Es war ein großartiger Fußballabend im Stade de France, aber zugleich auch ein Abend mit allerlei verstörenden Momenten. Zu diesem Schluss muss man in der Nachbetrachtung des diesjährigen Champions-League-Finales kommen, das Real Madrid durch ein Tor von Vinicius Junior in der 59. Minute und dank einer fabelhaften Torhüterleistung von Thibaut Courtois für sich entscheiden konnte. Das mit Jürgen Klopp und den Spielern des FC Liverpool mitunter weinende Verlierer, auf der anderen Seite nach Worten und Fassung ringende Sieger hervorbrachte.

Ancelotti sehnt sich nach einer Zigarette

Zum Beispiel Reals Cheftrainer Carlo Ancelotti, der nach dem Schlusspfiff durchs Stade de France geisterte, da und dort ein Interview gab, seine Liebsten herzte und sich schließlich auf einen Treppenabsatz des vor der Haupttribüne platzierten Siegerpodiums setzte. Staunen. Genießen. Sacken lassen. Wobei sich der 62-Jährige nach einer Packung Kaugummi, die er während der Partie aufgebraucht hatte, in diesem wohl tatsächlich nach einer Zigarette sehnte. Der Italiener ist nun der erste Trainer in der Geschichte des Klubfußballs, der viermal die europäische Königsklasse gewinnen konnte, wofür er im Besonderen von den Pressevertretern mit ausufernden Lobhudeleien gefeiert wurde.

„Carlo Magnua, niemand ist wie Ancelotti, der mit seinem vierten Champions-League-Titel eine Karriere ohnegleichen krönt. Sein Triumph ist ein Meisterwerk von Taktik und Demut“, war in der Gazzetta dello Sport zu lesen, während die Times den Blick etwas weiter fasste: „Es ist ihre Trophäe, es ist der Wettbewerb der Königlichen, und alle anderen sind nur Anwärter, wenn es um die Champions League geht. So sieht es aus: Real Madrid, Carlo Ancelotti, wieder Herrscher in Europa.“

Es war also ein Fußballabend der Heldentaten, der großen Worte, ein Fußballabend, der allerdings mit den eklatanten Problemen beim Einlass der Fans einen düsteren Anfang genommen hatte. Mehrmals musste der Anstoß immer weiter in den Abend hinein verlegt werden, letztlich um 37 Minuten auf 21.37 Uhr. Weil laut Erklärung der Europäischen Fußball-Union (Uefa) allerhand „Fake-Tickets“ in Umlauf gebracht worden waren, weil sich offensichtlich zudem einige Fans des FC Liverpool, aber auch jugendliche Pariser durch eine Kletternummer über den Zaun Zutritt zum Stadion verschafft hatten.

So kam es an einem Stadiontor zu wilden Szenen, mit Menschen, die viel Geld für ihr Ticket gezahlt hatten, aber erst mal nicht rein durften, mit Sicherheitskräften, die sogar Pfefferspray einsetzten, um wieder Herr der Lage zu werden. Die Uefa, die schon bei der Organisation des Europa-League-Finales in Sevilla zwischen Eintracht Frankfurt und den Glasgow Rangers überfordert zu sein schien, wird sich für diese bedrückenden Szenen noch verantworten müssen.

Die Bilanz ist jedenfalls erschreckend: 238 Menschen mussten medizinisch versorgt werden, 105 wurden in Gewahrsam, davon 39 in Haft genommen. Englands Stürmerlegende Gary Lineker, der als Kommentator für die BBC vor Ort war, wetterte gegen den Kontinentalverband. Man hätte dieses Weltereignis „nicht schlechter organisieren können“, sagte er. Vor dem Stadion sei es „sehr gefährlich“ gewesen, die Olympia-Stadt von 2024 habe ein „absolutes Gemetzel“ erlebt. „Von der Party zum Fiasko“, titelte wiederum die französische Sportzeitung L’Équipe.

Thiago ist plötzlich doch einsatzfähig

Die Verzögerung machte es indes möglich, dass beim FC Liverpool doch noch der vermeintliche Schlüsselspieler Thiago zum Einsatz kommen konnte. Wie Klopp, sein Trainer, später berichtete, habe man extra einen Mediziner aus Spanien einfliegen lassen, um den Mittelfeldspieler fit zu bekommen. Der habe den Spieler wiederum mit einer schmerzstillenden Spritze behandelt, was allerdings dazu führte, dass Thiago beim ersten Warmlaufen eine Taubheit im Fuß verspürt habe. Diese Taubheit wäre aber während der Wartezeit in der Kabine verflogen, sodass Thiago plötzlich einsatzbereit war.

Der ehemalige Bayern-Profi spielte jedenfalls – so wie fast alle seine Teamkollegen – gut, aber nicht gut genug, um die Madrilenen daran zu hindern, sich zum 14. Mal den Titel in der europäischen Eliteliga zu holen. Nicht gut genug, um diese Mannschaft um den fantastischen Courtois bezwingen zu können.

Marcelo erlaubt sich einen Spaß

Real hat eine Mannschaft im ursprünglichsten Sinne, ja, wie sich auch bei der Siegerehrung zeigte, als Karim Benzema seine Spielführerbinde an den Brasilianer Marcelo weiterreichte. Was für eine großartige Geste das doch war: Der Brasilianer, der nach fünfzehn Jahren bei Real keinen neuen Vertrag mehr bekommen hat und nur am Sonnabend nur als Ersatzspieler zugegen war, sollte den Siegerpokal entgegennehmen. Er tat dies dann auch, wusste aber erst mal nicht so recht, wohin damit, weil die Männer der Uefa ihm das Ding zu früh in die Hand gedrückt hatten. Marcelo erlaubte sich daraufhin einen Spaß, tat erst mal so, als würde er sich mit dem Pokal auf den Weg in die Kabine machen, um sich dann doch noch auf den Weg in den Mannschaftskreis zu begeben.

Parallel dazu ging das innerdeutsche TV-Duell in seine spannende Schlussphase. Hier das Team des ZDF, das nicht nur wegen des von Toni Kroos abgebrochenen Siegerinterviews mit Reporter Nils Kaben einen unglücklichen, uninspirierten Auftritt hinlegte und trotz der pfiffigen Expertise von Christoph Kramer nicht wirklich nah dran war.

Da das Team des Bezahlsenders DAZN, das dank des Einsatzes seiner Moderatorinnen und Moderatoren, allen voran Laura Wontorra, fast alles bekam, was es wollte. Zu guter Letzt von Klopp auch das Versprechen, dass man ihn und sein Team schon bald wieder bei einem Champions-League-Finale zu sehen bekommen werde. Vielleicht in einem weiteren Duell mit Real Madrid, das dann hoffentlich ohne äußere Störmomente über die Bühne geht.