Berlin - Neulich, im virtuellen Gespräch mit mehreren Tausend zugeschalteten Fans, hat sich Joachim Löw sehr darum bemüht, die Sprache der Jugend zu treffen. Seine Spieler, versicherte da der scheidende Bundestrainer hätten „echt richtig Bock, zur Nationalmannschaft zu kommen“.  Er selbst hat bald keinen Bock mehr, aber das sagte er so natürlich nicht.

Die Nationalmannschaft braucht wieder mehr alte Tugenden

Joachim Löw hat spät gespürt, dass zu wenig übrig geblieben ist von der Popularität des einstigen „Bundes-Jogi“, der dem Land modernen Fußball schenkte. Sein Credo war lange wie in Stein gemeißelt: „Es ist der falsche Ansatz zu sagen, wir müssen zurück zu alten deutschen Tugenden, Laufen und Kämpfen.“ Dem Ästheten ging es nie nur um Siege, sondern stets auch ums schöne Spiel. Jetzt, auf seine alten Tage im Verband, spürt er, dass es so nicht reichen wird. Es braucht mehr Männer am Ball, mehr Härte in den Zweikämpfen, mehr gute alte Tugenden. Löw muss sich dabei auch ein bisschen selbst verraten.

Ab Freitag begibt der 61-Jährige sich im Trainingslager in den Tiroler Bergen auf die letzte Etappe einer 17-jährigen Amtszeit im DFB, die ihm viel Geld und viel Ruhm einbrachte, aber zuletzt auch einen scharfen Gegenwind, der schmerzhaft in den Augen brannte.

Denn es hat nicht viel funktioniert von dem, was sich Löw vorgenommen hat seit dem Triumph in Brasilien 2014. Damals, in einer längst vergangenen Zeit, als er in der ihm eigenen Lässigkeit alles richtig gemacht hatte. In einem epischen Finale gegen Argentinien André Schürrle und Mario Götze eingewechselt, Verlängerung, Flanke Schürrle, Tor Götze. Weltmeister! Danach fielen sie alle miteinander in das, was in der Fußballersprache „Motivationsloch“ genannt wird.

Die Europameisterschaft 2016: kein Meisterstück. Die individuell beste Mannschaft des Turniers schied im Halbfinale gegen Frankreich aus, auch deshalb, weil Löw in seiner Treue zu Bastian Schweinsteiger die Realität verkannte. Der Held von Rio war, vom Trainer unerkannt, nicht mehr gut genug fürs höchste Niveau.

Die Weltmeisterschaft 2018, Ein Jahr nach dem triumphalen Sieg im Confed-Cup mit einer Truppe Greenhörner: Löws Gelassenheit mündete in Arroganz. Er gab das später selbst zu. Das ikonische Foto des Bundestrainers an eine Laterne der Promenade von Sotschi gelehnt, wurde zum Symbolbild der Überheblichkeit. Bald darauf schied seine Mannschaft blamabel aus. Als Letzter der Vorrundengruppe, geschlagen von Südkorea.

Doch ein Vertrag bis 2024, ein betäubter Verband und die Achtung vor einem Weltmeistertrainer belassen ihn im Amt. Die Nations League mit dem letzten Platz hinter Frankreich und den Niederlanden wird schon zur Teil-Demontage für Team und Trainer, die Deklassierung beim 0:6 in Spanien hinterlässt Joachim Löw traumatisiert.

Als er sich wieder von dem Schock erholt hat, kündigt er seinen Rücktritt nach dem EM-Turnier an. Aber es wird eine Ansage, der keine Befreiung folgt. Stattdessen die Peinlichkeit eines 1:2 daheim gegen Nordmazedonien und nach dieser Demütigung die nächste Konsequenz: Löw reaktiviert Thomas Müller und Mats Hummels und revidiert damit seine Basta-Entscheidung aus dem Frühjahr 2019. Sein Plan, aufstrebenden Spielern Raum zur Entwicklung zu geben, ist gescheitert. Er hat der Jugend zu viel Vertrauen geschenkt, nachdem er ihr 2018 in Russland zu wenig Vertrauen gegeben hatte. Er hat die Mitte verloren.

Joachim Löw möchte seine Ära versöhnlich beenden

In den nächsten Wochen nun kann der wichtigste Mann im Fußballland eine Ära versöhnlich beenden. Er hat seine Mannschaft bis auf das 2018er-Debakel bei großen Turnieren zuverlässig mindestens in Halbfinals geführt, er hat es geschafft, mit der von Philipp Lahm angeführten Goldenen Generation eine deutsche Fußball-Hochkultur zu entwickeln, die 2014 ihren Höhepunkt fand und seitdem – mit der Ausnahme des unverhofften Siegs beim Confed-Cup – zusehends zerbröselte. Damit einher ging: Das Volk wendete sich ab, die Stadien füllten sich nicht mehr vollends, Löw schaffte es mit seiner Rhetorik nicht mehr, die Mannschaft mit ihrem zähen Spiel nicht mehr, die Herzen zu erreichen.

Eines Tages werden die Erinnerungen an einen Mann, der vielen ein Rätsel blieb, durch die Nacht von Rio geprägt sein. Oder zum Abschied auch durch einen Titel im Wembleystadion am 11. Juli 2021? Es wäre eine Überraschung.

Am Ende des Fantalks fragte jemand den Bundestrainer: „Wir wollen Sie die Fans wieder vom deutschen Fußball überzeugen?“ Joachim Löw hat einmal tief Luft durch die Zähne gesaugt, wie nur er es kann. Dann hat er gesagt, er wisse, dass die Spieler „bereit sind, was zu reißen“. Er selbst aber, fügte er noch hinzu, spüre keine Wehmut. Der Abschiedsschmerz wird klein dosiert.