Burak Isikdaglioglu, sportlicher Leiter Nachwuchs beim Berliner AK , über die Wirkung des Rücktritts, Integration und das Verhältnis der Türken zu Deutschland Burak Isikdaglioglu ist Sportlicher Leiter Nachwuchs beim Berliner AK, außerdem Projektkoordinator von „gemeinsam statt einsam“, einem Flüchtlingsprojekt, und Gründer der TSM Fußballakademie Berlin. Er kann einschätzen, was der Rücktritt von Mesut Özil und die Erklärungen des Spielers, der Vorbild für viele junge Türken und Deutsche ist, an der Basis bedeuten.


In Berlin leben über 200.000 Menschen mit türkischen Wurzeln, mehr als in jeder anderen Stadt Europas. Knapp die Hälfte von ihnen sind türkische Staatsbürger. Die anderen 100.000 sind deutsche Staatsbürger mit türkischem Migrationshintergrund, die sogenannten Deutschtürken. Burak ist in den Achtzigerjahren in Westberlin geboren und lebt seither zwischen zwei Kulturen. Hier die deutsche, da die türkische. Türkisch sein heißt: viel Temperament, zu viel Gelaber, zu viel von allem. Deutsch sein: immer Ruhe bewahren, zu wenig Gelaber, kein Temperament.

Wie finden Sie die Reaktion des Nationalspielers Mesut Özil,  der am Sonntag in drei Teilen seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft mit 29 Jahren erklärte und den Deutschen Fußball-Bund samt Präsidenten Reinhard Grindel, dessen Sponsoren und Medien dabei heftig attackierte?

Ich hätte mir die Presseerklärung früher gewünscht, um noch eher Klarheit zu schaffen, so hat es sich etwas in die Länge gezogen, das hat allen geschadet.

Nehmen Sie ihm seine Haltung ab?

Er hat hunderttausenden Deutschtürken aus der Seele gesprochen.

Mesut Özil sieht sich als Buhmann der Nation und verbindet das mit seinem muslimischen Glauben. Können sie Özil verstehen?

Viele Deutschtürken und Menschen mit ausländischen Wurzeln haben ähnliches durchgemacht, der salonfähige Rassismus wächst in Deutschland und hat den Fußball erreicht. Das hat sehr viel mit der AfD und dem erstarkten deutschen Nationalismus zu tun.

Wie sieht das die türkische Community in Berlin?

Sie bejubeln Özil und sind sehr froh, dass er aus verletzter Seele gesprochen hat.

Kann ein in London lebender Millionär wissen, wie in Deutschland Integration funktioniert?

Alberne Frage! Er ist hier aufgewachsen, er hat diverse deutsche Nachwuchsmannschaften durchlaufen. Das reicht doch, oder?

Wie weit ist Özil für türkischstämmige Jugendliche in Berlin wichtig?

Er ist ein Vorbild für sehr viele, obwohl er sich für die deutsche und nicht für die türkische Nationalmannschaft entschieden hat.

Özil kritisiert deutsche Medien, ohne sie direkt zu benennen und Sponsoren, wie sehen Sie das?

Das ist sehr mutig von ihm, endlich steht einer auf und nennt die Probleme beim Namen.

Fühlen sich Deutschtürken von Medien und Politikern bevormundet?

Wenn Menschen wie Özil an den Pranger gestellt werden, betrifft uns das alle.

Haben es junge Fußballer mit nichtdeutschen Wurzeln in Berlin schwerer als solche mit deutschen Wurzeln?

Ja, aber daran sind sie mitunter selbst schuld. Das allgemeine Sozialverhalten, das Bildungsniveau und  Ehrgeiz sind bei vielen ausbaufähig.

Können Sie das schwierige Verhältnis vieler Deutscher bezüglich des Fotos mit Mesut Özil, Ilkay Gündogan und Türkeis Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan verstehen? 

