Einer der extrovertiertesten Spieler der NFL heuert beim konservativsten Klub der Liga an: Cam Newton.
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Foxborough/BerlinEs war ein echter Coup, der die nordamerikanische Football-Liga NFL am Sonntagabend (Ortszeit) aufrüttelte. Nach dem Verlust von Quarterback und Franchise-Legende Tom Brady (42, wechselte nach Tampa Bay) im Frühjahr gaben die New England Patriots, das sportartübergreifend erfolgreichste US-amerikanische Team der jüngeren Vergangenheit, die Verpflichtung des vertragslosen Cameron Jerell "Cam" Newton, 31, bekannt. Der wertvollste Spieler der Saison 2015 erhält beim sechsfachen Super-Bowl-Sieger einen Ein-Jahres-Vertrag.

Nun war der Transfer allein schon ein Ereignis, weil es zuvor noch keinem Team in der NFL gelungen war, in ein und derselben Off-Season einen ehemaligen MVP zu verlieren und gleichsam einen ehemaligen MVP zu akquirieren. In New Englands Fall kam noch hinzu, dass die Franchise um Headcoach Bill Belichik, 68, den Verlust ihres langjährigen Steuermanns Brady eigentlich mit dem jungen, talentierten Jarrett Stidham, 23, auffangen wollte. Ein stiller Macher, der bestens in das etablierte System des allzu oft knurrig und verschlossen wirkenden Belichik gepasst hätte.

Stattdessen entschied sich das disziplinierteste und konservativste Team der Liga aber für Newton, einen der extrovertiertesten und ungewöhnlichsten Spieler der NFL. Einer, der sich von seinem persönlichen Schneider täglich neu einkleiden und sich seine extravaganten Hüte vom Hutmacher seines Vertrauens aus Los Angeles an die Ostküste nach Charlotte schicken lässt. In North Carolina war Newton neun Jahre lang der unangefochtene Star, das System des im vergangenen Dezember entlassenen Trainers Ron Rivera, 58, lange Zeit vollends auf ihn ausgerichtet.

Dass er nun als neuer Anführer des Teams nach Massachusetts wechselt, wie man aufgrund seiner Vita durchaus vermuten könnte, ist jedoch ein Trugschluss. Denn nicht nur, dass Newtons Stil neben dem Feld so gar nicht zu den Patriots passen will, die schon in der vergangenen Saison mit Antonio Brown, einem ähnlich speziellen Typen, mächtig danebenlagen. Auch auf dem Feld ist fraglich, ob Newton nach seinen zahlreichen Verletzungen noch der Unterschiedsspieler sein kann, der er in seiner Hochphase 2015 war. War seine Fähigkeit, neben dem positionstypischen Passspiel auch selbst Touchdowns erlaufen zu können, Mitte der 2010er noch erfrischend revolutionär, gibt es in der Liga mit dem amtierenden MVP Lamar Jackson, Super-Bowl-Sieger Patrick Mahomes oder Deshaun Watson mittlerweile zahlreiche Quarterbacks, die Newtons Pionierarbeit zur Perfektion verbessert haben. Sein einstiges Alleinstellungsmerkmal ist spätestens seit der vergangenen Saison der neue Standard.

Gleichsam müssen sich auch die Patriots die Frage gefallen lassen, ob die Verpflichtung Newtons eine überstürzte Reaktion auf eben diesen neuen Standard sein könnte. Über Jahrzehnte musste Belichik auf entsprechende Entwicklungen schließlich keine Rücksicht nehmen, weil Tom Bradys Passspiel so unmöglich zu verteidigen war, dass der es gar nicht nötig hatte, Laufspielzüge in sein Repertoire aufzunehmen. Für das Erfolgsteam ist Newtons einjähriges Engagement, das mit etwa 7,5 Millionen Dollar überraschend gering vergütet ist, somit vor allem ein Gradmesser, in welche Richtung die Zukunft der Franchise gehen könnte. Gelingt es Belichik und Co., um Newton ein modernes System zu kreieren und weiterhin erfolgreich zu sein oder gehen die "Pats" nach einem Jahr zurück zu ihren Wurzeln und orientieren sich dafür personell völlig neu?

Die größte Fallhöhe hat in diesem Coup jedoch Cam Newton. Gerüchten zufolge hätte der 31-Jährige auch zu den Chargers nach Los Angeles gehen können, ein bislang erfolgloses Team, bei dem er die neue Sensation gewesen wäre. Gelingt seine Wiedergeburt bei den Patriots nicht, ist seine Karriere wohl beendet.