Der Blick geht nach oben: Stefan Horngacher will mit den deutschen Skispringern bei der Vierschanzentournee hoch hinaus.
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OberstdorfStefan Horngacher hat im Frühjahr als Bundestrainer der Skispringer die Nachfolge des erfolgreichen Werner Schuster angetreten. Die 68. Vierschanzentournee, die an diesem Sonnabend mit dem Springen in Oberstdorf beginnt, ist nun das erste große Highlight in der Verantwortung des Österreichers Horngacher, der seinen Musterschüler Kamil Stoch in seiner Zeit als polnischer Chefcoach zu zwei Gesamtsiegen bei dem Skisprung-Grand-Slam führte. Im Interview mit der Berliner Zeitung spricht der 50 Jahre alte Coach über die Chancen der deutschen Mannschaft, die von ihm vorgenommenen Änderungen und geheime Planungen für die Vierschanzentournee.

Herr Horngacher, welche Leistungen sind von Ihrem Team in den kommenden Tagen zu erwarten?

Karl Geiger ist natürlich top – immer unter den Top Sieben in allen Springen spricht für sein sehr gutes, stabiles Niveau. Stephan Leyhe hat schon zwei Top-Ten-Plätze stehen und ist auf dem Weg nach oben.

Mit Richard Freitag haben wir aktuell einige technische Abläufe zu verbessern.

Stefan Horngacher

Und was wird von den deutschen Springern zu sehen sein, die sich dahinter einsortieren?

Die Springer aus dem Anschlusskader machen es sehr gut, bringen wie Pius Paschke ihre besten Ergebnisse. Mit Richard Freitag haben wir aktuell einige technische Abläufe zu verbessern. Er bekommt die Symmetrie in der Anfahrtshocke nicht richtig hin. Markus Eisenbichler hat die Saison begonnen wie die Jahre zuvor. Mit großen Erwartungen, dann aber hatte er vor Wisla Knieprobleme und einen unglücklichen Einstieg in die Saison. Es folgte ein Sturz in Rukka. In der Summe hat das an seinem Selbstverständnis genagt. Wenn er zu seinen guten Sprüngen zurückfindet, ist er schnell wieder vorn dabei.

Warum ist der Saisonstart nicht optimal verlaufen?

Ich glaube, dass es auch daran liegt, dass die Topspringer im Team in den letzten Jahren sehr erfolgreich waren. Sie wollten natürlich daran anschließen. Aber zum einen entwickelt sich der Sport fortwährend, zum anderen dauert es seine Zeit, bis die daraus resultierenden Veränderungen, die ich im Trainerteam und Training vorgenommen habe, greifen. Zudem haben andere Nationen wie die Norweger und Österreicher aufgeholt.

Mit welchen Zielen gehen Sie mit Ihrer Mannschaft in die Vierschanzentournee?

Ich gehe da positiv rein. Nach derzeitigem Stand ist es ein realistisches Ziel, dass wir in der Gesamtwertung zwei Springer unter die Top Ten bringen. Wenn es davon einer aufs Podest schafft, wäre das mein Wunschresultat. Unser Vorteil diesmal ist: Wir können nur gewinnen. Es erwartet momentan niemand von uns, dass ein Deutscher die Tournee gewinnt. Deshalb bleiben die Jungs im Arbeitsmodus und machen sich hoffentlich keinen so großen Kopf.

Aufsteigende Form: Karl Geiger wird das deutsche Team bei der Vierschanzentournee anführen.
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Genau an eben diesem Erfolgsdruck ist Karl Geiger im vergangenen Jahr noch bei der Vierschanzentournee gescheitert…

Er ist im vergangenen Jahr nach seinem Sieg bei der Tournee-Generalprobe von Engelberg mit großen Erwartungen reingegangen und gescheitert. Aber Karl ist seitdem viel stabiler geworden, das wird ihm helfen.

Es geht ausgerechnet in Oberstdorf los. Wird ihn das zusätzlich belasten?

