Chef-Sanierer Watzke hält Hof und widerspricht dabei Union-Manager Ruhnert

Der Boss von Borussia Dortmund ist derzeit der mächtigste Mann im deutschen Fußball. Ob DFL oder DFB – sein Einfluss auf Personalentscheidungen ist enorm.

Aki Watzke ist vieles – unter anderem immer noch Geschäftsführer von Borussia Dortmund.
Aki Watzke ist vieles – unter anderem immer noch Geschäftsführer von Borussia Dortmund.imago/Revierfoto

Hans-Joachim Watzke hält im Ballsaal Hof. Das erscheint sowohl dem bedeutenden Anlass angemessen als auch der zentralen Position seiner Person im deutschen Profifußball: Pressekonferenz des Aufsichtsratschefs der Bundesliga im Hotel Kempinski Gravenbruch, der in Personalunion auch Geschäftsführer von Borussia Dortmund, DFB-Vizepräsident, Mitglied der Gesellschafterversammlung des DFB, Vorstandsmitglied beim mächtigen europäischen Klubverband ECA, künftig Mitglied der Uefa-Exekutive und seit 28 Jahren Präsident des Amateurligisten Rot-Weiß Erlinghausen ist. Und gerade ganz besonders: Chef-Sanierer des daniederliegenden deutschen Fußballs.

Seitenhieb auf Oliver Kahn

Es ist keinesfalls übertrieben zu behaupten: Beim 63-jährigen Allrounder laufen ziemlich viele Fäden zusammen. Weil so einer laut Selbstauskunft gerade „30 bis 40 Anfragen für Exklusivinterviews“ vorliegen hat, die selbst ein fleißiger Mensch wie der Sauerländer unmöglich alle erfüllen kann, lädt er der Einfachheit halber in jenen Ort ein, an dem er am Vortag: a) Hansi Flick nach Aussprache im Amt des Bundestrainers bestätigte, b) Donata Hopfen in Abwesenheit aus deren Amt einer Bundesligachefin verabschiedete, c) Axel Hellmann von Eintracht Frankfurt sowie Oliver Leki vom SC Freiburg übergangsweise für die überforderte Frau Hopfen installierte, ehe d) am 1. Juli kommenden Jahres am besten zwei Neue gefunden werden für die trotz magerer Leistungsdaten fürstlich abgefundene Ex-CEO.

Watzke will sich mit ein paar Kollegen selbst auf die Suche machen und nicht wieder sündhaft teure Headhunter auf die Jagd schicken (die dann genau die falsche Wahl treffen). Sein Credo nach dem Reinfall mit Hopfen: „Es wäre nicht schlecht, eine Geschäftsführung zu installieren, die nicht komplett fußballfremd ist.“ Wer weiß, vielleicht finden der Frankfurter Hellmann und/oder der Freiburger Leki so viel Gefallen am Interimsjob, dass sie ihn gleich ganz übernehmen.

Manche in der vielstimmigen Branche fürchten nämlich durch Multitasker Watzke und die erstaunliche Unsichtbarkeit des FC Bayern gerade eine Dortmundisierung der Bundesliga, Watzke pariert eine solche Vorhaltung lässig, sagt, er hätte es gern, wenn der Branchenführer sich auch in Person ihres bekanntesten Gesichts mehr mit einbringt. Geht ganz einfach in einer Demokratie, kleiner Seitenhieb auf Oliver Kahn: „Die unkomplizierteste Lösung ist, wenn man in unserem Präsidium um ein Amt kandidiert.“

Rat an DFB-Präsident Neuendorf

Telefonisch hat Netzwerker Watzke das mit dem Bayern-Boss längst geklärt. „Ich habe Gespräche mit Kahn und auch mit Rummenigge geführt, weil mir wichtig ist, dass der größte Klub in alle Entscheidungen mit eingebunden ist.“ Alles paletti soweit, wiewohl Kalle Rummenigge gar kein Amt bei den Bayern mehr innehat.

Auch mit Hansi Flick, dem zuletzt ein wenig renitent daherkommenden Bundestrainer, sei es am Vortag harmonisch zugegangen. „Eine Trennung stand überhaupt nicht zur Diskussion.“ Das ist insoweit eine interessante Interpretation, als der derzeit auffällig unsichtbare DFB-Präsident Bernd Neuendorf vor einer Woche am Airport in Doha die Zukunft von Flick noch in einen Forderungskatalog gekleidet hatte. Nur leere Worte? Flick war zur Sitzung am Mittwoch noch nicht mal mit einem Laptop unterm Arm erschienen. Eine Tiefenanalyse, wie von Neuendorf angekündigt, kann eher nicht stattgefunden haben.

Watzke rät dem geschätzten Kollegen Neuendorf, noch ein wenig zuzuwarten, ehe der DFB-Chef sich dann auch mal öffentlich etwas umfangreicher äußern sollte als bloß zwei Minuten in Doha mit Aussagen, die sich bald darauf als den vorbereiteten Text nicht wert herausstellten. Er wolle „den handelnden Personen im DFB nicht reinquatschen“, so Watzke, habe aber selbst die Erfahrung nach verlorenen Finals gemacht: „Es ist immer besser, wenn du erst mal ein paar Tage lang die Klappe hälst.“ Denn: „In den ersten zwei, drei Tagen der Enttäuschung kannst du mit jedem Satz viel mehr zerstören, als du jemals wieder aufbauen kannst.“ Man kann Watzkes Worte auch so interpretieren: Neuendorf hat am Flughafen schon mal einen Kardinalfehler begangen.

Eile mit Weile bei der Suche nach einem Bierhoff-Nachfolger

Wie dem auch sei: Watzke findet außerdem, dass in der Suche nach einem Bierhoff-Nachfolger Eile mit Weile verbunden gehört: „Es wäre schön, wenn wir vor Weihnachten irgendeine Lösung hätten. Ich glaube aber nicht, dass wir das schaffen.“ Kein Grund, in Hektik zu verfallen, die Nationalmannschaft spielt sowieso erst wieder nächsten März.

Ohnehin sieht der BVB-Klubchef keinen Anlass zur Hyperaktivität. „Es war nicht alles schlecht. Wir sind nicht sang- und klanglos ausgeschieden. Es war unbefriedigend. Aber wir haben uns auch nicht komplett in Schutt und Asche gelegt.“ Die Fundamentalkritik des Kollegen Oliver Ruhnert von Union Berlin, der den Deutschen Fußball-Bund „im Gesamtbereich schlecht aufgestellt“ sieht, kann Watzke nichts abgewinnen. Dies sei „sachlich nicht richtig“, und es sei auch ungerecht zu behaupten, es sei „alles Mist“ beim DFB. „Da muss man auch mal an die vielen Leute denken, die da ehrenamtlich arbeiten und sich die ganze Woche abrackern.“

Im März will Watzke übrigens sein Präsidentenamt bei Rot-Weiß Erlinghausen niederlegen. Wird doch alles ein bisschen viel gerade.