Cacau, 38, hält sich in diesen Tagen in Frankreich auf, um bei Gelegenheit Spiele der Frauen-Weltmeisterschaft live vor Ort mitzuverfolgen. Er macht dies aus Interesse, aber eben auch im beruflichen Auftrag: Seit 2016 ist der ehemalige Bundesligaprofi bekanntermaßen als Integrationsbeauftragter des Deutschen Fußball-Bundes tätig.

Cacau, Sie haben am Wochenende bei der Frauen-WM die Achtelfinals Deutschland gegen Nigeria (3:0) und Frankreich gegen Brasilien (2:1 n. V.) gesehen. Zuvor haben Sie schon die Vorrundenspiele Frankreich gegen Norwegen (2:1) und Australien gegen Brasilien (3:2) besucht. Woher rührt das Interesse?

Erstens interessiert mich das einfach, wenn eine WM ganz in der Nähe stattfindet. Und natürlich habe ich durch meinen Freund und Manager Dietmar Ness (seit 2005 Berater im Frauenfußball, d. Red.) seit fast zehn Jahren einen Bezug zum Frauenfußball. Ich habe seitdem nicht nur Spiele der Frauen-Nationalmannschaften verfolgt, sondern auch der Women’s Champions League oder Frauen-Bundesliga.

Dann können Sie ja über die Entwicklung bestens Auskunft geben.

Ich finde es überragend, wie sich der Frauenfußball die vergangenen Jahre entwickelt hat. Die Qualität und die Rahmenbedingungen werden gerade international immer besser. Natürlich gibt es immer noch viel zu tun, aber wenn wir zurückschauen, was vor zehn Jahren war, hat der Frauenfußball einige Schritte nach vorne gemacht.

Wie haben Sie am Sonntagabend das Ausscheiden der Brasilianerinnen nach einem großen Kampf gegen den Gastgeber in Le Havre miterlebt?

Da fühle ich immer mit. Das geht als gebürtiger Brasilianer nicht spurlos an mir vorbei. Sie haben eine tolle Leistung abgeliefert, es war eine hochspannende Partie in einer tollen Atmosphäre.

Brasiliens Gruppenspiele haben bei TV Globo mitunter mehr als 20 Millionen Zuschauer geschaut. Marta, Cristiane oder Formiga stellten aber das älteste Team der WM. Warum tut der brasilianische Verband nicht mehr für die Nachwuchsarbeit im weiblichen Bereich?

Viele Spielerinnen finden gar keine professionellen Bedingungen vor, dabei gibt es genügend Talente. Sie müssen allerdings gefördert werden, sie müssen eine Liga vorfinden, in der sie sich verbessern können. Nur dann lassen sich jene Martas finden, die jetzt noch versteckt sind. Ich habe das Gefühl, sie kommen gar nicht zum Vorschein.

Bei dieser achten Frauen-WM treten die Spielerinnen auch außerhalb des Platzes mit einem ganz anderen Selbstverständnis auf: Die US-Stars haben in einer Sammelklage sich gegen den eigenen Verband gestellt, die Australierinnen wollten den Weltverband Fifa angehen, weil ihnen die 50 Millionen Dollar Prämien zu gering erschienen. Ist das der richtige Weg?

Ich würde da gerne Nadine Keßler (bei der Uefa für die Entwicklung des Frauenfußballs zuständig, Anm. d. Red.) zitieren: Die Forderung kann man stellen, aber wenn man wirklich an einer nachhaltigen Entwicklung interessiert ist, muss eher darauf geachtet werden, dass das Geld, was beispielsweise die Fifa für die Entwicklung des Frauenfußballs versprochen hat, in den Ländern auch wirklich dafür eingesetzt wird. Wir brauchen mehr Breite, damit die Spitze besser wird. Wir brauchen mehr Mädchen und Frauen, die sich für Fußball interessieren. Wer an einer nachhaltigen Entwicklung interessiert ist, wird zu dem Schluss kommen, dass Investitionen an der Basis das Richtige sind, um den Frauenfußball besser zu positionieren.

