Carys Davina Grey-Thompson gewann bei den Paralympischen Spielen 2000 in Sydney vier Goldmedaillen.
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ManchesterCarys Davina Grey-Thompson hat schon früh gelernt, sich nicht mit Einschränkungen abzufinden, nur weil sie im Rollstuhl sitzt. Es gibt diese Anekdote aus ihrer Kindheit, die so geht, dass sie mit Freunden ins Kino wollte und am Eingang abgewiesen wurde, weil sie ein Sicherheitsrisiko sei. Die Vorschriften zum Brandschutz, das müsse sie verstehen. Ihre Eltern ermutigten sie, es erneut zu versuchen und dem Mitarbeiter des Kinos zu versichern, dass er sich keine Sorgen machen müsse. Schließlich sei sie noch nie spontan in Flammen aufgegangen.

Diese Geschichte, die Grey-Thompson 2012 dem Guardian verriet, sagt viel darüber aus, wie sie zu dem werden konnte, was sie ist, nämlich eine der erfolgreichsten Behinderten-Sportlerinnen der Geschichte mit elf Goldmedaillen bei den Paralympics zwischen 1988 und 2004, fünf WM-Titeln, sechs Siegen beim London-Marathon für Rollstuhlfahrer und insgesamt 30 Weltrekorden.

Grey-Thompson ist eine wichtige Stimme im Parlament

Die Waliserin, heute 50 Jahre alt, hat sich durch den Rollstuhl nie von ihren Zielen abbringen lassen. Sie hat ihn nie als Ausrede genutzt, diesem oder jenem Vorhaben nicht nachzugehen. Sie wurde in dem Geist erzogen, dass sie alles schaffen kann, und gibt diesen Geist auch nach dem Ende ihrer Karriere weiter als Mitglied im Parlament und als eine der wichtigsten Stimmen Großbritanniens für die Rechte von Menschen mit Behinderung.

Serie

Der Sport ist kein Perpetuum mobile, das sich aus Selbstzweck dreht. Ein Virus lehrt uns das. Nehmen wir uns also die Zeit: Für Geschichten, die oft hinter dem Offensichtlichen zurückstehen. Serie, Teil 23: Carys Davina Grey-Thompson

Grey-Thompson war bei ihrer Geburt auffallend klein. So klein, dass ihre Schwester Sian ihr den Spitznamen „tiny“ gab, aus dem dank des walisischen Akzents schnell „Tanni“ wurde. Das Mädchen war mit einer Spina bifida zur Welt gekommen, einer Fehlbildung der Wirbelsäule und des Rückenmarks, die auch Offener Rücken genannt wird. Die Ursachen für einen solchen Defekt sind unklar, die Auswirkungen können unterschiedlich schwer sein. Grey-Thompson konnte anfangs noch laufen, doch sie verlor diese Fähigkeit und sitzt im Rollstuhl, seitdem sie sieben Jahre alt ist.

Vater Peter war Architekt und hätte das Haus der Familie in Cardiff behindertengerecht umbauen können. Doch das wollte er nicht. Er wollte, dass seine Tochter ein normales Leben lebt. Deshalb weigerten sich die Eltern auch, sie auf eine Schule für Kinder mit Lernschwäche zu schicken, und stritten sich lieber mit den örtlichen Behörden. Grey-Thompson machte ihren Abschluss schließlich an einer Gesamtschule südlich von Cardiff und studierte später Politik- und Sozialwissenschaften an der englischen Loughborough University. Mittlerweile hält sie 26 verschiedene akademische Ehrentitel von Universitäten im ganzen Vereinigten Königreich und ist Rektorin der Northumbria University in Newcastle.

Abschied unter Tränen

Grey-Thompson war immer schon sportlich. Das führt sie auch darauf zurück, dass Großbritannien in den Jahren ihrer Kindheit und Jugend nicht besonders behindertenfreundlich war. Es habe damals kaum Aufzüge gegeben, jeden Bordstein habe sie mit dem Rollstuhl überwinden müssen, und die heute üblichen barrierefreien Toiletten habe es auch noch nicht gegeben damals, erzählte sie bereits 2012 dem Guardian. Mit der Zeit habe sie dann festgestellt, dass sie ziemlich „competitive“ sei. Sie war immer im Wettkampfmodus, auch bei alltäglichen Dingen.

