Das Gerede vom „Querpass-Toni“ ist Toni Kroos längst herzlich egal. Der emsige Titel-Sammler hat bei Real Madrid schließlich lange genug Taten sprechen lassen, seine vielleicht größte könnte am Sonnabend folgen: Im Endspiel gegen den FC Liverpool kann der 32-Jährige zum fünften Mal die Champions League gewinnen – eine Ausbeute, die bislang nur Cristiano Ronaldo vorweisen kann. Keine schlechte Bilanz für jemanden, an dem sich in Deutschland noch immer die Geister scheiden.

„Besser in Deutschland umstritten und weltweite Anerkennung als andersrum“, sagte Kroos einmal über sein Image in der Heimat. Obwohl er seit acht Jahren bei Real einen Stammplatz hat, mehr als 300 Spiele für die Königlichen absolvierte und nun in Paris (21 Uhr, ZDF und DAZN) zum sechsten Mal im Königsklassen-Finale steht, gilt Kroos in Deutschland häufig als reiner „Ballschieber“.

Toni Kroos beherrscht mehr als nur den Querpass

Uli Hoeneß befeuerte dieses Bild, als er vor einem Jahr erklärte, Kroos passe „mit seinem Querpass-Spiel nicht mehr in den Fußball“. Doch so einfach ist es nicht. Nur ein Beispiel: Am vorletzten Liga-Spieltag gegen Cadiz brachte Kroos seine 17 langen (!) Pässe alle an den Mann. So viele „perfekte“ Distanzbälle hatte es in einem Spiel der Primera Division zuletzt im November 2019 gegeben – ebenfalls durch Toni Kroos.

Der lange Diagonalball über 40, 50 Meter in den Fuß eines Mitspielers ist das Markenzeichen von Kroos. Einen solchen durfte auch der kommenden Gegner Liverpool schon aus nächster Nähe bestaunen: Im April 2021 war es Kroos, der im Champions-League-Viertelfinale mit einem Traumpass auf Vinicius den 3:1-Sieg einleitete, wieder einmal war Real für Liverpool Endstation. Schon das Endspiel 2018 hatten die Spanier gegen die Reds mit 3:1 gewonnen – mit Kroos in der Startelf.

Kein Wunder, dass der Deutsche innerhalb der Mannschaft unumstritten ist. „Das Spiel von Real Madrid folgt immer dem Rhythmus von Toni Kroos. Wenn Toni will, dass wir langsamer spielen, tun wir das. Wenn er ein schnelleres Spiel will, folgen wir ihm“, sagte sein Nebenmann Casemiro in der Dokumentation „Kroos“.

Wie Kroos kann auch Casemiro den Henkelpott am Sonnabend zum fünften Mal in die Höhe stemmen – der Champions-League-Rekord von Cristiano Ronaldo spielt dabei aber für beide nur eine Nebenrolle. „Mir geht es weniger darum, der wievielte Titel es für mich persönlich ist. Es geht darum, dass wir uns als Mannschaft für diese Saison belohnen“, sagte der von Madrid-Fans schon als „Kronaldo“ bezeichnete Mittelfeldakteur Kroos.

Und wenn doch wieder jemand auf die vielen Querpässe verweist, kann sich Toni Kroos noch immer auf seinen Bruder verlassen. „Querpässe mitgezählt? Bin bei 97 ausgestiegen“, twitterte im Mai 2021 nach dem Halbfinal-Rückspiel zwischen dem FC Chelsea und Real (2:0) ein User in Richtung Felix Kroos. Der antwortete cool: „Ich kann nicht so weit zählen. Deswegen habe ich nur die vier CL-Titel gezählt.“ Am Sonnabend könnte Nummer fünf folgen.

Kroos mit Respekt vor Jürgen Klopp und dem FC Liverpool

Wenngleich das keine leichte Aufgabe wird. „Ich glaube, dass Liverpool definitiv noch mal eine Klasse stärker ist als 2018“, sagte Kroos zuletzt im Interview mit Bild am Sonntag. In einem „50:50-Spiel“ gewann Real damals vor allem dank schwerer Fehler von Liverpool-Torhüter Loris Karius mit 3:1.

Seitdem sei in Liverpool jedoch einiges passiert. „In der Kaderbreite sind sie stärker geworden, im Tor haben sie sich qualitativ verbessert“, lobte Kroos die Entwicklung der Engländer. Anteil daran habe natürlich auch Reds-Teammanager Jürgen Klopp. „Er hat eine absolute Weltklassemannschaft geschaffen. Seine Arbeit ist überragend“, schwärmte Kroos. Real gehe jedoch keinesfalls als Außenseiter in das Finale. Die Aufholjagden gegen Paris, Chelsea und Manchester City hätten dies gezeigt, so Kroos. „Nicht viele Teams wären in diesen Situationen zurückgekommen. Wir haben es geschafft, weil wir daran geglaubt haben.“