LeipzigDie Protagonisten eines mal wieder ziemlich steril wirkenden Länderspiels hatten an diesem Novemberabend die Spielfläche in der Leipziger Arena kaum verlassen, da machten sich gewissenhafte Greenkeeper bereits an die Reparaturarbeiten. Bald schoben sie ein halbes Dutzend handbetriebene Rasenmäher über den Untergrund, der drei Tage nach dem Freundschaftsspiel zwischen Deutschland und Tschechien (1:0) erneut von trittfesten Stollenschuhen zweier Auswahlteams beackert wird. Denn auch das Nations-League-Heimspiel der DFB-Auswahl gegen die Ukraine (Sonnabend, 20.45 Uhr/ ZDF) findet in der im Umbau befindlichen Spielstätte am Leipziger Sportforum statt.

Bundestrainer Joachim Löw kündigte dafür in der digitalen Befragung von den lärmumtosten Tribünen seine Bestbesetzung an. Dass eine Azubi-Auswahl im Vorlauf einen Durchgang ordentlich, den anderen Abschnitt eher unorganisiert auftrat, beurteilte der 60-Jährige milde: „Jedem einzelnen Spieler möchte ich ein großes Lob aussprechen, was Einsatz, Motivation und Laufbereitschaft betrifft. Wir werden in dieser Konstellation wohl nie wieder zusammen spielen.“ Denn bis zur Nominierung für die EM 2021, wo auch immer dieses Turnier in der Pandemie letztlich stattfindet, sind die Einspielmöglichkeiten jetzt an den Fingern einer Hand abzuzählen. Das Experimentieren erfährt natürlichen Einhalt.

Hofmann, Gosens, Schulz und Baku sind abgereist

Kapitän Manuel Neuer und Co. tauchten am Donnerstag ja nicht aus Jux und Tollerei in die vom DFB errichtete Blase ein, sondern wollen mit aktivem Zutun gegen die Ukraine sich die Chance auf ein Endspiel um den Gruppensieg in Sevilla gegen Spanien (Dienstag, 20.45 Uhr/ ARD) erhalten. Dann könnte es sogar noch um die Teilnahme am zumindest finanziell reizvollen Final-Four-Turnier der Nations League gehen. Und wer kennt sich mit diesen Formaten besser aus als die nun zum Tross stoßenden Immer-Gewinner vom FC Bayern? Deshalb bat der Bundestrainer auch Niklas Süle nach mehreren negativen Corona-Tests in die derzeit etwas leblos wirkende Messestadt. Löw hatten Gespräche mit seinem Ex-Assistenten Hansi Flick  und dem Spieler überzeugt, dass angeblich kein Risiko besteht. „Niklas hatte überhaupt keine Symptome. Ich habe entschieden, dass er dazukommt.“

Hingegen ist neben Jonas Hofmann (Muskelbündelriss), dem angeschlagenen Robin Gosens und Nico Schulz auch Ridle Baku (zur U21) am Donnerstag abgereist, um den Kader auf ein vernünftiges Maß zu reduzieren. Die einen kommen, die anderen gehen – so ist das in den zunehmend unübersichtlich wirkenden Corona-Zeiten, in denen auch für den Bundestrainer „jeden Tag, jede Woche neue Unwägbarkeiten“ auftauchen. Insofern freut man sich gemeinsam über jedes kleine Erfolgserlebnis. In der Kabine hätten die Spieler am Mittwochabend jedenfalls „durchgeatmet“. Endlich mal kein spätes Gegentor.

Die Gesamtbilanz, darauf legte der im Herbst teils massiv kritisierte Löw großen Wert, sei doch gar nicht so schlecht. EM-Qualifikation, Nations League und Testspiele eingerechnet steht die DFB-Elf in 16 Spielen seit dem vergangenen Jahr bei neun Siegen, sechs Unentschieden und einer einzigen Niederlage – Anfang September 2019 gegen die Niederlande (2:4). Er habe überdies „nie gesagt, dass Ergebnisse überhaupt keine Rolle spielen“. Im Gegenteil: „Jedes Spiel, das man gewinnt, gibt ein gutes Gefühl.“

Letztlich nahm der Südbadener mehr Erkenntnisse mit als erwartet: Florian Neuhaus überzeugte als abgeklärter Gestalter des Geisterspiels und verdiente sich das Vertrauen mindestens für Sonnabend, wenn die zentrale Achse durch den verletzten Joshua Kimmich und den gesperrten Toni Kroos wegbricht. „Flo besitzt eine hohe Spielintelligenz. Er ist ballsicher und findet gute Lösungen“, lobte Löw. Ähnliche Komplimente heimste auch Robin Koch („klar und solide“) ein, der als Organisationstalent einer verbesserten Dreierkette punktete. Dem ehemaligen Freiburger hat der Wechsel zu Leeds United offenbar ebenso gut getan wie dem Ex-Vereinskollegen Luca Waldschmidt, der seinen guten Lauf bei Benfica Lissabon in die Nationalelf mit dem Siegtor (13.) übertrug. „Er hat noch einmal einen Schritt nach vorne gemacht“, befand der Bundestrainer, der zudem den Debütanten Ridle Baku und Philipp Max auf den Außenbahnen gute Ansätze bescheinigte: „Beide haben sehr intensiv gespielt und haben mit ihren dynamischen Läufen Räume überbrückt.“

Bundestrainer Löw rügt Julian Brandt

Einer bekam jedoch auch einen Tadel zu hören: Julian Brandt ist bei aller Begabung am Ball schlicht zu wankelmütig, sodass selbst der oft nachsichtige Ästhet Löw darüber nicht länger hinwegsehen kann. „Julian hat so viel Können, so viel Tempo. An der Konstanz muss er arbeiten. Er ist ein bisschen schwankend in den Leistungen.“ Öffentlich hinterlegt ist dieser letzte Warnschuss an den gebürtigen Bremer, endlich die „nächste Hürde“ zu überspringen – sonst wird es nichts mit einer EM-Nominierung für den 24-Jährigen, der es weder im Verein noch in der Nationalmannschaft schafft, sein Potenzial abzurufen – und letztlich nach dieser Rüge als der größte Verlierer den penibel gepflegten Rasen von Leipzig verließ.