Ihren ersten internationalen Auftritt hatte sie 1988 bei den Paralympics in Seoul, als sie die Bronzemedaille über 400 Meter gewann. Vier Jahre später in Barcelona schaffte sie ihren Durchbruch und holte viermal Gold, nämlich über 100, 200, 400 und 800 Meter. Und das, obwohl sie zuvor ein Jahr hatte pausieren müssen nach einer Operation an der Wirbelsäule. Doch sie kam immer schnell zurück, getrieben von ihrer Sucht nach dem Wettkampf. Ihr letzter Sieg beim London-Marathon 2002 gelang ihr nur ein paar Wochen nach der Geburt ihrer Tochter Carys. Das Leben als Mutter hat sie ruhiger gemacht, ausgeglichener, sie hat gelernt, auch mal einen Gang runterzuschalten.

2007 beendete Grey-Thompson ihre Karriere, unter Tränen, aber doch überzeugt von ihrer Entscheidung. Sie hatte schließlich genug Pläne für danach. Sie arbeitete als Expertin für die BBC, engagiert sich in sportpolitischen Angelegenheiten, ist Schirmherrin verschiedener Wohltätigkeitsorganisationen, saß im Vorstand des London-Marathons und der Londoner Verkehrsbetriebe, war an der Vorbereitung der Olympischen und Paralympischen Spiele in der britischen Hauptstadt 2012 beteiligt und ist zu einer wichtigen Stimme für Behinderte geworden. Unverstellt offen prangert sie die Diskriminierung an, die Menschen wie sie im Alltag immer noch erleiden müssen.

Von der Queen zur Dame geschlagen

Der Financial Times erzählte sie 2014, dass eine Frau sie auf der Straße angesprochen und gefragt hätte, wie sie, Grey-Thompson, denn hätte schwanger werden können: „Mir fehlten die Worte, aber sie fragte immer weiter. Also sagte ich irgendwann: Naja, ich hatte Sex mit meinem Mann. Und ihre Antwort? Das ist ja abstoßend.“ Ihr Mann, das ist Ian Thompson, ebenfalls ehemaliger Rollstuhl-Athlet. Sie sagt, sie habe ihr ganzes Leben daran gearbeitet, mit derartigen Situationen umzugehen und die richtigen Antworten zu geben.

Deshalb hat Grey-Thompson Bedeutung weit über den Sport hinaus erlangt. Sie wurde von der Queen zur Dame geschlagen, dem weiblichen Gegenstück zum Sir, und ist mittlerweile auch ganz offiziell in der Politik. Im März 2010 wurde sie zur Adligen auf Lebenszeit ernannt und ins Oberhaus des britischen Parlaments berufen, ins House of Lords. Dort setzt sie sich als Baroness Grey-Thompson of Eaglescliffe in the County of Durham in sozialen Fragen ein und bei Themen, die den Sport betreffen. Sie schreckt nicht davor zurück, auch mal einen Aufschrei zu provozieren mit ihren klaren Worten. So geschehen zum Beispiel 2005, als sie davon sprach, dass der Erfolg des paralympischen Sports in Großbritannien auch von der Zahl der Verkehrsunfälle abhänge. Damit wollte sie dafür werben, neben Sportlern mit einer Behinderung von Geburt an verstärkt auch solchen eine Chance zu geben, die durch einen Unfall geschädigt wurden.

Wenn man Grey-Thompson in Interviews sieht, erlebt man einen selbstbewussten Menschen, der mit klarer Stimme spricht und viel lacht. Sie ist eine Frau mit vereinnahmenden Fähigkeiten. „Tanni hat die Begabung, in der Öffentlichkeit aufzublühen. Wir alle können die Probleme der Welt in einer Kneipe oder einem Golfklub lösen, aber auf die große Bühne zu treten, braucht wirklich Mut. Wer mit ihr diskutiert, kann froh sein, überhaupt zu Wort zu kommen“, sagte ihr Vater 2002 der Times. Der Guardian schrieb einst: „Tanni Grey-Thompson war Großbritanniens erster Superstar im Behindertensport und wurde fast heimlich zu einer der profiliertesten Aktivistinnen für die Rechte Behinderter.“ Immer schon musste sie Aktivistin sein. Das fing schon in ihrer Kindheit an, als sie um Einlass ins örtliche Kino kämpfte.