Einen Tag nach dem Rausschmiss des Stürmers Daniel Frahn aus dem Team des Fußball-Drittligisten Chemnitz FC tobt im Netz eine heftige Diskussion über die Vertragskündigung. Bis zum Vormittag waren mehr als 2 000 Kommentare auf der Facebook-Seite des Vereins eingestellt worden. Die meisten Absender verurteilten die Entscheidung des Klubvorstandes, den Vertrag mit dem einstigen Teamkapitän fristlos zu kündigen. Von einer Meinungsdiktatur DDR 2.0 war die Rede und davon, seit wann in Arbeitsverträgen vorgeschrieben sei, mit wem man sich in seiner arbeitsfreien Zeit treffen dürfe.

Frahn, der aufgrund einer Verletzung am letzten Sonnabend nicht im Mannschaftsaufgebot stand, hatte sich im Auswärtsspiel beim Halleschen FC in den Gästeblock zu rechtsradikalen Fans des CFC gestellt. Der Klub wertete dies in einer Erklärung als „offenkundig zur Schau gestellte Sympathie zu führenden Köpfen der rechts gesinnten Gruppierung „Kaotic Chemnitz“ und der aufgelösten Gruppe „NS-Boys“ und warf Frahn „massiv vereinsschädigendes“ Verhalten vor.

Porträt von Thomas Haller

Zu der überraschenden Vertragskündigung hatte beigetragen, dass der einstige CFC-Stürmer ein Wiederholungstäter ist. Erst im März hatte Frahn in einem Viertliga-Punktspiel gegen die VSG Altglienicke beim Torjubel ein in rechten Kreisen kursierendes T-Shirt der Chemnitzer Hooligan-Szene mit der Aufschrift „Support your local hools“ („Unterstützt Eure lokalen Hools“) hochgehalten. Damals hatten rechtsextreme CFC-Fans bereits vor dem Anpfiff des Spiels in einer Schweigeminute mit Transparenten und einem auf der Stadionleinwand eingeblendeten Porträt des Neonazis Thomas Haller gedacht, der wenige Tage zuvor einem Krebsleiden erlegen war.

Die Aktion hatte bundesweit für Aufmerksamkeit gesorgt, Frahn wurde mit Spielsperre und Geldstrafe belegt. Der Verein distanzierte sich anschließend öffentlich von seinem rechtsradikalen Anhang und sicherte zu, „weiterhin konsequent gegen jedwedes verfassungsfeindliches Gedankengut sowie deren Sympathisanten“ vorzugehen. Schon im Sommer 2018, nach den rassistischen Ausschreitungen im Anschluss an den Tod eines Deutsch-Kubaners in Chemnitz, hatten sich die Eigentümer des Klubs in einem Gesellschaftervertrag verpflichtet, „ein Bollwerk gegen Rechtsradikalismus“ zu sein.

Stadionverbot für "NS-Boys"

Die Führungskräfte bekannter rechter Hooligan-Gruppen wie „Kaotic Chemnitz“ und „NS-Boys“ wurden zudem mit Stadionverbot belegt – das allerdings nur für Heimspiele gilt. Deshalb waren diese Neonazis auch in der Gästekurve des Halleschen Stadions, wo sich Frahn zu ihnen gesellte.

Offenbar war der ehemalige Kapitän aber auch nicht zufällig in die Nähe dieser Personen geraten. Wie der Chemnitzer FC erfahren haben will, soll Frahn mit einigen Hooligans angereist und danach auch mit ihnen in seinem privaten PKW zurückgefahren sein. Zudem habe mindestens eine der Personen, mit denen Frahn im Gästeblock zusammenstand, Hausverbot im Chemnitzer Stadion, so der CFC. Frahn selbst und seine Beratungsagentur äußerten sich zunächst nicht.

Schon seit 1990er Jahren hat der Verein ein Problem mit dem Teil seiner Anhänger, der sich aus der weit verzweigten Neonazi- und Hooliganszene in Chemnitz und ganz Westsachsen speisen. Bereits kurz nach der Wende hatte sich die Fangruppe HooNaRa gegründet, deren vollständiger Name „Hooligans-Nazis-Rassisten“ programmatisch ist. Sie war bis einige Zeit nach der Jahrtausendwende die wichtigste Unterstützergruppe, die einige Hundert Angehörige aus der Türsteher- und Kickboxszene sowie der organisierten militanten Neonaziszene zusammenbrachte. Vor gut zehn Jahren übernahmen neue rechte, gewaltaffine Ultra-Gruppierungen wie – die inzwischen aufgelöste – New Society Chemnitz, die sich auch NS-Boys nannten, und Kaotic Chemnitz den Rang von HooNaRa in der Fankurve im Stadion der Himmelblauen an der Chemnitzer Gellertstraße.

Der Rausschmiss des CFC-Stürmers und die anhaltenden Probleme mit der rechtsradikalen Fanszene treffen den insolventen sächsischen Drittligisten mitten in seiner tiefsten Krise. Ende letzter Woche haben alle Trainer und Mitarbeiter des Nachwuchszentrums vom Insolvenzverwalter Klaus Siemon ihre Kündigung erhalten. Auch die Förderverträge mit den Talenten wurden gekündigt. Die vorhandenen Mittel reichten nicht mehr aus, um sämtliche Kosten und Verbindlichkeiten zu decken, begründete Siemon den Schritt. Gestern sicherte der Klub zu, dass seine Gesellschafter vorerst weiter einstehen für das Nachwuchszentrum. Zumindest für August seien alle Verträge gesichert.

Thomas Sobotzik warnt

CFC-Sportdirektor Thomas Sobotzik hatte am Rande des Spiels in Halle gesagt, die Situation des Vereins sei „sehr bedrohlich“. Tatsächlich steht bereits jetzt eine Drittliga-Zulassung für die Spielzeit 2020/21 in Frage, denn dafür wäre es nötig, dass der CFC mindestens fünf eigene Jugendmannschaften im Verbandsspielbetrieb stellt. Ohne das Nachwuchszentrum wäre das aber kaum möglich. Ein Ausweg aus der Krise könnte sein, dass ein neuer Verein gegründet wird, der als Mutterverein fungiert. In Fankreisen wird bereits gemutmaßt, dass der dort verhasste Insolvenzverwalter den Boden bereiten könnte für einen neuen „Rasenballsportverein RB Chemnitz“.