Das ist eine Frage des Respekts. Wir achten die Stellung und die Person des Präsidenten − und behandeln ihn entsprechend achtungsvoll.

Bayern Münchens Vereinsboss Uli Hoeneß pöbelte, Özil hätte seit Jahren nur Dreck gespielt.

Warum kritisiert er das erst jetzt? Folgt er hier dem Trend, nachdem alle ihren Senf dazu gegeben haben, konnte seiner nicht fehlen?   

Özil, der Integrationspreisträger, fühlt sich wie ein Mensch zweiter Klasse in Deutschland. Wie fühlen Sie sich?

Wir fühlen uns alle wie Özil. Wir sind Özil.

Die Symbolik des Fotos steht für viele Deutsche für die Unterstützung eines Autokraten, der die Rechte Andersdenkender und Minderheiten beschneidet, der Demokratie und Menschenrechte aushebelt.

Ich akzeptiere die Wahrnehmung, sehe aber keinen Diskussionsbedarf.  

Ist es denn tatsächlich ein unpolitisches Foto? Özil selbst vergleicht das Foto mit ähnlichen, die Englands Queen  oder Großbritanniens Premierministerin mit Erdogan zeigen.

Das ist das Normalste der Welt, wenn ein Starspieler ein Foto mit einem Amtsträger macht, solange er kein Verbrecher ist.

Wie sehen Sie die Rolle des Deutschen Fußball-Bundes, des von Özil so schwer kritisierten Präsidenten Reinhard Grindel und des Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff, die versucht haben, Özil die Schuld für den WM-Flop in die Schuhe zu schieben?

Ein Theo Zwanziger hätte das Problem sofort gelöst. Bei Grindel sehe ich nur einen Riesenscherbenhaufen.

Sollte Grindel zurücktreten?

Der DFB braucht einen Neuanfang. Ich wünsche mir einen DFB-Präsidenten, der von der Basis kommt.


In welchen Medien informieren Sie sich über Politik?
Garantiert nicht aus dem Fernsehen. Ich lese Zeitungen, recherchiere im Internet, höre beide Seiten und bilde mir dann meine Meinung.

Wenn Özil es nicht schafft, wie sollen es junge Migranten in diesem Land schaffen?

Wenn wir nicht wieder die Willkommenskultur und Chancengleichheit fertigbringen, wächst die neue Generation Deutschtürken mit Hass und Ablehnung gegen unser Land auf.

Ist Recep Tayyip Erdogan für die Mehrheit der Türken in Deutschland ihr Präsident?

Ja. Er steht für viele für Stabilität, Wachstum und die Zukunft.

Sind Sie ein Türke?

Nein, ja, ich bin ein Deutscher, ein Deutschtürke. Einer mit Doppelpass und Doppelherz. Ich kann beide Seiten verstehen, habe aber eine türkische Familie.

Wie stehen Sie zur deutschen Politik?

Mein soziales Engagement ist SPD. Umweltliebe und gesunde Ernährung finde ich bei den Grünen. Innere Sicherheit bei der CDU. Bekämpfung der Fremdenfeindlichkeit bei den Linken.

Besuchen Sie oft die Türkei?

Ich habe ein Fußball- Netzwerk in der Türkei und bin mehrmals im Jahr beruflich und privat dort.

Warum gibt es in Berlin nicht eine starke türkische Fußballmannschaft?

Meine These ist, dass die türkischen Menschen einfach keine Geduld haben. Es ist schade, dass wir mit dem Potenzial an Spielern, Vereinspotenzial und Wirtschaftsstärke in Berlins nichts erreichen. Wir werden das auch in den nächsten zehn Jahren nicht schaffen, einen großen türkischen Verein hier aufzubauen.

Woran liegt das?

