Timo Kastening muss sich erst noch in das Gedächtnis des Bundestrainers spielen. 
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TrondheimTimo Kastening konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Als ihn Bundestrainer Christian Prokop vor laufenden Kameras und für alle Welt mitverfolgbar nach seinem Namen fragte, überspielte der Rechtsaußen den Fauxpas mit einem Lächeln und antwortete gelassen: „Timo!“ Eine erheiternde Situation, die sich den Zuschauern des EM-Auftaktes der deutschen Handball-Nationalmannschaft gegen die Niederlande (34:23) am Donnerstag bot, als der holländische Bundestrainer Erlingur Richardsson beim Spielstand von 20:16 die Time-Out-Karte zog und so gleichermaßen der DHB-Auswahl Zeit zur Besprechung gab. Während Prokop   den nächsten Spielzug ansagen wollte, geschah der Lapsus.

„Das war ein bisschen trantütig“, gab der 41-Jährige nach Abpfiff zu und versuchte zu erklären: „Ich wollte einen lockeren Spruch machen, damit die Mannschaft reagieren muss und ein bisschen Auflockerung reinbringen. Das war natürlich nur ein Scherz.“ Kastening sprang auf den Zug auf und versicherte: „Das war witzig. In der Regel kennt Christian meinen Namen.“

Christian Prokop steht nicht zu seinem Blackout

So ganz abgenommen hat den beiden die Geschichte allerdings keiner. Denn obwohl Kastening anmerkte, dass ihn der Trainer aufgrund seiner für Handballer geringen Körpergröße nicht gesehen hätte und deshalb nach ihm suchte, bleibt die Begründung flach. Doch nicht die kurzzeitige Erinnerungslücke Prokops wurde zum Problem – schließlich vergessen wir alle von Zeit zu Zeit etwas –, sondern die fadenscheinige Erklärung. Der Bundestrainer stand nicht zu seinem Blackout, sondern versuchte sich in Ausreden. Ansonsten wäre das Thema wahrscheinlich schnell abgehakt gewesen.

So wurde umso deutlicher, dass der gebürtige Köthener wie seine Mannschaft unter Start-Nervosität litt, diese aber nicht wirklich zugeben wollte. Vielleicht sind die anfänglichen Kritiken an seiner Person aus dem Jahr 2017 auch noch zu präsent, als dass sich Prokop wieder inmitten des Kreuzfeuers bewegen wollte. Doch der Versuch ging nach hinten los, das Geschehen wurde weiter in der Öffentlichkeit aufgegriffen und wird genauso hinter verschlossenen Türen, speziell in der Kabine, das eine oder andere Mal zum Gespräch werden.

Als Prokop am Freitag auf die Gegebenheit angesprochen wurde, gab er sich ehrlicher. „Ich habe mir die Situation noch einmal angeschaut“, sagte der Bundestrainer, „es ist glaube menschlich, dass man manchmal Wortfindungsstörungen hat.“ Bei seiner Grunderklärung blieb er dennoch: „Ich habe Timo gesucht, die Mannschaft miteinbezogen und zusammen haben wir das gelöst.“ Immerhin ein teilweises Fehlereingeständnis, nachdem Prokop das Gewicht wieder auf das eingespielte Gefüge im DHB-Team legte. Man sei gut in das Turnier gestartet, hätte gemeinsam schwerere Phasen durchlebt und in Stresssituationen bestanden – so wie eben in dieser einen Auszeit.

Die nächste kritische Situation

Nun schaut die Welt darauf, wie Prokop die nächste kritische Situation unter Druck meistern wird. Und die könnte bereits bei der   Partie gegen Spanien am Sonnabend (18.15 Uhr, ARD) auf dem Tableau stehen. Die Iberer gewannen ihr Auftaktspiel gegen Lettland mit 33:22 trotz der Schwächung durch zwei Rote Karten und auch deshalb mit ähnlichen Startschwierigkeiten. „Ich bin froh, dass wir 48 Stunden Regenerationszeit haben“, erklärte der Spanier Jordi Ribera Roman, „das Auftaktspiel ist nie einfach und gegen Deutschland wird es eine richtig schwere Aufgabe.“

Das Duell zwischen Deutschland und Spanien ist ein Klassiker im Handball-Kosmos, der in der Gruppe C über den Gruppensieg entscheiden wird. Mit den Rot-Gelben als Favorit. Bei voller Mannstärke warten erfahrene Spieler wie Viran Morros, Joan Canellas und Raúl Entrerrios mit jahrelanger Champions League-Erfahrung auf, sie werden durch den Spielwitz der jungen Garde ergänzt. Im deutschen Team soll Linksaußen Uwe Gensheimer, nachdem er wegen eines Kopftreffers die Rote Karte gegen die Niederlande gesehen hatte, über die ganze Spielzeit wirbeln. „Das ist ein absoluter Schlager“, befand Füchse-Geschäftsführer und DHB-Vizepräsident Bob Hanning, „da gab es große Siege, schmerzhafte Niederlagen – es war ganz oft ein Schlüsselspiel.“ Ein Schlüsselspiel auch für Prokop, denn der muss zeigen, dass er und seine Mannschaft dem Druck standhalten können.