Mit krächzender Stimme, aber zuversichtlich stieg Niko Kovac in den Bus. Es werde bald besser werden, sagte der erkältete Trainer des FC Bayern auf der Türschwelle, ehe er sich Richtung Bankett aufmachte. Dass seine baldige Genesung zur Metapher für den aktuellen Zustand seiner Mannschaft taugte, wurde allerdings umgehend bestritten, jedenfalls von Kovac. „Ein gutes Spiel“ attestierte Kovac seinen Spielern nach dem 3:3 bei Ajax Amsterdam zum Abschluss der Gruppenphase in der Champions League. Fazit: „Ich bin zufrieden.“

Zumindest im Hinblick auf den erreichten Gruppensieg berichtete Kovac damit von einem mehrheitsfähigen Gemütszustand, weil vor der Auslosung des Achtelfinals am Montag nun kein schwergewichtiger Gruppenerster droht. Was die Leistung bei Ajax anging, wichen einige Bewertungen in der Münchner Belegschaft allerdings stark von jener des Trainers ab. Die Bayern waren unentschieden nach dem Remis in der ersten größeren Prüfung seit den zurückliegenden Krisenwochen.

Als „nicht gut“ stufte Hasan Salihamidzic das Spiel ein und berichtete scherzhaft von Herzrhythmusstörungen, unter denen er wegen des turbulenten letzten Drittels leide. Viel zu sehr habe man sich unter Druck setzen und hinten reindrängen gelassen, befand der Sportdirektor. „Wir wissen, dass wir das besser spielen müssen“, legte er fest und vertrat damit wohl nicht nur aus dem Ansinnen, sich zu profilieren, eine kritische Meinung. Diese entsprach einer Mehrheit.

Lewandowski fordert Besserung

Zu dieser zählten Joshua Kimmich („Ajax war ganz klar die bessere Mannschaft“) und Robert Lewandowski, der hintersinnig von einem Spiel sprach, „das man gut analysieren kann“. Der Stürmer versuchte den großen Bedarf zur Aufarbeitung und das darin schlummernde Potenzial positiv zu werten, bevor im Februar das Achtelfinale beginnt. Er sagte: „Das bedeutet für nächstes Jahr, dass wir eine bessere Mannschaft werden können.“

Es war ein Befund, der unter allen Münchnern Zustimmung fand, egal, ob sie dem Lager der Zufriedenen oder der Nachdenklichen angehörten. Beide Strömungen hatten ihre Berechtigung, denn lange Zeit hatten die Bayern die gefährlichere Mannschaft gestellt, trotz der ungewohnt abwartenden Spielanlage gegen das dominante Ajax. Lewandowski sorgte früh für die Führung, und hätten die Münchner ihre Konterchancen besser ausgeschöpft, wäre die nun geführte Debatte über das wahre Leistungsvermögen deutlich leiser ausgefallen. „2:0 oder 3:0“ hätte man führen müssen, befand Jérôme Boateng, auf gar 4:0 oder 4:1 taxierte Leon Goretzka den möglichen Halbzeitstand, „wenn du da richtig abgezockt bist“. Wenig verklausuliert kritisierte er damit die Fahrlässigkeit in der Offensive. Aber auch die Defensive havarierte.

Müller ist gesperrt im Achtelfinale

Was folgte, war spätestens nach dem 1:1 ein wilder Ritt. Dusan Tadic drehte mit seinem verwandelten Foulelfmeter das Spiel komplett , ehe Lewandowski und der eingewechselte Kingsley Coman die nächste Volte zugunsten der Bayern herbeiführten. Dennoch reichte es nicht für den Sieg und den deutschen Rekord von 16 Punkten in der Gruppenphase, weil Nicolás Tagliafico noch in der Nachspielzeit der Ausgleich gewährt wurde. Zudem hatten die Bayern zwischenzeitlich auch ihre Überzahl aus der Hand gegeben, nachdem Maximilian Wöber wegen eines groben Foulspiels an Goretzka die Rote Karte gesehen hatte. Thomas Müller erging es später nach einem mindestens unbedachten Tritt in Tagliaficos Gesicht genauso. Müller wird den Bayern nach seiner ersten glatt Roten Karte überhaupt im Achtelfinale fehlen.

Unabhängig von seiner Absenz ahnen die Münchner nach den wiederholten Turbulenzen gegen die junge Ajax-Elf, dass die kommende Runde ein kniffliges Unterfangen werden dürfte. Das galt sogar für Kovac. „Es ist gehupft wie gezupft. Das ist alles Topniveau“, befand er etwas eigentümlich, aber durchweg mehrheitsfähig, über die Herausforderung, gegen einen Gruppenzweiten anzutreten. Eine Garantie, das Viertelfinale zu erreichen, werde es ohnehin nicht geben, ergänzte Kovac wenig verblüffend. Gewiss erscheint allenfalls, dass es ihm gesundheitlich bald wieder besser gehen dürfte. Ob sich seine Mannschaft auf dem Weg zu einem nachhaltigen Aufschwung befindet, steht seit Mittwochabend wieder ein bisschen mehr infrage.