Natürlich ist es eine Riesenherausforderung für ihn, wenn er da in Oberstdorf in seiner Heimat in die Tournee startet und jeder klopft ihm auf die Schulter. Aber er ist sehr gereift und kann den letzten Schritt machen und ganz vorn reinspringen. Seine Sprünge waren bislang stabil gut, aber noch nicht stabil sehr gut. Er hat noch Reserven und Karl ist einer, der so lange akribisch arbeitet, bis er sich diese Reserven erschlossen hat.

Wie schätzen Sie die Chancen des dreimaligen Weltmeisters Markus Eisenbichler bei der Vierschanzentournee ein?

Markus braucht Wettkampferfolge. Sprünge, die ihm Selbstbewusstsein geben, dann passt das und er ist wieder ganz schnell vorn dabei. In Klingenthal hat er gemerkt, dass schon ein mittelmäßiger Sprung reicht, ein ordentliches Resultat zu erzielen. Er muss seine emotionalen Ressourcen erschließen, wie es ihm bei der WM gelungen ist. Dann ist er zu allem fähig.

Severin Freund kämpft sich zurück

Den einstigen Vorflieger Severin Freund werden wir bei der Tournee leider nicht sehen…

Die Rückenprobleme scheinen überwunden zu sein, er kann wieder schmerzfrei trainieren. Severin macht einen guten Eindruck, aber braucht noch ein bisschen Zeit. Er geht bald wieder auf die Schanze und dann werden wir sehen, wie schnell er wieder fit wird und wann er wieder in Weltcup einsteigen kann. Für die Tournee ist er keine Option. Die Skiflug-WM am Ende der Saison könnte ein Ziel sein, auf das er hinarbeitet.

Welche Änderungen haben Sie in den internen Abläufen der Mannschaft bei der Vierschanzentournee vorgenommen?

Die Zuständigkeiten im Betreuerstab sind ganz klar abgesteckt. Jeder Springer weiß genau, an wen er sich zu wenden hat. Auch den während der Tournee so wichtigen Bereich der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit haben wir weiter optimiert. Wir werden die Vorbelastung und das Aufwärmen abseits der Schanze machen. Wenn du direkt an der Schanze bist, hast du schon bei den Imitationssprüngen fünf Kameras vor dem Gesicht. Wir machen ein paar andere Sachen, um neue Reize für die Athleten zu setzen.

Kann das dabei helfen, die psychische Belastung bei den beiden Heimspringen zu reduzieren?

Oberstdorf ist immer die größte Challenge, dann müssen wir noch Garmisch meistern. Natürlich sind die Heimspringen mit all den Erwartungen immer die größte Herausforderung. Danach wird es in Innsbruck und Bischofshofen leichter, auch wenn es die österreichischen Fans nicht so gut finden, wenn die Deutschen gut sind.

Es gibt immer ein paar Reserven, die man sich für Tournee zurückhält.

Stefan Horngacher

Haben Sie denn in Sachen Material noch etwas für die Vierschanzentournee auf Lager?

Natürlich ist das streng geheim, was wir für die Tournee planen (lacht). Im Ernst: Es gibt immer ein paar Reserven, die man sich für Tournee zurückhält. Wir haben noch etwas im Köcher, was einen kleinen Impact bringen sollte. Allerdings bewegen wir uns nicht am absoluten Limit, auch um prophylaktisch möglichen Verletzungen vorzubeugen.

Wer sind für Sie die ultimativen Favoriten bei der Vierschanzentournee in diesem Winter?

Geiger und Eisenbichler (lacht). Ich will mich da nicht festlegen, denn bislang hat sich keiner so richtig abgesetzt. Ryoyu Kobayashi und Stefan Kraft haben schon tolle Leistungen gezeigt, aber sie sind nicht aus der Welt. Wenn Kamil Stoch richtig gut zu springen anfängt, ist er auch ein Anwärter.