure offenbar aus Angst gar nicht spielen wollten. Einen Tag später stoppte die Deutsche Fußball-Liga (DFL), auch auf Rat des Frankfurter Sportvorstands Fredi Bobic in der Liga-Kommission Fußball, den gesamten Spielbetrieb. Wenn es nun nach 66 Tagen Corona-Unterbrechung weitergeht, wird Hütter wie alle Trainer-Kollegen einen Nasen-Mund-Schutz tragen – und gedanklich wohl Scheuklappen anlegen.

Beste Vernetzung in die Politik

Es mutet wie ein heroischer Selbstversuch an, als erste Profiliga der Welt in einer virenfreien Sonderzone weiterzuspielen. Unter Einhaltung von Hygiene- und Sicherheitsregeln, die nur außer Kraft gesetzt sind, wenn der Ball rollt. Wenn die Frankfurter Berufsfußballer am Hotel am Mainufer in zwei Busse steigen, tragen alle brav Masken und halten Abstand – um dann auf der Kleinen Kampfbahn im Schatten der Arena einen großen Kreis zu bilden, wo jeder dicht an dicht steht. Dann wird im Trainingsspiel gezogen, gezerrt und gegrätscht.

Solche Widersprüche werden in erster Linie fürs Fernsehen erzeugt, denn ohne die Vorschusszahlung der TV-Sender hätten mehr als ein Dutzend Erst- und Zweitligisten schon nächsten Monat Insolvenz anmelden müssen. Das Geld ist bereits vereinnahmt. Beide Bundesligen sollen unbedingt beendet werden. Irgendwie. Irgendwann. Am Donnerstag ist der zeitliche Puffer bis in den Juli gestreckt worden – wer weiß, welche Teams neben dem Zweitligisten Dynamo Dresden noch in 14-tägige Quarantäne müssen. Die DFL will nicht, dass die Gesundheitsämter den Lockdown verhängen.

Das wohl waghalsigste Großprojekt in 57 Jahren Bundesliga-Geschichte ist dank bester Vernetzung in die Politik ermöglicht worden. Eine Branche mit fast fünf Milliarden Jahresumsatz und rund 56.000 Arbeitsplätzen hat eine vorrangige Behandlung erfahren. Vor allen anderen Sportligen. Die DFL weiß sehr wohl, dass sie einen Vertrauensvorschuss bekommen hat, den sich die Vereine noch verdienen müssen. Nicht abgesichert ist man gegen das Fehlverhalten Einzelner wie des inzwischen bei Hertha BSC suspendierten Salomon Kalou.

Deren schlimmste Verfehlung war eigentlich das Wedeln mit dem Gehaltszettel. Die Bundesliga-Gehälter für Spieler und Trainerstab betrugen laut DFL-Wirtschaftsreport in der vergangenen Saison 1,43 Milliarden Euro. Im Durchschnitt ist jeder Erstliga-Profi nach Berechnungen des Kicker bei Jahreseinkünften von 2,86 Millionen Euro zu verorten. Offenbar war es zu viel verlangt, ihren Arbeitgebern größere Einschnitte als zehn, elf oder 15 Prozent vom durchschnittlichen Monatsgehalt von 239 000 Euro zu gestatten, wo doch nicht mehr als Gymnastik und Laufen im Homeoffice auf dem Programm standen. Die Profis hätten mit einem größeren Verzicht wirkliche Vorbilder sein können.

Neugierde ja, Vorfreude nein

Die Umfragen sind eindeutig: Die Bevölkerung lechzt gerade viel weniger nach der Volksdroge Fußball als viele Politiker vorgeben. Der Vertrauensverlust geht sogar so weit, dass Fanorganisationen eine kaum für möglich gehaltene Distanz erkennen lassen. Neugier ist vor diesem Wochenende vielleicht vorhanden, Vorfreude eher weniger. Das Konstrukt, das deutet sich an, ist in seiner Gesamtheit viel zu künstlich, als dass es Freude und Begeisterung verströmen kann. Es fehlen elementare Elemente, wenn keine Zuschauer auf den Tribünen jubeln und Spieler sich nicht in den Armen liegen dürfen. Natürlich sind Geisterspiele auf absehbare Zeit die einzige Alternative, aber vielen geht es einfach zu schnell mit dem Re-Start.

Die Einschaltquoten werden ein Indikator sein, in welchem Umfang der stimmungsarme Betrieb goutiert wird – aber wenn der Bezahlsender Sky jetzt sogar Optionen bietet, dass Konsumenten sich die Stadionatmosphäre unterlegen lassen, ist der Science-Fiction-Film, in dem sich Liga-Chef Christian Seifert ja zu Anfang wähnte, bereits Realität. Wer kann mit solch einem künstlichen Produkt wirklich etwas anfangen? Mit Eigentoren dieser Art kann der langfristige Schaden deutlich größer ausfallen als der kurzfristige Nutzen.

International spürt Seifert größte Hochachtung vor dem eingeschlagenen Sonderweg. Sogar die Bosse der größten amerikanischen Profiligen, NFL, NHL, und NBA haben sich bei ihm erkundigt. Die DFL will das Konzept mit der restlichen Sportwelt teilen und als Blaupause zur Verfügung stellen. Das Gütesiegel „Made in Germany“, das zuletzt arg gelitten hat, würde neu definiert. Das ist die Chance. Die Gefahr ist, dass trotz des Testaufwands der „absolute Notbetrieb“ (Seifert) zum Erliegen kommt. Und was passiert dann?

Über eine Wertung bei Saisonabbruch – mit Meister und Absteiger – konnten sich die 36 Lizenzklubs verständlicherweise nicht auf die Schnelle verständigen. Die schlecht vorbereitete Beschlussvorlage des DFL-Präsidiums musste wieder von der Tagesordnung genommen werden. Neuer Anlauf in zwei Wochen. Aber: Aus sportlichen Gründen kann keine Saison gewertet werden, in der nicht alle 34 Spieltage ausgetragen sind. Was ist daran so schwer zu verstehen? Wieder nur Kopfschütteln bei vielen Sportfreunden.

Am Eingang zur Frankfurter Arena wird am Sonnabend übrigens Zutritt erst nach einer Fiebermessung gewährt. Dass jemand Einlass begehrt, der vom Fußball-Fieber infiziert ist, kann ausgeschlossen werden.