Joachim Löw beklagt die Nachlässigkeiten seiner Nationalspieler.
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Berlin/KölnNicht immer trifft die Stadionregie bei der deutschen Nationalmannschaft mit ihrer Musikwahl den richtigen Ton. Nach dem 3:3 gegen die Türkei im Kölner Stadion noch den Ohrwurm „Übermorgen“ von Mark Foster einzuspielen, hätte am Mittwochabend nicht besser passen können. „An deiner Seite will ich sein. Uns alle Fehler verzeihen. Mit allen Träumen und all den Sorgen. Heute, morgen und übermorgen“, tönte es beim Refrain aus den Lautsprechern, ehe sich Joachim Löw, der Bundestrainer, in einer Spielfeldecke zu seiner ersten Analyse aufstellte. Nach eigener Gemütsbeschreibung „enttäuscht und angefressen“. Wenn sich Fehler in so regelmäßiger Folge wiederholen, kann auch der gnädigste Übungsleiter nicht verzeihend urteilen. Nachlässigkeiten in der Schlussphase sind ein gefährliches Muster bei der DFB-Auswahl geworden, ganz egal, ob eine B-Besetzung oder A-Elf antritt.

„Wir müssen über die Themen reden, was müssen wir verbessern. Wir müssen auch eine andere Mentalität entwickeln“, sagte Löw nach dem dritten Remis seit dem Restart. Fünfmal ging seine Mannschaft im Corona-Jahr 2020 in Führung, noch sprang kein Sieg heraus. Diesmal bestrafte der in Stuttgart geborene, für Fortuna Düsseldorf spielende Kenan Karaman in der vierten Minute der Nachspielzeit die Nachlässigkeiten. Ein kleines Häuflein türkischer Anhänger unter 300 Besuchern jubelte frenetisch, das deutsche Lager wirkte konsterniert.

Internen Aufklärungsbedarf hat Löw nach einem torreichen Treiben mit „Licht und Schatten“ ausgemacht, wobei sich für eine längere Mannschaftssitzung der Regenerationstag in der Luxusherberge am Rheinufer bestens eignete. Raus darf aus Hygienegründen ja ohnehin niemand. Der Südbadener beobachtet inzwischen sorgenvoll „ein Problem, das uns begleitet“. Fehlende Konsequenz, mangelnder Killerinstinkt stehen nicht erst jetzt auf der Mängelliste. Selbst zu besten Zeiten kamen schlottrige Knie gegen Spielende zum Vorschein. Negativer Höhepunkt war vor acht Jahren ein 4:4 gegen Schweden, als ein 4:0-Vorsprung im Berliner Olympiastadion nicht reichte – und die Befähigung des Bundestrainers ernsthaft infrage gestellt wurde.

Inzwischen besitzt der Weltmeister-Coach zwar ein anderes Standing, aber Löw spürt, dass der Druck für die Nations-League-Spiele in der Ukraine (Sonnabend 20.45 Uhr, ARD) und gegen die Schweiz (Dienstag 20.45 Uhr, ARD) steigt. „Natürlich wird es wichtig sein jetzt, dass wir die nächsten Spiele siegreich gestalten. Es wird auch eine andere Mannschaft auf dem Platz stehen“, versprach der 60-Jährige mit Blick auf den zurückkehrenden Bayern-Block.

Dass sein Ensemble am Ende wie ein aufgescheuchter Hühnerhaufen aussieht, in der sich der eine auf den anderen verlässt – befördert auch durch die mal wieder sehr defensiv geprägte Auswechseltaktik – zieht sich wie ein roter Faden durch eines der Schlusskapitel der Ära Löw. Schon gegen Spanien (1:1) hatte Deutschland in der Nachspielzeit den Sieg verschenkt, auch in der Schweiz (1:1) wurde der Vorsprung nicht gehalten. Nicht einmal der tatendurstige Kapitän Julian Draxler, der das 1:0 besorgte (45.+1) oder der ansprechende Debütant Florian Neuhaus, der zum zwischenzeitlichen 2:1 traf (58.), waren daher nach dem Türkei-Test zufrieden. Selbst nach dem 3:2 von Luca Waldschmidt (81.) holte die DFB-Elf den Gegner ins Spiel zurück. Zu hinterfragen ist, warum fehlerbehaftete Akteure wie Nico Schulz zum Einsatz kommen, die im Verein nicht umsonst keinen Stammplatz besitzen. Löw verortete die Ursachen „bei der Konzentration, dem Verlust an Spielkontrolle, der Chancenverwertung“. Und er sagte: „Wir machen viele Dinge gut, aber wir müssen uns belohnen.“

Solche Sätze gehören zum gängigen Sprech der meisten Bundesligatrainer, die gerne so tun, als sei ihnen auf dem Rasen himmelschreiendes Unrecht widerfahren. Diese Argumentation sollte sich der oberste Fußballlehrer des Landes schnell wieder abgewöhnen. Keine der drei jüngsten Punkteteilungen waren ungerechte Resultate, sondern die logische Konsequenz deutscher Defizite. Das sollte eigentlich auch Löw nach eingehender Analyse wissen. Umso wichtiger wird es nun, in der Ukraine nach sechs vergeblichen Anläufen in der Nations League den ersten Dreier einzufahren.

Die Pandemie hat große Löcher ins Nationalteam des Gegners gerissen. Mehrere ukrainische Leistungsträger sind vom Virus befallen. Die Notelf unter Trainer Andrej Schewtschenko kassierte am Donnerstag eine 1:7-Klatsche in Frankreich, bei der sogar der 45 Jahre alte Torwarttrainer Alexander Schowkowski auf der Kaderliste stand. Der Bundestrainer hat dennoch keine Bedenken vor dem Drei-Tages-Trip nach Kiew in einer speziellen Blase: „Alle, das kann ich versichern, sind heiß und hochmotiviert. Wir wollen das Spiel durchführen.“ Und dann endlich mal wieder zu gewinnen. Um bei Mark Forster zu bleiben: am besten heute, morgen und übermorgen.