Berlin - Es war ein Sonnabend vor 50 Jahren. Am 5. Juni 1971 pilgerten 35.000 Zuschauer ins Berliner Olympiastadion. Sie erwarteten am letzten Spieltag der Saison 1970/71 ein schönes Spiel von Hertha BSC gegen das abstiegsbedrohte Team von Arminia Bielefeld. Hertha lag auf Rang drei der Tabelle hinter dem späteren Meister Borussia Mönchengladbach und Bayern München, konnte weder Vizemeister werden noch auf Rang vier abrutschen. Hertha, von Helmut „Fiffi“ Kronsbein trainiert, hatte bis dato kein einziges Heimspiel verloren, 13 Duelle gewonnen und dreimal Remis gespielt.

Ruf als Skandalnudel festigte sich

Doch die Fans trauten ihren Augen nicht. Hertha spielte schwach, agierte fahrig und unkonzentriert. „Schiebung“ riefen einige Zuschauer von den Rängen. Gerd Roggensack, damals der bekannteste Armine, schaffte gar den Treffer zum 1:0-Sieg für Bielefeld.

Was weder Trainer Kronsbein noch die Zuschauer ahnten, nahm an jenem Tag seinen unsäglichen Verlauf – der Bundesligaskandal, in dem es um verschobene Spiele ging und zahlreiche Bestechungsversuche. Hertha BSC war seit dem Duell gegen Bielefeld mittendrin, was dem Verein lange anhing und den Ruf als Skandalnudel begründete und festigte.

Die Herthaner Tasso Wild und Nationalspieler Bernd Patzke hatten bereits Tage vor dem letzten Spiel geheime Absprachen mit den beiden vom Abstieg bedrohten Vereinen Bielefeld und den Offenbacher Kickers geführt. Die Offenbacher um Präsident Horst-Gregorio Canellas, einem bekannten Südfrüchtehändler, boten den Hertha-Profis 140.000 Mark, wenn sie gegen Bielefeld gewinnen. Die Arminia wiederum versprach 250.000 Mark, wenn Hertha das Duell am letzten Spieltag verliert.

Herthas damaliger Kapitän Uwe Witt erinnert sich

Herthas Kapitän Uwe Witt, heute 82 Jahre alt, war nicht in diese Bestechungsversuche eingeweiht und wunderte sich oft über die lasche Spielweise einiger seiner Teamkameraden gegen die Arminia. Witt sagt: „Am Abend nach dem Spiel trafen wir uns wie oft im ‚Waldhaus‘ in der Heerstraße, unserer Stammkneipe.“  Witt fragte in die Runde, wo denn der Spieler Jürgen Rumor war, der nicht auf dem Platz gestanden hatte. „Es stellte sich heraus, dass er dem Mannschaftsbus der Bielefelder nachgefahren war, um das Bestechungsgeld zu holen. Danach tauchte Jürgen auf, legte einen Koffer auf den Tisch, im dem etwa 250.000 Mark lagen. Viele machten große Augen.“

Witt wollte den Skandal noch verhindern und sagte in die Runde: „Ihr macht wegen lächerlichen 15.000 Mark pro Kopf eure Karrieren kaputt. Ich beende sowieso meine Laufbahn.“ Die Meinungen waren durchaus geteilt. Witt ließ schließlich abstimmen. Von den 12 Spielern waren fünf dagegen (inklusive Witt), Geld zu nehmen, sieben aber dafür. Das Unheil nahm seinen Lauf.

Am Tag danach, den 6. Juni, feierte Canellas seinen 50. Geburtstag mit einer großen Gartenparty und viel Prominenz, etwa mit Bundestrainer Helmut Schön. Canellas ließ überraschend ein Tonband abspielen, auf dem er viele Gespräche mitgeschnitten hatte, die Bestechungen bewiesen. Auch die Stimmen der Herthaner Wild und Patzke waren zu hören. Immer mehr Details kamen ans Licht. Der DFB ermittelte fieberhaft. Bielefeld hatte sogar fünf Spiele manipuliert. Zahlreiche Vereine waren in den Skandal involviert.

Canellas wurde später verboten, jemals wieder einen Verein zu führen. Die Offenbacher Kickers, sportlich abgestiegen, durften erst 1972/73 wieder um eine Bundesliga-Lizenz nachsuchen. Auch Bielefeld bekam für die neue Saison keine Lizenz. Insgesamt wurden nach dem Aufdecken vieler Details 52 Spieler aus sieben Vereinen bestraft, dazu zwei Trainer und sechs Funktionäre. Bei Schalke 04 betraf es 13 Profis, bei Hertha BSC 15 Spieler. Meist wurden zwei Jahre Sperre plus 15.000 Mark Strafe ausgesprochen. Einige Hertha-Profis flüchteten nach Südafrika, wo sie bei Vereinen unterkamen. Für Hertha hat später keiner der Bestechlichen mehr auf dem Platz gestanden.

Herthas Kapitän Witt, der seinen Anteil in die Mannschaftskasse zahlte, wurde ebenfalls für zwei Jahre gesperrt und mit 15.000 Mark Geldstrafe belegt. Diese zahlte der Libero aber nicht. „Warum denn, ich hatte ja ein reines Gewissen und habe gegen Bielefeld mit vollem Einsatz gespielt.“

Wegen Nichtzahlen der Geldstrafe und der Verfahrenskosten wurde Witt vom DFB weltweit gesperrt – bis zum heutigen Tag. Witt, der in Berlin lebt, hat das nicht sehr gestört. Nach dem Spiel gegen Bielefeld beendete er seine Karriere.