Wir haben zu wenig Leute, die Ahnung von kaufmännischen und bürokratischen Dingen haben. Jeder Türke, der ein bisschen Geld hat, steigt irgendwo ein, investiert und merkt nach ein paar Jahren: Oh, es passiert nichts, wir kommen nicht voran – und hört dann wieder auf. Viele türkische Vereinsvorsitzende möchten immer aufsteigen. Die wollen ihr Ego damit stärken, um zu prahlen – ich bin aufgestiegen, hab’ das gemacht, dies gemacht. Aber es geht nie um Nachhaltigkeit. Erfolg braucht Strukturen, Professionalität, Zeit und Geduld. Das ist alles in der türkischen Szene nicht gegeben. Der Versuch des BAK-Mäzens Mehmet Ali Han, einen starken Verein zu schaffen, scheiterte vor zwei Jahren an der Ablehnung zweier führender türkischer Vereine.

Wie erleben Sie den alltäglichen Rassismus auf und neben dem Platz beim Berliner Fußball?

Früher war es viel schlimmer. Glatzköpfe, Springerstiefel, rassistische Gesänge bei fast allen Berliner Vereinen. Scheiß Kanaken, scheiß Türken, scheiß Ausländer, war ständig auf den Plätzen zu hören. Heute kommt der Rassismus subtiler aus der bürgerlichen Ecke, ist nicht mehr so direkt gewalttätig. Islamophobie, Rassismus und Antisemitismus kommen heute aus der Mitte der Gesellschaft, wo man es nicht erwartet.

Ist das Demokratieverständnis der Deutschtürken rudimentär? Ist die türkische Gemeinschaft in Berlin gespalten?

Die Spaltung geht durch die Familien, auch in meiner Familie reden manche nicht mehr miteinander, das gab es so noch nie, das ist extremer geworden. Es ist unsachlich geworden. Das ist sehr traurig, Fakt ist, wir leben hier und werden die Probleme, die wir untereinander haben, hier lösen müssen. Man kann seine Meinung haben, aber man sollte nicht zu emotional sein. Besonders die Erdogan-nahen, weil sie auch denken, es ist sehr viel Ungerechtigkeit im Umlauf. Auch ich sehe vieles als ungerecht.


Warum?

Erdogan inspiriert einen Großteil der Türken in Deutschland, besonders die Jugendlichen, aber auch die alten Menschen, die noch die alte Türkei kennen und sehr viel gelitten haben. Eine andere Führungspersönlichkeit würde in der Türkei nicht funktionieren. Eine hundertprozentige  Demokratie wird es in der Türkei auch nie geben und ist auch aufgrund der instabilen politischen Strukturen der muslimischen Länder im Nahen Osten kaum möglich. Manche Menschen kommen mit dem westlichen Verständnis überhaupt nicht klar, weil es nicht ihren gelebten Traditionen entspricht. Das versteht die EU nicht, das versteht der Westen nicht, das versteht Deutschland nicht.


Was bedeutet das?

Die Türkei braucht einen autokratischen Präsidenten. Wir haben seit Mitte der 60er mit Terror und politischen Unruhen zu kämpfen, die Türkei ist im Nahen Osten das letzte und einzige demokratische Land mit muslimischer Bevölkerung. Das verstehen die Leute nicht. Die EU-Beitrittsverhandlungen waren von Anfang an ein unehrliches Unterfangen.

Wo sehen Sie in den Beitrittsverhandlungen die Unehrlichkeit?

Die Türkei gehört von ihrer Kultur und Tradition nicht in die EU. Nun droht die EU: Ihr passt hier nicht hin. Was macht das mit den Menschen? Sie fühlen sich diskriminiert, als Menschen 2. Klasse. Und dann kommt Erdogan. Die Türkei ist noch ein sehr junges demokratisches Land, das eine Chance verdient. Die ständige Einmischerei in die Innenpolitik stößt auf Missfallen in der Bevölkerung. Was der Demokratiewahn des Westens angerichtet hat, sieht man ja aktuell in der arabischen Welt. Was passiert wohl, wenn Erdogan weg ist?
Das Gespräch führte Frank Willmann