FrankfurtOhne die Pandemie hätte Joachim Löw schon sehr bald wieder Präsenzpflicht. Die Auslosung der WM-Qualifikationsgruppen am Montag (18 Uhr) in Zürich hätte allein wegen der räumlichen Nähe den im Breisgau beheimateten Bundestrainer angezogen, doch in Corona-Zeiten schickt der Deutsche Fußball-Bund (DFB) keinen einzigen Repräsentanten an den Fifa-Sitz. Trotzdem wird der am Montag von der DFB-Spitze in seinem Amt bestätigte Löw natürlich genau hinschauen, wer sich der deutschen Nationalmannschaft auf dem Weg zur WM 2022 in den Weg stellt.

Die vierte WM-Mission steht infrage

Das 0:6 in Spanien hat nicht mehr verhindert, dass die DFB-Elf im Topf eins der Gesetzten gelandet ist. Aus Topf zwei werden Gegner der Kategorie Schweiz, Schweden oder Österreich zugelost, aus Topf drei will niemand gegen Russland antreten, ansonsten gibt es Kaliber wie Finnland oder Griechenland. Das alles scheint machbar, auch wenn nur die Gruppenersten sicher in genau zwei Jahren in Katar antreten. Im März 2021 wird Löw seine Länderspiele 190 bis 192 im Rahmen dieser Qualifikation coachen. Ob sich der 60-Jährige dann auch wirklich an seine vierte WM-Mission als Bundestrainer macht, ist trotz der DFB-Mitteilung, den Bundestrainer „auf dem weiteren Weg“ zu unterstützen, nicht garantiert.

Es könnte sich um ein Treuebekenntnis auf Zeit handeln, nämlich terminiert bis zur EM 2021. Fredi Bobic, Sportvorstand von Eintracht Frankfurt, merkte im WDR-Podcast „Einfach Fußball“ an, dass die vergeigte WM 2018 eigentlich ein guter Zeitpunkt für Löw gewesen wäre, „aufzuhören, es jemandem anderen zu überlassen“. Allerdings würden – abgesehen von Franz Beckenbauer – ja die meisten Amtsinhaber den richtigen Zeitpunkt zum Abtreten verpassen. Allerdings würde auch Bobic mitten in der Pandemie, „wo alles bei der Nationalmannschaft nicht einfach, sehr zäh ausschaut“, den Bundestrainer jetzt nicht entlassen. Und weiter: „Die Europameisterschaft sollte vielleicht das letzte Ding sein. Danach sollte er eigentlich übergeben. Egal wie es dann läuft ... Man braucht dementsprechend auch Alternativen. Danach muss man schauen.“

Dieser Vorschlag des in der Deutschen Fußball-Liga (DFL) bestens verdrahteten Eintracht-Bosses muss hellhörig machen. Im Duktus hat Bobic die goldene Brücke benannt: Bis Sommer bleiben Mannschaft und Trainer aus alter Gewohnheit und mangels Alternativen noch zusammen, dann aber wird – gesichtswahrend für alle Parteien – ein Umbruch auch auf der Trainerbank eingeleitet.

Rund zwei Stunden genügten Präsident Fritz Keller, den Vizepräsidenten Rainer Koch und Peter Peters sowie Schatzmeister Stephan Osnabrügge am Montag, um sich von Löws Ausführungen in der DFB-Bibliothek überzeugen zu lassen. Die hohen Herren aus dem Präsidialausschuss nickten Löws Verbleib ab, die telefonisch zugeschalteten Präsidiumsmitglieder hatten ebenfalls keine Einwände. Dieser Schnellschluss führte zu einem teils verheerenden Echo in der Öffentlichkeit. Die Umfragewerte bleiben mies. Für Löw und DFB. Denn der Verband konstatierte recht ungeniert, dass der Trainerstab „hochqualitative Arbeit“ mache, dass das Verhältnis zwischen Mannschaft und Trainer „intakt“ sei, dass ein „klares Konzept“ für das weitere Vorgehen vorliege.

Die vorgezogene Analyse mit dem komplett angereisten Trainerteam bedeutet nicht, dass die Präsidiumssitzung am Freitag überflüssig geworden ist. Das Aushängeschild A-Nationalmannschaft taucht weiter in der Tagesordnung auf – darauf legte der DFB am Tag danach größten Wert. Der in einer Doppelrolle als Löws Vertrauensmann und Direktor Nationalmannschaften & Akademie agierende Oliver Bierhoff wird also wie verabredet die Lage beleuchten und ein Denkmodell darlegen, das in einem Zyklus von der EM 2021 über die WM 2022 bis zur EM 2024 im eigenen Land überleitet.

Grenzwertig bleibt bei den sich teils widersprechenden Abläufen vor allem die Frage, warum man Löw mit dem sehr distanzierten Kommuniqué aus der Vorwoche erst dem Weg zur inneren Einkehr empfahl, um ihn jetzt wieder über den grünen Klee zu loben. Vielleicht spürte der Verband, dass weder der Bundestrainer aufhören wollte noch die Liga auf eine Veränderung beim prominentesten (und am besten entlohnten) DFB-Angestellten drängen mochte. In seltener Einmütigkeit unterließ es das Profilager, an Löws Stuhl zu sägen. Auch das hat ihn gerettet. Vorerst. Der Freifahrtschein gilt trotzdem nur noch über einen Winter, in dem die Nationalmannschaft und ihr Bundestrainer abgesehen von einer digitalen Auslosung keinerlei Verpflichtungen haben.