Man wird es wohl nie erfahren, wer daran schuld ist, dass beim 1. FC Union in diesen Tagen die Vorfreude auf das erste Bundesligaspiel in der Vereinsgeschichte von einer unliebsamen Diskussion überlagert wird. Ob also die Macher des Bundesligaspielplans womöglich gar in garstiger Absicht handelten, oder ob die Software, welche die Macher der Bundesligaspielplan seit ein paar Jahren für ihren komplizierten Job zur Hilfe nehmen, das für die Eisernen denkbar brisanteste Duell zu verantworten hat. Union gegen RB Leipzig, Fußballkult- und kultur gegen Fußballkommerz, Gut gegen Böse, wenngleich man diesem zuletzt genannten Gegensatzpaar doch sogleich entgegensetzen sollte, dass es im Stadion An der Alten Försterei am Sonntag ab 18 Uhr doch eigentlich „nur“ Fußball gespielt wird.

Wie „nur“? Das geht natürlich nicht, wenn man als Fan des 1. FC Union seit Jahren nicht nur im Privaten, sondern in aller Öffentlichkeit allerlei Werte zu verteidigen versucht. Wenn man die Tribüne nicht nur als Tribüne, sondern eben auch als Bühne für Meinung versteht. Wenn man seinen Verein als Organisation mit gesellschaftlicher Verantwortung betrachtet, während andernorts – also vor allem bei den vom österreichischen Red-Bull-Milliardär Dietrich Mateschitz gepamperten Leipzigern – von einem Verein im ursprünglichen Sinne nicht die Rede sein kann.

Mutige Aussagen

Insofern ist es eher verwunderlich, dass die Ultras der Eisernen erst vor sechs Tagen kundtaten, dass sie wie schon bei den Zweitligaheimspielen gegen RB in den Spielzweiten 2014/15 und 2015/16 auch dieses Mal in den ersten 15 Spielminuten schweigen, also ihr Team nicht wie gewöhnlich vom Anpfiff weg lauthals unterstützen werden.

Stimmungsboykott nennt man so etwas – und ist fraglos die mächtigste Waffe der Anhänger, um auf friedliche Art und Weise Unmut zum Ausdruck zu bringen. Man wisse, dass dies „gerade zu diesem historischen Spieltag uns allen besonders schwerfällt. Jedoch ist es genau deshalb so wichtig, diesen in dieser Form aufrechtzuerhalten und fortzusetzen. Es wird wohl kaum eine größere Bühne für unseren Protest geben als diesen Spieltag, und genau deshalb gilt es, das auch zu nutzen“, hieß es in einer über die Homepage der Ultra-Gruppierung „Wuhlesyndikat“ veröffentlichten Stellungnahme.

Gikiewicz übt leise Kritik

So weit so gut. Dann aber mischte sich Rafal Gikiewicz ein. Und alles war plötzlich viel schärfer als sonst, weil der Aufstiegsheld via Instagram – wenn auch mit aller Vorsicht – eine Gegenposition einnahm. Der geplante Boykott „ist nicht gut für uns Spieler. Wir Spieler zusammen mit Euch Fans müssen unseren Gegnern zeigen, dass das UNSER Platz ist, UNSER Haus! Sie müssen spüren, 'Welcome to Hell', dass es NIE einfach ist, gegen uns zu spielen“, schrieb der mutige Keeper. Einen Tag später meldete sich auch Neven Subotic zu Wort, um mit einer ziemlich cleveren Aussage seinem Kollegen doch leicht zu widersprechen. Der mutige Abwehrmann sagte: „Ich bin auch dafür, dass man am besten einen anderen Weg hat, um zu protestieren. Aber ein Protest, der nicht wehtut, kommt meistens nicht so an und ist eher ein Luxusprotest.“ Ein Glück, wer solche Charakterköpfe in seinem Team hat.

So entsteht aber doch Unruhe im Klub, vielleicht auch in der Kabine, so geht womöglich auch der Fokus auf das große Sportfest verloren. Und so kommt vielleicht tatsächlich der eine oder andere Schwarzseher auf die Idee, dass das sonntägliche Schweigen der Kurve irgendetwas mit dem frühen Stellungsfehler von Christopher Trimmel oder dem frühen Fehlgriff von Gikiewicz zu tun haben könnte.

Der Einzige, der bei Union einer solchen Welle des unguten Gefühls entgegenwirken kann, ist Präsident Dirk Zingler. Das weiß er, das spürt er, weshalb er am Dienstagabend im Interview mit Radio Eins zur Thematik auch klar Stellung bezog.

Dirk Zinglers Statement

Im Rahmen der „Sondersendung in Rot-Weiß“ erklärte der 53-Jährige: „Ich habe in den letzten Wochen immer wieder gesagt, dass wir darauf achten, dass sich Union nicht verändert. Deshalb ist es für mich brutal ehrlich, dass die Szene sagt: Wir verhalten uns in der Ersten Liga genauso wie in der Zweiten Liga. Wir haben klar Position und Haltung gegen Leipzig bezogen in der Zweiten Liga. Ich halte es für sehr ehrlich, es auch in der Ersten Liga zu machen. Es ist schmerzhaft für uns, dass es am ersten Spieltag ist. Vielleicht ist es deshalb auch besonders stark, es wirklich in den ersten 15 Minuten zu machen.“ Seine Botschaft lautete: „Die Ultras haben den Verein an ihrer Seite.“