Was Alex Ferguson am Dienstagabend nach dem 1:2 von Manchester United im Champions-League-Achtelfinalrückspiel gegen Real Madrid empfand, das frühe Wettbewerbs-Aus im Herzen, dafür brauchte der Schotte keine Worte. Ihm reichte eine Geste: Er blieb der Pressekonferenz fern. Stattdessen schickte er seinen Assistenztrainer Mike Phelan, der fasste die Ereignisse für seinen Chef zusammen. Erst die Führung in der 48. Minute, Eigentor Sergio Ramos, dann die Rote Karte gegen United-Offensivspieler Nani nach einem Tritt an den Brustkorb von Àlvaro Arbeloa (56.); plötzlich kippte das Spiel und das 1:0 in ein 1:2, Luka Modric traf zum Ausgleich (65.), Cristiano Ronaldo drei Minuten später zum Sieg. Mike Phelan entschuldigte Ferguson mit der Antwort auf die Frage, ob sein Vorgesetzter mit dem Unparteiischen die Karte des Anstoßes besprochen hätte: „Dass ich hier bin, spricht Bände. Sir Alex ist nicht in der Lage, irgendwen zu sprechen. Wir können es alle immer noch nicht verstehen. Der Referee hat das Spiel versaut.“

Nach dem Platzverweis ohne Strategie

Phelans Einschätzung traf den Ton der Nacht, obgleich der Türke Cüneyt Cakir nur bestrafte, was seit kurzem im europäischen Fußball offenbar mit Feldverweis bestraft gehört. Kein Stollenschuh hat am Oberkörper eines Gegners etwas zu suchen. Doch selten sind die Spiele, in denen eine Rote Karte solch eine Wirkung entfaltete. United verlor nicht nur einen Mann auf dem Platz, sondern auch die Strategie, mit der das Team Real bis dahin an die Kandare genommen hatte.

In ungeliebter Rolle waren die Madrilenen nach dem 1:1 aus dem Hinspiel nach Manchester gereist – genötigt, selbst zu attackieren, um den Auswärtstornachteil zu egalisieren. Der amtierende spanische Meister entfaltet im Konter eine kaum zu bremsende Wucht, aber ein Spiel gestalten, dicht gestaffelte Defensivreihen zu durchbrechen – das ist unter Trainer José Mourinho nicht sein Ding. Ferguson hatte so keine Mühe, sich auf die Situation einzustellen. Er nahm kurzerhand den Gehaltslistenkönig Wayne Rooney aus der Startelf, um mit dem 1000-Spiele-Jubilar Ryan Giggs dem schnellen Ronaldo die Laufwege zuzustellen. Er ließ hinter Stürmer Robin van Persie den Sprinter Danny Welbeck wirbeln, der Reals tief stehenden Spielmacher Xabi Alonso beschäftigte, so dass dem Spanier kein vernünftiger Diagonalpass gelang, mit dem er gegnerische Mittelfeldblockaden normalerweise überwindet. Und Ferguson drängte Mesut Özil mit einer Doppelbewachung immer wieder in die ungefährliche Zone rund um den Mittelkreis. Eine Halbzeit lang fanden die Gäste kein Mittel, die dichten United-Reihen zu durchbrechen, es fehlte ihnen an Tiefe im Spiel und Fantasie im Kopf.

Mourinho auf Abschiedsmission

Deshalb der Furor. Fergusons Elf hätte Ramos’ Eigentor nicht einmal benötigt, um das Spiel in der Summe zu gewinnen. Sie hielt die Partie fest in ihren Händen.

Mourinho wusste, was er gesehen hatte, als er Phelan in die PK folgte. Der Portugiese befindet sich auf Abschiedsmission, er liegt seit Monaten mit allen quer, die ihm vorwerfen, er spalte die Kabine, drangsaliere die Spanier im Team, protegiere seine Landsleute, lasse zynischen Fußball spielen, sei unwirsch und unerträglich arrogant. Mourinho wird deshalb im Sommer gehen. Gründe, an der Wirklichkeit vorbei zu urteilen, hatte er deshalb keine. Cakirs Karte gegen Nani ließ er weitgehend unkommentiert, aber die Folgen danach, die legte er nach den Fakten aus, und nicht nach altem Brauch und Gutdünken. „Das bessere Team“, sagte Mourinho, „hat heute verloren.“

Die Elogen blieben auch in der Heimat aus. Das Spiel gedreht − sí. Aber die Minuten nach der 2:1-Führung – gegen zehn Briten wenig erfreulich. Reals Strafraum war bis zum Schlusspfiff ein Ort heillosen Durcheinanders, Torhüter Diego López hatte alle zwei Hände voll zu tun, die Schüsse der Briten abzuwehren. „Er war heute unser bester Mann“, urteilte Mourinho, „aber das sagt auch eine Menge über seine Vorderleute.“

Ferguson unpässlich, Phelan erbost, Mourinho zerknirscht – als hätte im Old Trafford der schlimmste Kick des Jahrzehnts stattgefunden. So wirkte es spät in der Nacht, und kein Spieler hielt dem etwas entgegen. Die aus Manchester konnten nicht, Alex Ferguson hatte es ihnen verboten. Und die aus Madrid wollten nicht. Nur Sergio Ramos twitterte ein Bildchen aus der Kabine, er in der Mitte, drumherum ein paar Kollegen, Darunter stand der schnöde Satz, der dem Spiel nicht gerecht wurde: „Stolz und zufrieden über das Weiterkommen.“ Besser vielleicht, er hätte es gehalten wie Ferguson.