Champions-League-Sieger VfL Wolfsburg : Fröhliche Vorbilder

London - Klaus Mohrs trug einen von jenen Schals, die die fliegenden Händler an der Fulham Road  nicht wirklich oft losgeworden sind. Das grün-blaue Stück Stoff mit den Abbildungen vom VfL Wolfsburg und Olympique Lyon wird der Oberbürgermeister der Stadt Wolfsburg nicht nur deshalb besonders gut bewahren, weil es ihm auf der Siegesfeier im zugigen Freiluftareal der angemieteten Location „The Roof Garden“ wirklich ein wichtiges Kleidungsstück gewesen ist, sondern weil sich das joviale Oberhaupt damit in seiner Gesinnung bestätigt fühlte, es seit jeher mit dem Frauenfußball zu halten. „Ich gehe dort besonders gerne hin: Unsere Frauen sind teamorientierter und offener für die Stadt als die Männer“, verriet der SPD-Mann nach dem Gewinn der Women’s Champions League. Und weil Mohrs auch dem VfL-Aufsichtsrat angehört, schien ihm noch  diese Bemerkung wichtig: „Dabei kosten alle Spielerinnen weniger als der 35. Mann, den Felix Magath geholt hat.“

Gesamte Mannschaft billiger als ein Männer-Profi

Es gab an diesem fröhlichen  Abend im sechsten Stock nahe der Kensington Road sogar Insider, die den gesamten Personalkostenaufwand im weiblichen Segment konkret unter dem Jahresgehalt eines Alexander Madlung taxierten. „Der Nutzen für den VfL als Imageträger ist deutlich höher als der Aufwand, den wir betreiben“, konstatierte der für die Frauen-Belange in der Fußball-Tochter zuständige Geschäftsführer Thomas Röttgermann in offizieller Version.  Da muss also erst der Frauenfußball kommen, um in diesem Verein zu demonstrieren, was sich mit Teamgeist, Weitsicht und Siegeswillen alles erreichen lässt. Genau diese Eigenschaften warf der Doublegewinner aus Deutschland nämlich in die Waagschale, um den seit fast drei Jahren ungeschlagenen Seriensieger aus Frankreich fassungslos an der Stamford Bridge zurückzulassen.

Als Vater des unverhofften Triple gilt Ralf Kellermann, der als Trainer und Manager das Wolfsburger Wunder geschaffen hat. Einst als Scout unter Felix Magath eingesetzt, hievte ihn der frühere Geschäftsführer Klaus Fuchs vor fünf Jahren ins Amt, und heute möchte der 44-Jährige diesen Job gar nicht mehr missen. „Die Frauen bringen eine höhere Eigenmotivation ein als die Männer.“ Der ehemalige Zweitliga-Torhüter gilt als befähigt, auch im Männerbereich  Karriere zu machen, und tatsächlich hatte die VfL-Führung in der abgelaufenen Spielzeit kurz mal darüber nachgedacht, ihn zum Trainer der U 23 zu befördern, aber dieser Plan verschwand wieder in der Schublade. Zum Glück. Der Ehemann und Vater einer zehnjährigen Tochter trifft bei den Frauen den richtigen Ton und hat genaues Gespür für heikle Personalentscheidungen entwickelt. Gegen Lyon gingen all seine Schachzüge mit Torhüterin Alisa Vetterlein, Nationalstürmerin Alexandra Popp oder der Ungarin Zsanett Jakabfi auf. „Wir hatten einen Plan, wie wir diese Übermacht bezwingen können.“ Kellermann glaubt, dass sein Ensemble von zehn Vergleichen zwar acht verlieren würde, aber im entscheidenden Moment schlug das stärkere Kollektiv die besseren Individualisten.

Harmonie als Siegesgarant

Siegbringend der stilsicher verwandelten Strafstoß von Martina Müller (73.). Dass die 33-Jährige überhaupt zur Vollstreckung antrat, hatte die Ex-Nationalspielerin der Kapitän Nadine Keßler („Wir sind alle auf den Geschmack gekommen, jetzt noch mehr Titel zu holen“) zu verdanken, deren Zeh sich taub anfühlte. „Deshalb hatte ich Martina vor dem Spiel gefragt, ob sie einen Elfer reinhauen kann.“ Hat sie dann auch. Verantwortungsgefühl und Selbständigkeit werden hier insofern gefördert, weil nur die wenigsten von den VfL-Heldinnen allein vom Fußball leben. Und so stellt auch  Teamgeist keine hohle Phrase dar.

„Obwohl wir uns jeden Tag sehen, haben wir uns nicht einmal gestritten“, verriet die zur Spielerin des Spiels gekürte Lena Goeßling. Und fügte mit ihrem schönsten Lächeln noch an: „Wenn es in der Mannschaft nicht stimmt, holt man keine drei Titel.“ Das einzige, was verbesserungsfähig wirkte, schienen die schrägen Gesänge. Aber zum Üben bieten sich ja unzählige Karaoke-Bars in London an.  Nach dem gemeinsamen Besuch des Männerfinals steht der Rückflug nämlich erst am Sonntag an. Vom Braunschweiger Flughafen fährt der Bus dann direkt zum Wolfsburger Rathaus, wo die Stadt eine Bühne aufbauen lässt. Mohrs wünscht sich, dass möglichst viele Menschen zu diesem Empfang kommen. „3000, 4000 wären schön. Diese Mannschaft hat das einfach verdient.“