Kaum jemand hätte vor dem Beginn dieser Saison dieser Mannschaft und diesem Trainer diesen herausragenden Erfolg zugetraut. Aber nun ist es so: Nach der spanischen Meisterschaft hat die Mannschaft von Real Madrid mit Trainer Carlo Ancelotti auch die Champions League gewonnen. Dank einer leidenschaftlichen Leistung, welche die Königlichen am Sonnabendabend im französischen Nationalstadion, dem Stade de France in Paris, im Duell mit dem FC Liverpool einen 1:0-Erfolg gebracht hat. Und dank Keeper Thibaut Courtois.

Ja, Real hat im prestigeträchtigsten Spiel in der Welt des Klubfußballs erneut den Sieg davongetragen, zum vierzehnten Mal, was natürlich die Bestmarke ist. Und Ancelotti ist nun der Einzige, der als Trainer viermal den Henkelpokal in Händen hielt. Und Toni Kroos und Karim Benzema und Luka Modric und Casemiro - sie alle haben nun fünf Erfolge in der Champions League vorzuweisen.

Das Stade de France ist ein beeindruckender Bau, aber aufgrund seiner Weite sicherlich nicht der beste Ort für so ein faszinierendes Duell. Und doch war die Atmosphäre im mit 75.000 Zuschauern ausverkauftem Rund so vibrierend, dass man auch als erfahrener Profi damit erst mal klarkommen muss. Bloß keine Nerven zeigen, so spielen wie früher auf dem Bolzplatz, als da nichts war außer Lust.

Anstoß verzögert sich um eine Viertelstunde

Was die Sache noch komplizierter machte für die Akteure, war eine notwendig gewordene Verschiebung des Anstoßes zunächst von 21.00 auf 21.15 Uhr, dann von 21.15 auf 21.30 Uhr, schließlich von 21.30 auf 21.36 Uhr. Beim Einlass hatte es Schwierigkeiten gegeben, viele waren nicht rechtzeitig ins Stadion gekommen, andere, dem Vernehmen nach vorwiegend Fans des FC Liverpool, hatten sich unerlaubter Weise Zugang ins Stadion verschafft. Und dann gab es tatsächlich auch noch Bilder von Fans, die mit einem Ticket in der Hand am Zaun um Einlass flehten, aber von Sicherheitskräften mit Pfefferspray zurückgedrängt wurden.

Ein Chaos, womöglich ein Skandal vor dem Stadion war die Folge, ein langes Warten im Stadion parallel dazu. So etwas hatte man in dieser Form schon seit Jahren nicht mehr erlebt. Und einigen Spielern war beim zweiten Warm-up durchaus anzusehen, dass sie von dieser Verzögerung alles andere als begeistert waren. Wie soll man da die Spannung hochhalten? Konzentriert bleiben, wenn man von so einem Organisationsproblem aus dem Tunnel gerissen wird? Das war einfach nur ärgerlich.

Dann aber, nachdem der überflüssige Showact mit der von den Fans niedergesungenen und ausgepfiffenen Camila Cabello überstanden war, gab es doch endlich atemberaubenden Fußball zu bestaunen, und das tatsächlich erst ab Punkt 21.38 Uhr.

Inwieweit dieser verstörende Prolog Einfluss auf den Lauf der Dinge genommen hatte, lässt sich nur schwerlich nachvollziehen. Fakt ist, dass der FC Liverpool zunächst etwas mehr Spielanteile hatte. Mit Thiago, der nach allerlei Zweifel an seiner Einsatzfähigkeit, die auch beim Warmlaufen offensichtlich gegeben waren, dennoch in der Startelf stand. Und mit all den anderen Cracks, die verinnerlicht haben, was Klopp von ihnen will.

Courtois pariert zweimal überragend

Real hingegen war erst mal damit beschäftigt, die Gefahr von eigenem Tor fernzuhalten. Was nicht wirklich gut gelang, wie sich in der 16. Minute zeigte, als Trent Alexander-Arnold seinen Flügelkollegen Mo Salah in Szene setzte, aber Keeper Courtois schnell genug in der Ecke war, um den Ball abzuwehren. Aus dieser Chance leiteten die Reds eine Drangphase ab, mit einem weiteren Abschluss von Salah und einer ganz feinen Nummer von Sadio Mané.

In der 21. Minute versetzte der Senegalese die Abwehrspieler der Madrilenen in Schwindel, kam über eine geniale Seitwärtsbewegung zum Schuss, schoss auch platziert, doch irgendwie brachte Courtois noch zwei Finger an den Ball, wodurch der Ball nicht ins Tor, sondern an den Pfosten flog.

Es war ein Kraftakt für Real, sich immer wieder diesen Angriffswellen zu widersetzen, aus dem wilden Treiben ein nicht mehr ganz so wildes Treiben zu machen. Immerhin: Außer einem Kopfball von Salah in der 34. Minute war da bis zum Halbzeitpfiff nicht mehr allzu viel Brenzliges zu überstehen. Und in der 45. Minute war Real sogar der Führung ganz nah. Benzema hatte nach einem Hin und Her im Liverpooler Strafraum im Nachschuss getroffen, doch beim Goal Check bestätigte der VAR eine angebliche Abseitsstellung des Franzosen. Aber war der Ball nicht letztlich vom Gegner gekommen?

Valverde legt einen unglaublichen Spurt hin

In der zweiten Hälfte erarbeiteten sich die Liverpooler zunächst erneut den einen oder anderen kleinen Vorteil, zwangen Courtois auch gleich mal zu dem einen oder anderen Notfalleinsatz, aber Real brachte nun all seine Wettkampferfahrung in die Partie ein, agierte nun auf Augenhöhe - und kam in der 59. Minute tatsächlich zur Führung.

Dank Federico Valverde, der über die rechte Seite einen mächtigen Spurt hingelegt und mit Vollspann aufs Tor geschossen, vielleicht auch geflankt hatte. Am zweiten Pfosten war jedenfalls Vinicius Jr. zur Stelle, drückte den Ball über die Linie.

Im Anschluss, was aufgrund des Spielverlaufs nun zu erwarten war, rückte Courtois in den Mittelpunkt des Geschehens. Der Belgier ließ die Reds geradezu verzweifeln, Salah bei einem Schuss aus 18 Metern (64.), Salah nach einer Ecke (69.), als der Ägypter schon den Jubel im Sinn hatte, aber Courtois mit dem Fuß an den Ball kam.

Mal robbte der 30-Jährige durch seinen Strafraum, um zu klären, mal flog er. Aber wie er in der 82. Minute zunächst gegen Diego Jota, dann auch gegen Salah mit Reflexen den Ausgleich verhinderte, war einfach nur magisch. Courtois ist derzeit der beste Torwart der Welt. Und er war der Man of the Match, der Mann, der in 95. Minute die letzte Flanke der Reds aus dem Himmel über Paris fischte.