Dortmund - Es gibt bekanntlich sehr unterschiedliche Meinungen über die Flut der Belanglosigkeiten, mit denen Fußballprofis und andere Prominente ihren Fans über Twitter und Facebook Zeit rauben, und auch Borussia Dortmunds Nuri Sahin ist ein Mann, der diese Kanäle bedient. Nach dem 2:1 beim FC Arsenal, der heute zum Rückspiel im Westfalenstadion zu Gast ist, verkündete der Mittelfeldspieler beispielsweise: „Geiler Abend im Tempel.“ Nun ja.

Am Abend des Derbysieges auf Schalke verschickte Sahin allerdings ein sehr bemerkenswertes Bild. Er hatte großartig gespielt, ein wunderschönes Tor geschossen, und als Bonbon erhielten seine Twitterfreunde ein sehr privates Foto. Mit dem schlafenden Sahin, der seinen zweijährigen Sohn Ömer im Arm hält. Die beiden sind umgeben von Plüschtieren. Es war ein Bild, das den Augenblick perfekt beschrieb.

Denn spätestens an diesem Tag war Sahin nach seinem Streifzug über Madrid und Liverpool wieder zu Hause angekommen. Dort auf den Kissen im westfälischen Meinerzhagen, wo er aufwuchs, wo sein Familienclan lebt. Wo auch seine Cousine Tugba, die er 2007 heiratete, groß geworden ist. Und natürlich in der ersten Elf seines geliebten BVB im 60 Kilometer entfernten Dortmund. Es war der Tag, als Sahin endgültig wieder zur tragenden Figur im Dortmunder Mannschaftsgefüge geworden ist.

„Ich habe gemerkt, dass ich nur hier sein will“, hat Sahin gesagt, als er sich im vorigen Winter von Real Madrid nach Dortmund ausleihen ließ, demnächst soll das Leihgeschäft beendet werden. Die Dortmunder wollen Sahin für rund sieben Millionen Euro endgültig zurückkaufen.

Zuletzt wurde nämlich erkennbar, wie wertvoll Sahin für dieses Team ist. Im Winter bezeichnete Trainer Jürgen Klopp das Leihgeschäft noch als „wahnsinnigen Luxus“, schließlich hatte er mit Ilkay Gündogan einen brillanten Nachfolger für den 2011 nach Madrid abgewanderten Strategen gefunden. In den wirklich wichtigen Spielen der Vorsaison musste Sahin meist zuschauen. Doch seit Gündogan sich mit einer Rückenverletzung herumplagt, führt wieder Sahin Regie im BVB-Zentrum, nicht ganz so filigran, dafür aber raumgreifender, kommunikativer und defensivstärker.

Von Wenger geadelt

Sahins Geschichte des Scheiterns in Madrid und Liverpool ist schon oft erzählt worden, er hatte Pech mit Verletzungen, fühlte sich nie heimisch. Aber offenbar brauchte er diese Erfahrung, um endgültig beim BVB anzukommen, der während vieler Jahre eine Nummer zu klein zu sein schien für den mittlerweile 25-jährigen Fußballer. Immer noch ist er der jüngste Spieler, der je in der Bundesliga eingesetzt wurde, 16 war er damals, und die Dortmunder ächzten unter den Folgen der Finanzkrise.

Bis heute gibt es keinen jüngeren Torschützen in der Liga, 2005 gewann er mit der Türkei die U17-WM, wurde zum Spieler des Turniers gewählt, und Arsène Wenger, der Trainer des FC Arsenal, sagte: „Sahin ist derzeit weltweit das größte Talent unter 18 Jahren.“

Die Londoner boten 2,8 Millionen Euro für den 16-Jährigen, der BVB lehnte ab. Danach sah Sahin, wie ungefähr gleichaltrige Spieler wie Cesc Fàbregas, Samir Nasri oder Theo Walcott bei Arsenal zu weltweit gefeierten Helden wurden, während er selbst mit dem international bedeutungslosen BVB im grauen Niemandsland der Bundesligatabelle herumdümpelte.

Inzwischen ist Sahin ein kompletter Fußballer, er scheint seine Augen überall zu haben, mit seinen präzisen Pässen ist er in der Lage praktisch jeden Punkt des Platzes anzusteuern. Und die Erfahrungen in Madrid und Liverpool haben ihn auch menschlich reifen lassen. Zuletzt kritisierte er sich selbst dafür, dass ihm Torgefährlichkeit fehle, dass seine Standards nicht effektiv genug seien. Auf Schalke machte er ein Tor und gegen Stuttgart am vorigen Freitag schlug er die Ecke zum 1:1. Diese Erfolgsmomente geben ihm „noch einen Schub“ für die Arsenal-Partie, sagt er.

Das bewunderte Team von einst in der Champions League gleich zwei Mal zu besiegen, wäre gewiss eine wunderbare Bestätigung für den unkonventionellen Rückweg in die westfälische Provinz, wo plötzlich auch ganz großer Fußball gespielt wird.