Rio de Janeiro - Für einen glorreichen Triumphator, der es gerade allen so richtig gezeigt hat, kam Joachim Löw recht still und bescheiden daher. Er musste grinsen, als ein paar Journalisten bei seinem Erscheinen im Pressekonferenzraum zu klatschen begannen. Das ist er nicht gewöhnt. Und dann musste er noch einmal grinsen, als ihm gleich eine etwas merkwürdige Frage gestellt wurde. Ob der Weltmeistertitel denn jetzt ausgleichende Gerechtigkeit sei, nachdem ihm vor ziemlich genau zehn Jahren die größte Ungerechtigkeit seines Trainerlebens widerfahren sei, wollte ein österreichischer Journalist wissen. Damals, im Juni 2004, war er bei Austria Wien entlassen worden, obwohl der Klub an der Tabellenspitze stand. Das sei nicht die größte Ungerechtigkeit seiner Karriere gewesen, sagte Löw, sondern ein Glücksfall: „Sonst säße ich jetzt nämlich nicht hier.“

Er will auch nichts anderes

Ein paar Monate später holte der neue Bundestrainer Jürgen Klinsmann den arbeitslosen Fußballlehrer als Assistenten, und Löw hatte seine Bestimmung gefunden. Die meisten Nationaltrainer sind eigentlich Vereinstrainer, die es zufällig und vorübergehend auf diesen Posten verschlagen hat. Löw ist ein Nationaltrainer, der vorher notgedrungen als Vereinstrainer arbeiten musste, bis sein wahres Talent erkannt wurde.

Man kann ihn sich inzwischen kaum noch als Coach eines Bundesligaklubs vorstellen, und auch bei internationalen Topvereinen wie Real Madrid, FC Barcelona, Manchester United oder FC Arsenal fällt das schwer. Ein anderes Nationalteam kommt ebenfalls nicht mehr in Frage, nun, da er Weltmeister ist. Er wird also wohl weitermachen als Bundestrainer. Es bleibt ihm gar nichts anderes übrig, und er will auch nichts anderes.

Löws Vertrag mit dem Deutschen Fußball-Bund (DFB) läuft ohnehin noch bis zur Europameisterschaft 2016 in Frankreich, und nachdem der 54-jährige Fußballlehrer bewiesen hat, dass er doch große Titel gewinnen kann, ist seine Stellung so unangefochten wie einst nur die von Sepp Herberger, dem Weltmeistertrainer von 1954. Stark war sie schon vorher, fast alle seine Forderungen hat er durchgesetzt. Sein Vertrauter Frank Wormuth ist Chef der Trainerausbildung, sein Vertrauter Hansi Flick wird Sportdirektor beim DFB, die Trainer der Juniorenteams sind von ihm handverlesen, und das mit Teammanager Oliver Bierhoff zusammen entwickelte Lieblingsprojekt eines DFB-Leistungszentrums ist beschlossen und wird für veranschlagte 60 Millionen Euro in Frankfurt entstehen.

Vorbei die Zeit, als Klinsmann und Löw ihr Wunschkandidat für das Amt des Sportdirektors, der ehemalige Hockey-Bundestrainer Bernhard Peters, abgeschmettert wurde und man Bundestrainer Löw stattdessen den inkompatiblen Matthias Sammer vor die Nase setzte, als der damalige DFB-Präsident Theo Zwanziger für Irritationen sorgte und die Bundesliga ständig dazwischenstänkerte. Inzwischen ist Löw Kaiser in einem absolutistischen System, mit einer Machtfülle, wie sie nur Herberger hatte, und wie sie Franz Beckenbauer nach dem WM-Sieg 1990 hätte haben könne, aber lieber nicht wollte.

Die Zukunft vor Augen

Löw will diese Macht, er hat noch viel vor. Die Modernisierung und Professionalisierung ist zwar weit vorangeschritten, aber noch längst nicht abgeschlossen. Ausdrücklich lobte der Bundestrainer in Rio die Bundesligaklubs und ihre Leistungszentren, deren Ausbau nach dem Schock des EM-Ausscheidens im Jahr 2000 vorangetrieben wurde und die ihm die Talente für seine Auswahl liefern. Er lobte die Trainer, die in den letzten Jahren den Mut hatten, die jungen einheimischen Spieler auch einzusetzen. In dieser Hinsicht ist die Bundesliga den anderen großen Ligen weit voraus und galt bei der WM schon vor dem Finalsieg anderen Ländern wie Brasilien, England oder Italien als Vorbild. Während in der Bundesliga die Mehrzahl der Spieler zwischen 18 und 25 Jahren aus Deutschland stamme, rechnete die Gazzetta dello Sport vor, spielen in der Serie A in dieser Altersklasse hauptsächlich Ausländer.

Beweisen muss Joachim Löw nun niemandem mehr etwas. „Dieses tief empfundene Glücksgefühl wird für alle Ewigkeit bleiben“, sagte er in den Katakomben des Maracanã. Er ist nun in jenem Olymp angekommen, in dem in den letzten Jahren Vicente del Bosque saß. Spaniens Nationaltrainer und dessen Mannschaft waren stets ein Vorbild für Löw, und man darf getrost davon ausgehen, dass es den Bundestrainer auch weiterhin reizt, dem Beispiel des zehn Jahre älteren Kollegen zu folgen und dem einen Titel noch andere folgen zu lassen. Anders als seine Spielergeneration der ersten Stunde muss Löw ja nicht fürchten, an eine Altersgrenze zu stoßen.

Er hat bereits die Platzhirsche von 2006, Michael Ballack und Torsten Frings, mehr oder weniger elegant verabschiedet, er wird nicht zögern, dies spätestens nach der EM 2016 auch mit den Protagonisten der folgenden Generation zu tun. In Rio hatte er in der Stunde des Erfolgs schon die Zukunft seines Teams vor Augen. „Wir haben eine Menge junge Spieler, die in ihrer Karriere noch viel bewegen können“, erklärte er und nannte namentlich Mesut Özil, Toni Kroos, Sami Khedira, Mario Götze. Es klang, als plane er bereits die WM 2018, und es klang, als hätte er absolut nichts dagegen, auch dort wieder den Anführer zu geben.