Der Zuschauerschnitt in der Frauen-Bundesliga ist schwächer als vor der Heim-WM 2011. Was würden Sie den Vereinen denn raten?

Nötig sind eine bessere Vermarktung und mehr Öffentlichkeit. Und was spricht dagegen, dass Vereine wie der VfL Wolfsburg und FC Bayern, die in Deutschland die stärksten Vereine sind, ihre Veranstaltungen von Männern und Frauen koppeln: Ich habe das bei Olympique Lyon erlebt, als ein Champions-League-Heimspiel einen Tag nach den Männern im selben Stadion ausgerichtet würde. Das Ticket galt für beide Spiele. Das sind Ansätze, um Leute erst einmal hinzuführen. Viele kommen dann wieder, weil sie dann sehen, wie schön Frauenfußball ist.

Wer kann denn aus dem deutschen Team helfen, neue Fans zu gewinnen?

Dzsenifer Marozsan ist natürlich die Spielerin, die den Unterschied macht. Ich wünsche mir, dass sie zum Viertelfinale wieder fit wird, zumal ich sie persönlich auch kenne. Ich hätte aber auch gerne eine Linda Dallmann noch mehr gesehen, weil sie Dinge kann, die andere nicht können.

Im deutschen Kader fällt auf, dass es nur drei Spielerinnen mit Migrationshintergrund gibt. Die in Budapest geborene Dzsenifer Marozsan, die Halb-Belgierin Kathrin Hendrich und Sara Doorsoun, deren Eltern aus dem Iran und der Türkei kommen. Gerade Mädchen aus dem muslimischen Kulturkreis machen in Deutschland um Fußball oftmals einen großen Bogen. Es gibt entsprechende Studien, dass beispielsweise türkische Mädchen in Sportvereinen stark unterrepräsentiert sind.

Auf diesem Gebiet muss viel mehr getan werden, um mehr Spielerinnen für den Fußball zu gewinnen. Wir müssen es offen ansprechen: Es ist eine andere Kultur, eine andere Denkweise. Wie kommen wir also an die Mädchen heran? Es gab ein Projekt namens „Kicking Girls“, bei dem ich mir gewünscht hätte, dass es weiter unterstützt wird. Denn hier werden Spielerinnen mit Migrationshintergrund auch zu Trainerinnen oder Übungsleiterinnen ausgebildet. Für mich liegt hier ein Schlüssel: Eine Trainerin, die selbst diesen Migrationshintergrund besitzt, kann die Mädchen viel besser erreichen. Dann haben auch die Eltern automatisch mehr Vertrauen.

Hilft das etwas, wenn der Vater als Familienoberhaupt seiner Tochter trotzdem das Fußballspielen verbietet? Die frühere Nationalspielerin Lira Alushi kam einst als Kriegsflüchtling nach Deutschland, sie hat zu Hause erst einmal verheimlicht, dass sie Fußball spielt.

Lira ist das beste Beispiel, wie sich jemand bis nach oben durchkämpft. Sie ist ein Gesicht geworden, um Vorurteile abzubauen. Wenn wir da nicht weitermachen, werden wir keine guten Ergebnisse in Deutschland erzielen.

Frankreich scheint uns da deutlich voraus: Deren Frauen-Nationalmannschaft scheint augenfällig viel eher ein Abziehbild der Gesellschaft zu sein. Teilen Sie diese Einschätzung?

Sie sind deutlich weiter! Das liegt auch an Olympique Lyon und Paris St. Germain, die sehr viel investieren, dieses Thema ernst nehmen und Vorreiter sind. Dadurch erreichen sie viel Akzeptanz, schaffen Vorbilder, erreichen Erfolge und Interesse. Damit werden Mädchen aus allen gesellschaftlichen Schichten angesprochen, die selbst spielen wollen. Das ist eine fast logische Kette, die in Frankreich besser funktioniert.

Das Gespräch führte Frank Hellmann.