BerlinEs sind nur noch weniger Tage bis zum Beginn der Handball-Weltmeisterschaft – und die Checkliste von Alfred Gislason ist lang. Eigentlich zu lang, um seine Mannschaft pünktlich in Turnierform zu bringen. „Es ist viel zu wenig Zeit“, räumte der Bundestrainer der deutschen Handballer ein, bevor er am Dienstag mit vielen Problemen und noch mehr Fragezeichen im Gepäck in das Flugzeug Richtung Graz kletterte.

Exakt eine Woche vor dem Start des Mega-Turniers in Ägypten will und muss der Isländer beim ersten von zwei verbleibenden Härtetests gegen Österreich am Mittwoch (13.45 Uhr/ZDF) viel experimentieren. Nach all den Diskussionen, Absagen und Änderungen wegen Corona in den vergangenen Tagen richtet sich der Fokus im Team des Deutschen Handball-Bundes in den beiden EM-Qualifikationsspielen nun auf den Sport. „Wir müssen die Zeit so gut wie möglich nutzen“, forderte Kapitän Uwe Gensheimer.

Wobei es am meisten Nachholbedarf gibt? „Das größte Kopfzerbrechen bereitet mir die Abwehr“, sagte Gislason. Diese Antwort war zu erwarten. Nach den freiwilligen Absagen der Kieler Patrick Wiencek und Hendrik Pekeler bricht das Prunkstück der deutschen Mannschaft weg, andere müssen jetzt in die Bresche springen, das erfahrene Bollwerk ersetzen.

Ihre Namen: Johannes Golla und Sebastian Firnhaber. Das Bundesliga-Duo aus Flensburg und Erlangen dürfte in Gislasons 6:0-Abwehr die tragenden Säulen bilden. Die ersten Trainingseinheiten im Castello Düsseldorf machten dem DHB-Coach Mut: „Das ist schon sehr gut gelaufen“, lobte er.

Marian Michalczik fällt wegen Augenverletzung aus

Wie gut das neu zusammengestellte Team nach den Absagen von insgesamt sieben Stammkräften aber tatsächlich harmoniert, dürften erst die Partien gegen das Nachbarland am Mittwoch in Graz und am Sonntag in Köln sowie die ersten WM-Partien gegen die Außenseiter Uruguay und Kap Verde zeigen.

„Uns bleiben zur Vorbereitung vier Spiele, bis das Endspiel in der Gruppe gegen Ungarn ansteht“, sagte Gislason, der aus den ersten Einheiten „optimistischer raus als rein“ ging. Ohnehin gibt es ja auch noch sorgenfreie Positionen wie die des Torhüters. Dort sei man mit der 1A-Lösung Andreas Wolff sowie Johannes Bitter und Silvio Heinevetter „Weltklasse“ besetzt.

Neben der Abwehr, mit der Gislason in Rekordzeit noch weitere Deckungsvarianten einstudieren will, steht die Offensive groß auf seiner Liste. Unter seinem Vorgänger Christian Prokop haperte es vor allem im Positionsangriff, auf der Rückraummitte sollen nun Philipp Weber, Paul Drux, Youngster Juri Knorr oder Marian Michalczik, der wegen einer Augenverletzung nicht mit nach Österreich reiste, für Kreativität sorgen. Füchse-Profi Michalczik, 23, der im Training bei einem unglücklichen Zweikampf verletzt wurde, bleibt im Team-Quartier in Neuss. Laut DHB kann er aber „voraussichtlich am Freitag wieder in die Vorbereitung einsteigen“.

Das Personalpuzzle vor seinem ersten Turnier als DHB-Coach ist eine bislang nie dagewesene Herausforderung in Gislasons jahrzehntelanger Trainerkarriere: „Langweilig wird es nicht, aber ich freue mich auf die Aufgabe. Dieser Job macht einfach Spaß.“

Tschechiens Trainer Kubes mit Corona infiziert

Corona macht diese „Riesenherausforderung“ nicht gerade leichter. Um die Risiken des Österreich-Kurztrips zu minimieren, reiste das DHB-Team mit einer Chartermaschine von Düsseldorf in die Steiermark. Die in der Bundesliga geäußerten Corona-Sorgen blendet das Team möglichst aus. „Wir haben das Thema ad acta gelegt“, sagte Gensheimer.

Wie gefährlich die Situation weiterhin ist, zeigt das Beispiel Tschechien. Dort infizierte sich Nationaltrainer Daniel Kubes, in der Bundesliga für die HSG Nordhorn-Lingen verantwortlich, und kann das Team somit nicht wie geplant auf die WM vorbereiten. „Ich muss gestehen, dass ich krank bin. Um ehrlich zu sein, ist mein primäres Ziel, gesund zu werden“, sagte der Coach.

Die DHB-Spitze glaubt derweil weiter fest an das Konzept der Ägypter, Bob Hanning wies die von Erlangens Aufsichtsratschef Carsten Bissel geäußerten Vorwürfe („Die Blase ist ein Witz“) zurück. „Ich weiß nicht, woher wir die Arroganz nehmen, dass wir das alles besser können als andere Länder. Damit tue ich mich sehr schwer“, sagte der DHB-Vizepräsident dem RBB.